Sterben wir aus?

Europa befindet sich in einem langsamen Prozess, der gerne als “Vergreisung” bezeichnet wird. Es ist ein langsamer, überschaubarer Prozess, der nur wenige Überraschungen in sich birgt. Wir sehen jedes Jahr, wie sich die Geburten- und Sterbeziffern entwickeln. Die Geburtenzahlen werden in Österreich und in den meisten anderen Ländern der Europäischen Union sinken. Zugleich wird trotz steigender Lebenserwartung die Zahl der Sterbefälle in die Höhe gehen. Es wird in Zukunft mehr Sterbefälle als Geburten geben. Heute haben schon 12 der 25 EU-Mitgliedsstaaten eine höhere Sterbe- als Geburtenzahl. Diese Zahl wird sich vermutlich auf 20 bis 22 steigern.

Zwei Phänomene

Wir haben eine verlängerte Lebenserwartung über die wir froh sein können. Es gibt in Europa kein Anzeichen, dass dieser Prozess der steigenden Lebenserwartung gestoppt wird. Derzeit erhöht sich die Lebenserwartung pro Jahr um etwa 3 Monate. Diese Generation in Europa mit der höchsten Lebenserwartung in der Menschheitsgeschichte hat gleichzeitig so wenige Kinder zur Welt gebracht wie in keiner Generation davor.

In einigen Ländern Europas gibt es bereits Schließungen von Schulen, da die Kinderzahl soweit gesunken ist, dass das Netz der Pädagogik nicht mehr so dicht gespannt werden kann. Die einheimische Bevölkerung wird kleiner, und in der Folge stehen auch weniger Menschen im Erwerbsleben. Insgeheim besteht in Europa die Hoffnung, dass damit das Problem der hohen Arbeitslosenrate in den Griff bekommen wird.

Es scheint ein Widerspruch zu sein: Ausgerechnet jene Länder, die sich aufgrund ihres Reichtums, dem technischen und medizinischen Wissen große Möglichkeiten bieten, können sich keine Kinder leisten. Kinderlosigkeit oder Kinderarmut bedeutet, dass es weniger familiäre Bindungen zwischen den Generationen gibt. Wenn ein Elternpaar beispielsweise nur 1 Kind hat, bedeutet das später, falls die Eltern ein Pflegefall werden sollten, dass dieses Kind diese „Last” alleine tragen muss. Für kinderlose Eltern bedeutet das eine Abhängigkeit im Alter von fremden Personen, vom Phänomen der Einsamkeit ganz zu schweigen. Das bedeutet, dass familiäre Beziehungen in einer alternden Gesellschaft schwächer werden, und auch der Generationenvertrag ist schwerer einzuhalten.

Trittbrettfahrer und Sozialschmarotzer

Der Sozialstaat nimmt dem Individuum Risiken ab: Die materielle Versorgung in Krisenzeiten und im Alter hängt nicht von der Zahl der eigenen Kinder ab. Im Gegenteil: Wenn ich keine Kinder habe, fallen für mich persönlich keine zusätzlichen Kosten an. Ich kann mehr Geld verdienen, davon etwas Sparen, längere Pensionszeiten erwerben und damit eine höhere Pension genießen.

Kinder sind aus der Sicht der Gemeinschaft eine langfristige Investition. Es dauert, bei guter Ausbildung, mindestens 20 Jahre, bis sie ins Erwerbsleben eintreten. Für das Individuum bedeutet das eine Einschränkung seiner Erwerbstätigkeit und damit einen Karrierenachteil. Insbesondere Frauen werden bei der Pension bestraft, da die entsprechenden ertragreichen Berufsjahre fehlen. Die Kindererziehungszeiten werden zwar für die Pensionsversicherung herangezogen, die angerechneten Beträge sind im vergleich zu einem erfolgreichen Erwerbsleben jedoch viel zu gering. Man kann dazu sagen, dass diejenigen am meisten von Kindern haben, die gar keine haben. Wenn ich selbst keine Kinder habe, alle anderen aber Nachwuchs bekommen, kann ich einerseits mein Einkommen maximieren und andererseits ist meine Pension abgesichert.

Warum weniger Kinder?

Die beste materielle Absicherung ist ein eigenes Einkommen für einen langen Zeitraum, am besten bis zum Pensionsantrittsalter. Innerhalb der Europäischen Union kann man beobachten, dass in jenen Ländern, in denen die Frauenerwerbsquote besonders niedrig ist, bzw. die Frauenarbeitslosenrate besonders hoch ist, die Geburtenrate besonders niedrig ist. In traditionellen katholischen Ländern wie Italien, Portugal und Spanien ist das sehr gut zu sehen. Das traditionelle Familienbild mit der Erziehung zu Hause durch die Mutter scheint ausgedient zu haben.

Warum ist das so? Wenn es einem möglich ist, sein Einkommen zu sichern, so kann man auch seine Kinderwünsche erfüllen. Bei einem unsicheren Einkommen wird der Kinderwunsch in Frage gestellt, und wenn man sich zwischen Kind und Einkommen entscheiden muss, entscheidet man sich in den allermeisten Fällen für das Einkommen.

Wie kann die Situation verbessert werden?

Es gibt in Europa bei der Geburtenzahl große Unterschiede. In den skandinavischen Ländern, aber auch in Frankreich sind die Kinderzahlen um bis zu 25 Prozent höher als in Österreich oder Deutschland.

In Frankreich gibt es eine flächendeckende außerhäusliche Kinderbetreuung. Es gibt Krippenplätze, das Eintrittsalter in die Schulen ist mit 5, und man bevorzugt ein Schulmodell mit Ganztagsschulen. Jede Frau in Frankreich kann sich, im Gegensatz zu Österreich, sicher sein, dass ihre Kinder am Vormittag und am Nachmittag von öffentlichen Einrichtungen betreut werden, dass sie mit Essen versorgt werden, und dass die Hausaufgaben gemacht werden, usw. Das bedeutet, dass den Eltern die Doppelbelastung neben dem Beruf abgenommen wird.

In Österreich bedeutet ein Kind für eine Frau ein erhebliches Armutsrisiko. Im Falle der Scheidung bleibt die Frau mit den Kindern zurück und kann, wenn überhaupt, nur eingeschränkt am Erwerbsleben partizipieren. Ihre materielle Existenz ist somit auf einem niedrigen Niveau festgenagelt. In Frankreich kann eine Frau auch im Falle des Zerbrechens einer Partnerschaft im Berufsleben bleiben.

In skandinavischen Ländern steht in der Familie die Partnerschaft mehr im Vordergrund als bei uns. Die Männer übernehmen nicht nur einen Teil der Hausarbeiten, sie gehen auch, aufgrund eines attraktiveren Karenzmodells öfter in Karenz zur Kinderbetreuung. Das Karenzgeld ist eine an das Einkommen angepasste Versicherungsleistung. In Skandinavien gehen sogar Minister oder Manager in Kinderkarenz und üben damit eine Vorbildwirkung aus.

Wann ist das letzte Mal eine Führungspersönlichkeit in einer Spitzenposition, ob in Wirtschaft oder Politik, in Österreich in Kinderkarenz gegangen? Na, klingelt es? Wenn das österreichische Modell des Kinderbetreuungsgeldes so attraktiv wäre, wie uns Politiker glauben machen wollen, warum fehlen dann die Vorbilder in Wirtschaft und Politik? Also, liebe Führungspersönlichkeiten, aufwachen!

(c) Viennawolf 02.03.2005

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