Teil II: Sterben wir aus

Was ist Überalterung

Unter Überalterung versteht man die Umkehrung der so genannten Alterpyramide. Gefährlich ist dies für jede Gesellschaft, da der immer geringer werdende Anteil der Erwerbstätigen immer mehr Alte direkt oder indirekt versorgen muss. In der wissenschaftlichen Analyse der Überalterung wird häufig der so genannte Altersquotient als Maßzahl verwendet. Er ist definiert als die Relation der 65-Jährigen und Älteren zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren.

Im Moment Leben wir in einer Situation, wo wir uns vor einer Alterslawine fürchten. Wir vergessen dabei, dass nicht irgendeine anonyme Masse diese Alterslawine darstellt, sondern dass die Alten von morgen wir selbst sein werden. Es wird dabei auch unterschlagen, dass der Zugewinn an Lebensjahren eine höhere Lebensqualität bedeutet. Die meisten Infektionskrankheiten, die für die vergangenen Generationen noch den sicheren (vorzeitigen) Tod bedeutet haben, können heute geheilt werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war für die Menschen der Tod daher ein ständiger Begleiter. Durch den medizinischen Fortschritt seit 1945 hat sich da einiges zum Besseren gewandelt.

Angst vor Krankheiten

Heute stellen die so genannten Zivilisationskrankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfall oder Krebs zu den großen Herausforderungen der Medizin. “Wellness” ist nicht umsonst in den letzten Jahren zum Modebegriff geworden. Wir achten nun sorgfältiger auf unsere Gesundheit, hinterfragen unsere Ernährungsgewohnheiten und suchen nach Möglichkeiten, unsere körperliche Verfassung zu verbessern. Wen man dann doch an ein Opfer der so genannten “Zivilisationskrankheiten” wird, so ist die Wahrscheinlichkeit gegenüber früher um einiges Größer geworden, diese Erkrankung zu überleben. Die Früherkennung von Krankheiten ist besser geworden, sodass durch frühzeitige Maßnahmen das Risiko noch weiter gesenkt werden kann.

Dies alles führt zu gewonnenen Lebensjahren. Die Hauptfrage die uns beschäftigt ist: Was machen wir aus den gewonnenen Jahren? Im Hintergrund schwelt immer die Angst, nicht bis ins hohe Alter ein gesundes Leben führen zu kennen. Wir fürchten uns vor chronischen, degenerativen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Alterdiabetes, Formen der Demenz und ähnlichen Krankheiten, die Immobilität mitbringen und die autonome Lebensführung extrem einschränken. Dies droht einer Generation, in der das Single-Dasein, hohe Scheidungsraten und weitere Individualisierungserscheinungen das soziale Netzwerk ausdünnen.

Alterung bringt nicht nur Nachteile

Die Menschen werden nicht nur älter, sie werden auch gesünder. Wie die Altersforschung zeigt, nimmt mit steigender Lebenserwartung die Zeit zu, in der Menschen produktiv tätig sein können, während ihre weniger produktive Zeit – die Jugend und ein paar Jahre vor dem Tod – in etwa konstant bleibt. Folglich nimmt die reale Alterslast ab, nicht zu!

Experten, die eine Zunahme der Alterslast voraussagen, definieren “alt” als über 65-jährig und gehen davon aus, dass die “Alten” nicht mehr erwerbstätig sind. Damit werden die pessimistischen Voraussagen per Annahme eingeführt. Doch das Leistungspotenzial der “Alten” ist riesig. Das illustrieren die vielen über 65-jährigen Selbständigen, engagierten Grosseltern, Dauertouristen und auch Investoren, genauso wie die zahlreichen “alten” Präsidenten, Senatoren und Verfassungsrichter auf der ganzen Welt.

Die Früchte des gesellschaftlichen Alterungsprozesses müssen nur geerntet werden, indem man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre stetig zunehmende Produktivität auch auszuleben. Dafür braucht es aber ein anderes Pensionssystem mit flexiblen Pensionsantrittsalter, und den verstärkten Einsatz von Teilzeitmodellen für ältere Arbeitnehmer und auch entsprechende Anreize.

Skeptiker wenden gegen längere Lebensarbeitszeiten oft ein, die Alten nähmen den Jungen die Arbeitsplätze weg. Doch das muss nicht so sein. Die Diskussion über den Alterungsprozess der Gesellschaft dreht sich ja gerade darum, dass die Arbeitskräfte in Zukunft knapper werden. Zudem ist die Arbeitsmenge nicht begrenzt. Wenn die älteren Menschen ihr Einkommen wieder ausgeben, schafft ihre Nachfrage neue Arbeitsplätze. Wenn sie es nicht ausgeben, können ihre uneingeforderten Konsumansprüche via sinkende Preise an die Konsumwilligen weitergeleitet, die so ein arbeitsfreies Zusatzeinkommen beziehen, werden.

Mehr Flexibilität im Alter

Oft wird auch behauptet, ältere Menschen seien körperlich und geistig ausgebrannt und fänden keine Stellen. Auch diese Annahme muss man differenziert betrachten. Wenn Ältere bei der Stellensuche Schwierigkeiten haben, liegt das oft an bevorstehender Zwangspensionierung und dem damit eng begrenzten Zeithorizont des angestrebten Arbeitsverhältnisses sowie an den hohen Lohnkosten für Ältere infolge Senioritätslohnprinzips und verschiedener Pensionskassenvorschriften. Auch die oft beklagte sinkende Anpassungsfähigkeit im Alter hängt vor allem mit der bevorstehenden Pensionierung zusammen, nicht mit dem Alter. Für viele Arbeitnehmer lohnt es sich einfach nicht, sich zwei, drei Jahre vor der Pensionierung noch neue berufsspezifische Fähigkeiten anzueignen. Aber das gilt unabhängig davon, ob sie mit 65,60, 50 oder noch früher pensioniert werden. Umgekehrt stiege die Produktivität vieler älterer Mitarbeiter, wenn das Pensionierungsalter erhöht oder gegen oben flexibel würde.

Die Alterung der Gesellschaft folgt auch daraus, dass die Geburtsjahrgänge heute rund 30 Prozent kleiner sind als jene der „Babyboom”-Generation. Es kann angenommen werden, dass um 2040, wenn die geburtenreichen Jahrgänge in Pension sind und die starr definierte Altersquote die prognostizierten fünfzig Prozent erreicht hat, nur kleinere Probleme verursachen, wenn aufgrund guter Konjunktur das Realeinkommen der Bevölkerung wächst.

Ein weiterer Aspekt

Es ist richtig, dass diejenigen im erwerbsfähigen Alter durch ihre Arbeit Leistungen für die Nichterwerbstätigen bereitstellen müssen. Diese Leistungen werden über die öffentlichen Haushalte über Steuern und die Sozialversicherungsträger über Beiträge finanziert. Letztlich muss das System der sozialen Sicherung durch Steuern finanziert werden, wenn die Beiträge nicht reichen. Nun gehören aber zu den Nichterwerbstätigen nicht nur die Rentnerinnen und Rentner, sondern auch junge Menschen, bevor sie in das Erwerbsleben eintreten. Will man also eine drohende Überlastung der Erwerbstätigen richtig berechnen, so ergibt sich die Belastung aus den Nicht-mehr-erwerbstätigen und den Noch-nicht-Erwerbstätigen.

Beispielsweise wirkt eine sinkende Geburtenrate entlastend, denn Leistungen für nicht geborene Menschen müssen nicht bereitgestellt werden. Aus rein statistischer Sicht bleibt die so berechnete Belastung in den nächsten Jahrzehnten im Wesentlichen gleich hoch. Also aus finanztechnischer Sicht muss man sich keine Sorgen machen.

Die Überalterung der Gesellschaft kann somit als schlimmste Auswirkung zur Folge haben, dass die heimische Bevölkerung ausstirbt, und mit ihr auch ihre Kultur. Das ist ein natürlicher Prozess, der in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommt. Wer damit leben kann, braucht sich keine Sorgen zu machen!

Fortsetzung folgt.

(c) Viennawolf 03.03.2005

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