Teil III: Sterben wir aus?

Kranker Wohlfahrtsstaat

Man kann den weit ausgebauten Wohlfahrtsstaat, den sich fast alle westeuropäischen Nationen von Sizilien bis zum Nordkap in ziemlich ähnlicher Weise geschaffen haben, als die bisher letzte große kulturelle Errungenschaft der Europäer bewerten. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der den Staaten der Europäischen Union gemeinsamen politischen Kultur. Die Aufrechterhaltung dieses Modells ist in den meisten der Mitgliedsstaaten der EU gefährdet. Fast überall ist der Wohlfahrtsstaat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erkrankt. Alle europäischen Gesellschaften überaltern: relativ immer weniger Erwerbstätige sollen den Lebensabend von relativ immer mehr älteren Menschen finanzieren weil man überall in der EU die Lebensarbeitszeit herabgesetzt hat

Länger arbeiten

Im Pensionssystem ziehen wir bei 60 Jahren eine künstliche Grenze, die heute dem Pensionsanfallsalter entspricht. Es gibt in Österreich nur sehr wenige Menschen über 60 Jahren, die noch im Erwerbsleben stehen. Auf Seite der Frauen gibt es vergleichsweise sehr wenige Frauen, die mit über 55 Jahren noch berufstätig sind. Gemeinsam mit Ländern wie Griechenland oder Italien sind wir “Weltmeister” beim Inpensiongehen durch Frühpensionsregelungen oder Pensionsvorziehungen im öffentlichen Dienst. Bisher wurde das Instrument der Frühpension eingesetzt, um die Arbeitslosenrate gering zu halten. Viele Menschen haben ihre Lebensplanung auf diese Praxis eingestellt, da es bis vor kurzem zur Normalität gehörte.

Man kann das Pensionssystem im Gleichgewicht halten, in dem man jedes Jahr das Pensionsantrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung anpasst. Diese steigt derzeit um etwa 3 Monate pro Jahr. Deshalb müsste auch das tatsächliche Pensionsalter um 3 Monate pro Jahr angehoben werden. Damit würde der Effekt der demographischen Alterung im Pensionssystem verschwinden. Auch zukünftige Generationen hätten laut Statistik eine gleich lange Pensionszeit von dem Zeitpunkt, ab dem sie in Pension gehen, vor sich. Die gewonnenen Jahre sind dann arbeitszeitverlängernd. Diese Maßnahme bedroht vor allem das Lebenskonzept jener Menschen, nach deren Vorstellung das Leben erst so richtig mit der Pension beginnt. Das Leben wird außerhalb der Arbeit gesehen.

Betriebswirtschaftliche Logik

Betriebe beschäftigen Menschen in der Regel so lange sie produktiv sind, bzw. die Relation zwischen Produktivität und Entlohnung gibt. In Österreich haben wir ein Entlohnungssystem, in dem Leute mit zunehmender Betriebszugehörigkeit mit dem Alter mehr verdienen. Die Person wird für den Arbeitgeber immer teurer, je älter sie ist, wobei nicht gesagt ist, das sie immer leistungsfähiger wird. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann irgendwann der Punkt kommen, in dem der Arbeitnehmer weniger leistet als er verdient. Dadurch entsteht ein betriebswirtschaftlicher Anreiz, die Leute in Pension zu schicken oder nicht mehr weiterzubeschäftigen.

In den vergangenen Jahren gab es daher “Frühpensionierungswellen” bei der ÖBB, bei der Post, oder bei der Telekom, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese “Frühpensionierungswellen” haben nur betriebswirtschaftlich einen Sinn, da sie den Betrieb um die Lohnkosten, allerdings auf Kosten der öffentlichen Hand, entlasten. Ein betriebswirtschaftliches Problem wird zu lasten der Pensionsversicherung “gelöst”.

Veränderungen im Entlohnungsschema und Weiterbildung

Wenn wir in Zukunft wollen, dass die Leute länger arbeiten, müssen wir unser Entlohnungsschema ändern. Es nützt nichts, wenn ein langgedienter Arbeitnehmer zwar theoretisch eine hohe Entlohnung erwarten kann, in der Praxis diese aufgrund der oben beschriebenen Logik aber nie bekommt und damit in die Arbeitslosigkeit und in weiterer Folge ins gesellschaftliche Abseits abrutscht. Es wäre durchaus sinnvoll, dass die Anfangsgehälter etwas angehoben werden, um im Gegenzug ältere Arbeitnehmer billiger zu machen. Damit würde der Anreiz, ältere Menschen auf die Strasse zu setzen, mit einem Schlag beseitigt.

Als zweites ist es unbedingt erforderlich, die Produktivität im Alter zu erhöhen. Produktivität hängt eng mit einer Kombination aus Motivation, Wissen und Gesundheit zusammen. Wenn es in Zukunft schwierig wird, ältere Arbeitnehmer zu lasten des Steuerzahlers in Frühpension zu schicken, müssen die Betriebe aus Eigeninteresse mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Gleichzeitig müssen die Arbeitnehmer von sich aus ein Interesse haben, sich ständig weiterzuentwickeln, um produktiv und leistungsfähig zu bleiben.

Fortsetzung folgt.

(c) Viennawolf 04.03.2005

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