Ein Abschied -Thomas Klestil

Schlag nach bei Aristoteles
Die Aufgabe der Tragödie besteht nach Aristoteles darin, das “charakterische Vergnügen” so effizient wie möglich herbeizuführen. Die Struktur der Handlung muss von ihrer Wirkungsfunktion her verstanden werden, also der Hervorbringung einer bestimmten emotionalen Erfahrung. Aristoteles zur Folge besteht diese aus Mitleid, Furcht und Katharsis.

In der “Rhetorik” definiert Aristoteles Furcht als die gedankliche Vorwegnahme des Bösen, der Angst und der Unruhe, die durch das geistige Bild einer drohenden Gefahr verursacht wird. Dieses Bild muss genügend stark sein, um die betreffende Emotion hervorrufen zu können.

Gewitterwolken zogen auf
Die am Montag Vormittag dieser Woche einsetzende Dramaturgie des Abschieds von unserem Staatsoberhaupt stand unter besonderen Vorzeichen. Die Bevölkerung war auf den bevorstehenden Amtswechsel vorbereitet, doch nicht auf diese Weise.

Im Radio und Fernsehen wurde die Musik immer langsamer – von Stunde zu Stunde. Almmählich wurden dem Land die dunkleren Vorhänge vorgezogen, wurde dem Volk ein düsterer Hut aufgesetzt. “Noch während dieser Mann am Leben war, wurde in den Fernsehshows schon in der Mitvergangenheit über ihn geredet”, schrieb Marlene Streeruwitz im Standard. Trotz aller schlechten Nachrichten blieb bis zu letzt ein Funken Hoffnung.

Leid, dass jemand nicht verdient
Nach Aristoteles wird Mitleid durch ein geistiges Bild oder eine Vorstellung von etwas Bösem oder Verhängnisvollem verursacht, das jemanden zustößt, der es nicht verdient. Furcht und Mitleid sind Gefühle, die nahe beieinander liegen.

Demnach handelt es sich bei dem aristotelischen Mitleid um ein intensives und angstvolles Mitgefühl, dass dadurch hervorgerufen wird, dass man dem unverdienten Leid einer Person beiwohnt. Die Handlung verschafft dem Publikum die Gelegenheit, über Wege nachzudenken, wie man der Katastrophe entrinnen könnte und an den Geschehnissen des Dramas teilzunehmen: Mitleiden weckt Mitgefühl.

Umstrittener Präsident
Ein von ihm selbst in die Öffentlichkeit getragener Rosenkrieg, das Streben nach mehr Macht, die Inthronisierung einer Regierung die international kein hohes Ansehen genoss und die Intimfeindschaft zum Bundeskanzler prägten die beiden Amtszeiten von Thomas Klestil. Österreich hat einen bemühten, aber nicht unumstrittenen Präsidenten verloren.

Es war vor allem Haiders Aufstieg in Österreichs Politik, der die zweite Amtszeit Klestils überschattete. Bis zuletzt hatte der konservative Präsident versucht, die Bildung der Rechtskoalition aus ÖVP und FPÖ zu verhindern, doch überstieg dies seine Möglichkeiten. Angeblich wollte Klestil in seiner Abschiedspressekonferenz noch einmal seine negative Meinung zur derzeitigen Koalitionsregierung andeuten.

Gerechtigkeit zum Abschluss
In vielen Kommentaren wurde beklagt, dass die einstigen Gegenspieler Klestils bei ihren Trauerreden “heuchlerisch” gewesen wären. In der Dramaturgie muss die vorher aufgebaute Spannung wieder abgebaut werden. Wenn man Zeuge einer Ungerechtigkeit wird, dann bereitet es Vergnügen, der Wiederherstellung moralischer Gerechtigkeit beizuwohnen. Je größer das Unrecht, desto intensiver am Schluss das Vergnügen.

Vielleicht hat Nationalratspräsident Khol in seiner Trauerrede gerade daran gedacht, als er unter dem Motto handelte: “Des Übels Heilung liegt in dessen Übertreibung!”
(c) Viennawolf 09. 07. 2004

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