Jemand lebt, nicht etwas

Derzeit herrscht Goldgräberstimmung. Weltweit werden „Claims“ abgesteckt und durch Patente abgesichert, in der Hoffnung, am Ende menschliche Embryonen erzeugen und ausbeuten zu können. Allein bei den embryonalen Stammzellen geht es um einen lukrativen Markt, den Experten auf drei bis sieben Milliarden Euro pro Jahr schätzen. Das allein erklärt das Interesse, obwohl es nachweislich Alternativen gibt. Günter Pöltner, Mitglied der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, hielt in Klagenfurt St. Egid einen Vortrag zum Thema „Menschliches Leben als Instrument der Medizin?“

Exkurs: Abgestufter Lebensschutz

Der Lebensschutz steigt mit zunehmender Entwicklung des Lebens. Mit der Befruchtung ist nur neues menschliches Leben gegeben, noch nicht ein neuer Mensch. Der Begriff des so genannten „Prä-Embryos“ wird eingeführt. Der Beginn neuen Lebens und des Lebensschutzes verschiebt sich um einige Tage. Ein menschlicher Embryo ist somit einer Güterabwägung unterworfen.

Exkurs: Unteilbarer Lebensschutz

Mit der Befruchtung ist menschliches Leben grundgelegt. Der Beginn des Lebens fällt mit dem Lebensschutz zusammen. Eine Güterabwägung des menschlichen Embryos ist nicht zulässig.

Typen der Stammzellen

„Was ist das Subjekt des Lebens?“ Diese grundlegende Frage stellte Günter Pöltner anlässlich seines Vortrages jenen, die sich den Argumenten des abgestuften Lebensschutzes in der Frage der embryonalen Stammzellen anschließen. Um an der Ethikdebatte in der Stammzellenfrage teilnehmen zu können, ist es immens wichtig zu wissen, dass vier Typen unterschieden werden: embryonale, fötale, adulte und Nabelschnurblutstammzellen.

Ab wann ist man Mensch?

Das ethische Problem embryonaler Stammzellen liegt in ihrer Gewinnung: Der Embryo muss zerstört werden. In diesem Zusammenhang tauchen natürlich ungeheure Fragen auf: Sind Embryos Träger fundamentaler Menschenrechte oder können sie der Güterabwägung unterliegen?

Der Streit der Fachleute läuft schon seit Jahren, und den Befürwortern embryonaler Stammzellenforschung kann man Respekt vor menschlichem Leben nicht ohne weiteres absprechen. Auch sie haben ihre Prinzipien. So soll die Forschung nur an so genannten „überzähligen“ Embryonen erlaubt sein, die ohnehin schon dem Untergang geweiht wären. „Stichtagslösung“ und hochrangiges Forschungsziel“ bzw. „alternativloser Forschungsweg“ sind weitere semantische Beruhigungspillen für das Gewissen jener Naturwissenschafter, die in für die Menschheit bisher unzulängliche Bereiche vorstoßen. Bereiche, die unsere Gesellschaft bisher nur einer übergeordneten Autorität – Gott -, zugebilligt hat.

Die Gesellschaft muss für Innovation und Veränderung offen sein, denn davon hängt die Gestaltung eines guten Lebens ab. Die Gesellschaft muss für Innovation und Veränderung offen sein, denn davon hängt die Gestaltung eines guten Lebens ab. Die Verwandlung der Medizin von einer heilenden zu einer menschenmachenden Praxis verändert das Menschenbild und die soziale Wirklichkeit mit unbekannten Folgen. Ethik und Moral sind nicht statisch, sondern kulturabhängig.

Technokratie oder Moral?

Wissenschaft, Ingenieure und Techniker müssen sich in den Institutionen der Demokratie die Frage stellen, welche Gesellschaft aus der Anwendung ihrer Erkenntnisse entsteht. Es geht nicht nur um Entscheidungen, für die ein enormer ökonomischer Druck aufgebaut wird, sondern auch um Wirkungen für Gesellschaft, für unsere Kultur, für ein gutes Leben, die bedacht werden müssen. Das ist heute eine ureigene Aufgabe der Politik in der Demokratie. Wenn es in der Politik nicht gelingt, weltverändernde Kräfte wie Wirtschaft und Wissenschaft in zivilgesellschaftlichen Verfahren einzubinden, wird die Demokratie zu einem leeren Regelwerk.

Wir durchlaufen Lebensphasen: Jeder von uns war einmal ungeboren. Jeder von uns kann sagen: „Ich war einmal ein Embryo.“ Mensch zu sein heißt Kind zu sein, ein Erwachsener, oder auch ein Sterbender. Wer die Menschwerdung einteilt in Bereiche die unter Lebensschutz fallen und solche, die nicht darunter fallen, sollte das bedenken, zumal sich die Stammzellenforschung ja nicht auf embryonale beschränken muss.

Menschenrechte haben auch sehr viel mit Menschenwürde zu tun. „Wenn wir Zweifel haben, ob wir diese individualisierte Spielart der Eugenik wirklich wollen, sollten wir aufpassen, was die Praktiken, um die es heute geht, zu dieser Entwicklung beitragen“, so der deutsche Soziologe Jürgen Habermas in einem Interview.

(c) Viennawolf 16. 03. 2003 (erschienen in der „Kärntner KirchenZeitung“)

About the Author

has written 198 stories on this site.

Write a Comment

Gravatars are small images that can show your personality. You can get your gravatar for free today!

Copyright © 2019 Viennawolf-MAGAZIN. All rights reserved.
Powered by WordPress.org, Custom Theme and ComFi.com Calling Card Company.