Ein essender Zivildiener

Der Innenminister denkt anders: Ein essender Zivildiener?*

BM: Ja da kann man nichts machen.

Z: Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie sie sicher schon gemerkt haben, spreche ich heute mit dem Herrn Innenminister…

BM: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber wenn Sie beabsichtigen, den Zivildienst während meiner Amtszeit als Innenminister zu machen, dann möchte ich doch gebeten haben, dass Sie dabei nicht essen.

Z: Aber entschuldigen Sie, als Zivildiener könnte ich es mir gar nicht leisten, dass ich esse.

BM: Aber Sie essen. Das sehe ich doch.

Z: Schliesslich muss ich doch selbst wissen, wann ich esse und ob ich esse.

BM: Das möchte man meinen, dass Sie das selbst wissen müssen. Das möchte man meinen. Aber offenbar wissen Sie es nicht. Sie essen ununterbrochen. Was haben’s denn da für einen Bon?

Z: Schauen Sie, ich bin Zivildiener, und ich weiß…

BM: Das ist mir egal ob Sie Zivildiener sind oder nicht. Ich habe nur gesagt, wenn Sie den Zivildienst machen wollen, dann dürfen Sie dabei nicht essen. Das bin ich meinem Ansehen und dem der Republik schuldig.

Z: Ich muß Ihnen da leider widersprechen. Ich könnte mir als Zivildiener doch gar nicht…

BM: Das ist überhaupt -, wo kämen wir denn da hin.

Z: Schauen Sie, ich bin Zivildiener. Ich könnte mir als Zivildiener doch unmoeglich leisten…

BM: Aber Sie werden mir doch nicht…

Z: Dass ich während meines Zivildienstes esse.

BM: Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Sie nicht essen.

Z: Sie haben ja doch keine Beweise dafür.

BM: Beweise! Ich habe einen Beweis.

Z: Welchen?

BM: Mehrere Beweise!

Z: Welchen Beweis haben Sie?

BM: Dass die Pauschale immer kleiner wird.

Z: Das ist noch lange kein Beweis, dass ich esse, während ich meinen Zivildienst mache.

BM: Jedenfalls, bei mir werden Sie diesen Zivildienst nicht machen. Jedenfalls nicht, solange Sie essen. Das kann ich Ihnen sagen, das hätte es früher nicht gegeben. Dass man beim Zivildienst isst.

Z: Ich esse ja gar nicht.

BM: Traurig ist das. Natürlich essen Sie! Das sehe ich doch, dass Sie essen.

Z: Sie haben keine Beweise!

BM: Es hat früher keinen Zivildienst gegeben, aber wenn es einen gegeben hätte, das kann ich Ihnen sagen, da hätten die Zivildiener nicht gegessen, so wie Sie das tun.

Z: Sehr geehrter Herr Innenminister, ich bin zum Zivildienst gekommen um zu fasten und nicht um zu essen. Glauben Sie, ich bin so blöd…

BM: Ich finde das sehr traurig, dass Sie während des Zivildienstes essen.

Z: Glauben Sie, ich bin so blöd und würde zu essen anfangen, wenn ich unter Ihrer Führung meinen Zivildienst ableisten möchte. Es gibt genügend Alternativen zum Zivildienst, Wehrdienst zum Beispiel…

BM: Und wo Sie dabei essen können?

Z: Glauben Sie, man würde an meiner Stimme nicht merken, dass ich andauernd am Essen bin. Das könnte ich ja gar nicht machen. Ich habe doch den Wunsch, meinen Zivildienst abzuleisten, der ist mir doch wichtiger als das Essen!

BM: Aber Sie essen ja. Ich “riech” es ja doch. Selbst wenn ich es nicht sehen und hören würde, meine Beamten würden es “riechen”.

Z: Sie riechen etwas Anderes. Ich sage Ihnen, fürs erste sage ich Ihnen, dass ich nicht esse, das können Sie nicht beweisen, infolgedessen esse ich auch nicht. Schließlich, ich als Zivildiener, soviel Abschätzungsvermögen müssen Sie mir schon zugestehen, dass ich selbst feststellen kann, ob ich esse oder nicht.

BM: Das ist ja, was Sie daherreden…

Z: Ich sage noch einmal…

BM: Das widerspricht ja dem gesunden Menschenverstand. Sie können doch nicht behaupten, dass Sie nicht essen -

Z: Schauen Sie, ich muss Ihnen noch einmal…

BM: Und dabei essen.

Z: Ich muß Ihnen noch einmal erklären, ich könnte mir als Zivildiener das gar nicht mehr leisten, dass ich esse, während ich meinen Zivildienst ableiste. Das müssen Sie doch selbst verstehen. Das können, das müssen Sie doch zugeben. Wo kämen wir denn da hin, wenn der Zivildiener heutzutage essen würde…

BM: Sie essen ununterbrochen…

Z: Jetzt bitte lassen Sie mich…

BM: Und Sie sprechen mit vollem Mund! Das hört man doch!

Z: Wer hört das?

BM: Ja ich, und meine Beamten hören das. Sie essen, und ich, und ich lehne es ab, dass Sie Zivildienst leisten…

Z: Ich bin ein Mann mit genauer Lebensplanung. Und wenn Sie glauben, ich könnte mir mein Leben nicht besser einteilen, dass ich gleichzeitig essen würde und Zivildienst machen – da hätte ich ja gar keine Lebensplanung. Fuer so intelligent müssen Sie mich schon halten, daß ich imstande bin, mir mein Leben so einzuteilen, dass…

BM: Ja das stimmt schon – aber…

Z: Dass ich beides nicht gleichzeitig mache.

BM: Ich wollte Sie auch nicht kränken. Aber…

Z: Aber Sie sind mir jetzt nahe getreten…

BM: Aber natürlich…

Z: Sie haben mich beschuldigt…

BM: Ich wollte Sie nicht beschuldigen, ich wollte Sie auch nicht kränken.

Z: Sie haben mehrmals gesagt…

BM: Ich wollte nur -, Sie müssen mir nur andererseits auch zubilligen, dass ich nicht jemand Zivildienst ableisten lassen kann, der dauernd mit vollem Mund auf mich einredet. Das ist kein Benehmen das Sie da haben. Das ist kein Benehmen.

Z: Schauen Sie…

BM: Das ist traurig. Das ist eine traurige Geschichte.

Z: Benehmen hin…

BM: Traurig ist das, das kann ich Ihnen sagen.

Z: Ich muss Ihnen leider…

BM: Das ist sehr traurig, wenn Sie glauben, dass Sie Zivildienst leisten können, und während dessen immer essen, das ist traurig. Ein -, ein Zivildiener -, das ist -, das ist mir noch nie unterge…, ich habe schon viel vom Zivildienst gehört, aber das ist mir noch nie untergekommen.

Z: Ja…

BM: Dass ein Zivildiener gegessen hat, während des Zivildienstes…

Z: Ich esse ja nicht.

BM: Ja -, jetzt haben Sie aufgehört, weil Sie -, weil nichts mehr da ist.

Wie uns von zuverlässiger Seite von Ohrenzeugen versichert wird, soll der Zivildiener zweifellos mit vollem Munde gesprochen haben. Dies wäre an sich noch kein Beweis, dass der Zivildiener tatsächlich gegessen hat, denn bekanntlich können Zivildiener bisweilen auch den Mund voll nehmen ohne dabei zu essen. Mit 43 oder gar nur 15 oeS Verpflegungsgeld ist die Wahrscheinlichkeit dafuer auch relativ gering. Und wenn in unserem Fall auch Schmatz- und Kaugeräusche deutlich wahrnehmbar gewesen sein sollen, sehen wir uns ausserstande, die aufgeworfene Frage, ob der Zivildiener gegessen hat oder nicht, eindeutig zu beantworten.

Dieses Interview ist eine Anlehnung an ein “Alpenländisches Interview” von Otto Gruenmandl und Theo Peer: “Ein essender Reporter?” in: Meinungsforschung im Gebirge. Wien: Europaverlag 1973.

*Jeder Bezug zu lebenden Personen ist absolut ungewollt und rein zufällig…

(c) Viennawolf Februar 2001

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