Exkursion nach Mauthausen 1992

Knapp vor meiner Matura hatte ich die ehrenvolle Aufgabe einen Bericht über unsere Exkursion in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen zu verfassen. Ich schrieb zunächst einen recht sachlichen Artikel, an dem ich mehrere Stunden arbeitete. Doch nach der „Fertigstellung” spürte ich, dass ein derart den menschlichen Verstand übersteigendes Thema anders abgehandelt werden muss. Die FPÖ war gerade mitten in ihrer „Expansionsphase”, die Briefbombenserie lag noch vor uns, und auch noch ein paar andere (politisch) unerfreuliche Dinge. Hier nun der Versuch eines 18-jährigen angehenden Maturanten etwas darzustellen, was nicht in Worte gefasst werden kann:

Gegenwärtig ist in nahezu ganz Europa ein politischer „Rechtsruck” feststellbar. Nach rund sechzig Jahren beschäftigt die Politiker wieder eine Frage, die einen hellhörig werden lassen sollte: die „Ausländerfrage” gilt es zu lösen, wobei vor allem die Darstellung des Problems als eine Frage trauriger Erinnerungen an die „Judenfrage” im Dritten Reich wach werden lässt.

Noch viel schlimmer aber ist, dass sich Neonazis ungeniert in Szene setzen, paramilitärische Übungen abhalten, vor laufender Kamera die Zulassung der NSDAP bei Wahlen fordern, und Brandanschläge, unter anderem auch auf die Gedenkstätte Mauthausen, verüben, und das, wenige Tage nachdem wir (8a, 8b des BORG Hermagor und eine Klasse eines Villacher Gymnasiums) die Gedenkstätte, mit Kassettenrecorder und einem Tonband ausgestattet, von dem uns wichtige Informationen zur jeweiligen „Station” vorgespielt wurden, besichtigt hatten. Im Museum sahen wir uns einen 45 Minuten langen Film an, in dem auch Zeitzeugen zu Wort kamen.

Im April 1938 wurde in Berlin die SS-Firma „Deutsche Erd- und Steinwerke-GmbH” (DEST) gegründet, um auf wirtschaftlich-rechtliche Form die Mauthausener und Gusener Steinbrüche zu erwerben. Die Granitsteinbrüche wurden deshalb als Standorte eines Konzentrationslagers Mauthausen (KLM) bestimmt. Unter den Häftlingen waren Österreicher, Tschechen, Slowaken, Polen, Dänen, Norweger, Belgier, Franzosen, Holländer, Engländer, Luxemburger, Jugoslawen, Griechen, Albaner, Sowjetbürger, Italiener, Ungarn, Bulgaren, Schweizer, Rumänen, Araber, Chinesen, Spanier.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über die säuberlich vom NS-Regime aufgezeichneten Verbrechen. Besonders beeindruckend waren die Kunstwerke der Häftlinge, in denen sich die Hoffnung auf ein Überleben widerspiegelt, wie zum Beispiel das Schachbrett eines Ungarn, oder ein Radio, das zum Hören von „Feindsendern” benutzt wurde.

Wir sahen die Bilder eines verkrüppelten Lehrers: zuerst in Häftlingskleidung, dann nackt, und schließlich als Skelett. Die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden, die Gaskammern, die Todesstiege und die Denkmäler der Staaten, aus denen die Opfer stammen.

Für viele von uns ist das, was hier geschehen ist, kaum vorstellbar. Eine Frage tauchte immer wieder auf: Wie konnten Menschen so Handeln? Noch weit größer ist die Verwunderung über Leute, die dem menschenverachtenden NS-Regime etwas Positives abgewinnen können, diesem System nachweinen und es wieder errichten wollen.

(c) Viennawolf Mai 1993 (Publiziert im Jahresbericht 1992/93 des BORG-Hermagor)

About the Author

has written 198 stories on this site.

Write a Comment

Gravatars are small images that can show your personality. You can get your gravatar for free today!

Copyright © 2019 Viennawolf-MAGAZIN. All rights reserved.
Powered by WordPress.org, Custom Theme and ComFi.com Calling Card Company.