Teil IV: Sterben wir aus?

Anspruch und Wirklichkeit

In der Pensionsdebatte werden Forderungen erhoben, das offizielle Pensionsantrittsalter auf 67 oder gar auf 70 Jahre anzuheben. Derzeit arbeiten kaum 10 Prozent bis zum Pensionsantrittsalter von 65. Der häufigste Zustand vor der Pension ist der Bezug von Arbeitslosengeld geworden. Die Ursache ist der so genannte “Vorruhestand”: Arbeitslosigkeit von mindestens einem Jahr Dauer ist für erwerbsfähige Männer der einzige Weg zu einer Pension schon mit 60.

Als “Vorruhestand” betrachtet man dabei den langzeitigen Bezug von Arbeitslosengeld, der nach dauerhafter Beschäftigung in einem Betrieb in einem Alter ab 55 beginnt und in einem Alter ab 60 endet, ohne dass es zu erneuter Beschäftigung kommt. Frauen können sowieso mit 60 in Rente gehen. Wenn Betriebe Männer im Alter von 55 – 59 entlassen, so müssen auch die Frauen vor dem Pensionsantrittsalter in Arbeitslosigkeit gehen. Aus diesen Gründen konzentriert sich die Altersarbeitslosigkeit auf die Altersgruppe 55-59. Der Anteil dieser Gruppe an den Leistungsbeziehern ist doppelt hoch wie ihr Anteil an der Bevölkerung im Erwerbsalter, wobei deren Arbeitslosenquote sogar mehr als doppelt so hoch ist wie die allgemeine Quote.

Zwar ist das Risiko für ältere Arbeitnehmer den Arbeitsplatz zu verlieren geringer als für jüngere, doch bei eintretender Arbeitslosigkeit haben sie weit niedrigere Wiedereinstellungschancen. Die Personalchefs mittelständischer Betriebe geben auf Nachfrage oft an, die Erfahrung älterer Arbeitskräfte zu schätzen, doch tatsächlich eingestellt werden sie nur selten. In der Praxis der Betriebe werden jedoch schon Arbeitnehmer ab 45 Jahren häufig zum „alten Eisen” aussortiert, vor allem wenn die Auftragslage zu wünschen übrig lässt. In der Realität haben Menschen dieser Altersgruppe nur dann noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, wenn das Arbeitsmarktservice den Betrieben finanzielle Zuschüsse gewährt. Wenn ältere Arbeitslose eine Arbeit aufnehmen, die niedriger entlohnt wird als die vorherige Tätigkeit, kann das Arbeitsmarktservice dieses Einkommen durch einen Zuschuss ergänzen, der die Einbußen mindert. Dieser abgaben- und steuerfreie Zuschuss besteht allerdings nur für einen eng befristeten Zeitraum und soll den Wiedereinstieg erleichtern.

Ist mein Lebensabend finanziell abgesichert?

Die Leistungsfähigkeit eines Alterssicherungssystems wird grundsätzlich auch daran gemessen, wie gut die angestrebten Ziele realisiert werden. Für das Alterssicherungssystem in Österreich gilt, dass durch die Versicherungspflicht präventiv auch einem Eintreten von materieller Armut im Alter entgegen gewirkt werden soll. Außerdem soll eine Verstetigung der Einkommensentwicklung beim Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand erreicht werden und die Pensionisten sollen am Einkommensfortschritt während der immer länger werdenden Phase des “Ruhestandes” teilnehmen können.

Für die Akzeptanz eines Pflichtsicherungssystems ist es wichtig, inwieweit es in der Lage ist, die an das System gestellten Erwartungen der Beitragszahler zu erfüllen. Dies in Hinblick auf eine verhältnismäßig hohe Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen. Aus diesem Grunde ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass eine in der öffentlichen Diskussion immer wieder implizit verlangte Reduzierung des Leistungsniveaus in der gesetzlichen Pensionsversicherung die Gefahr einer geringeren Akzeptanz in der Bevölkerung mit sich bringt. Ich denke da an eine Zunahme der Altersarmut, und vor allem den durch die Verringerung des Abstandes zwischen Pension nach langer Phase der Beitragszahlung und der Sozialhilfeleistung verursachten Groll.

Lösungsansätze

Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so lange arbeiten könnten, bis sie eine Pension ohne vorherige Arbeitslosigkeit bekommen. Das würde die Zahl der Bezieher von Arbeitslosenunterstützung senken und den Pensionskassen mehr Beiträge bringen. Der nächste Schritt bestünde darin, dass alle so lange arbeiten können, bis sie mit 65 eine Pension ohne Abschläge bekommen. Erst wenn das erreicht ist, macht die Diskussion über das Pensionsalter einen Sinn.

Die hohe Altersarbeitslosigkeit wie die nach wie vor unbefriedigende Entwicklung bei den Frühpensionen hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Hohe Lohnkosten und nicht mehr zeitgemäßer Ausbildungsstand. Eine Option besteht darin, dass die Wertschätzung älterer Arbeitnehmer wieder ansteigt, vor allem in Dienstleistungsberufen, wo gerade eine Kombination von erlernter Innovationsfähigkeit und beruflichen Erfahrungen die höchsten Leistungen verspricht. Arbeitgeber dürfen ihre Mitarbeiter nicht nur nach dem kalendarischen Alter beurteilen, sondern sollen sich mehr auf ihre Unternehmenskultur besinnen, auf ihre gesellschaftliche Verantwortung. In Umfragen gestehen Personalchefs durchaus Vorzüge gestandener Mitarbeiter ein. Betriebe, die an ihre Zukunft denken, entledigen sich heute nicht mehr ihrer erfahrenen Mitarbeiter.

In jedem Fall wird sich der Strukturwandel der Wirtschaft in Zukunft weniger stark über einen Generationenwechsel vollziehen können. Der Prozess der Erhöhung des Durchschnittsalters hat zur Folge, dass die Gesamtheit der Erwerbstätigen künftig vergleichsweise weniger durch das neue Humankapital der Berufseinsteiger lernen kann. Daher ist man mehr auf die Weiterbildung der schon bisher Beschäftigten angewiesen, um den entwicklungsnotwendigen Strukturwandel zu meistern. Dies geschieht vor dem Hintergrund des technologischen Wandels und vermutlich immer kürzerer Verwertbarkeitsdauer des einmal erworbenen beruflichen Wissens (Stichwort Informationsgesellschaft). Gleichzeitig dürfte die demographische Entwicklung Anpassungen des Arbeitsmarktes in Richtung einer vermehrten Förderung von beruflichen Wiedereintritten, Umschulungen und beruflichem Wechsel in späteren Lebensjahren erzwingen.

In diesem Rahmen muss auch die berufliche und fachliche Weiterbildung älterer Arbeitnehmer eine verstärkte Förderung erfahren. Da die Arbeitskräfte nicht nur weniger, sondern im Durchschnitt auch älter werden, müssen der Fort- und Weiterbildung in viel größerem Umfang Rechnung gegeben werden. Die lebenslange Weiterbildung muss betriebliche Realität werden, damit auch die Älteren über aktuelle Qualifikationen verfügen. Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet werden, dass die Arbeit bis zum Rentenalter durchzuhalten ist. Die phasenweise individuelle Reduzierung der Arbeitszeit kann dabei helfen. Wenn Teilzeitarbeit auch für Männer zur Normalität wird, dann wird auch die Altersteilzeit mehr Akzeptanz finden.

Fortsetzung folgt.

(c) Viennawolf 06.03.2005

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