Teil IX: Sterben wir aus?

In den sechziger Jahren schrieb Paul Ehrlich den Bestseller „Die Bevölkerungsbombe”, in der er die rasante Zunahme der Kinderzahl beklagte und todsicher voraussagte, dass die Hälfte der Menschheit verhungern werde. Nicht nur in der Bevölkerungswissenschaft wurden Katastrophen vorausgesagt: Einmal sollte wegen der Industrieabgase eine neue Eiszeit ausbrechen, dann bis zur Jahrhundertwende alle Rohstoffe ausgehen oder der Wald aussterben, und als in den 80er Jahren AIDS entdeckte wurde, war unser Aussterben beschlossene Sache. Wir leben noch heute, der Wald steht zum Glück noch und wir sollten gelernt haben, mit Prognosen vorsichtiger umzugehen.

Prognosen

Prognosen werden vor allem im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich erstellt. Im sozialen und gesellschaftlichen Bereich setzen Prognosen voraus, dass die Handlungen wichtiger Akteure bekannt und unveränderbar sind, nur dann treffen sie ein. Häufig werden bisherige Entwicklungen einfach in die Zukunft fortgeschrieben, wobei davon ausgegangen wird, dass die politischen Entscheidungen und Einflussnahmen sich nicht ändern.

Wissenschaftliche Bevölkerungsprognosen beruhen auf Annahmen über das Fortpflanzungsverhalten in der Zukunft, auf Annahmen über die Lebenserwartung und auf Annahmen über die Zahl und Alterstruktur der Ein- und Auswanderungen. Die Vorausberechnungen gehen von einem bestimmten Basisjahr aus und ermitteln für jede Altersgruppe getrennt, wie sich ihre Größe durch Sterbefälle und Geburten, sowie durch Ein- und Auswanderungen innerhalb des ersten Prognosejahres verändert. Das Ergebnis dient als Ausgangspunkt für die Berechnungen im zweiten Prognosejahr usw. Somit den steht und fällt die Qualität einer Bevölkerungsprognose mit ihren Annahmen.

Zukunftsdilemma

Wir können über die Zukunft im Grunde immer weniger Aussagen treffen, da unsere Lebensbedingungen offensichtlich zunehmend von Wissen abhängig werden. Erneuerung und Alterung von Wissen beschleunigen sich ständig. Wenn unsere Lebensbedingungen von Wissen abhängig sind und sich die Wissensproduktion ständig beschleunigt, verändern sich auch unsere Lebensbedingungen mit steigender Geschwindigkeit. Der Zeitpunkt, an dem eine unbekannte Zukunft für uns beginnt, rückt durch immer neues Wissen ständig näher an uns heran. Der Zeitabschnitt, über den wir einigermaßen abgesicherte Aussagen treffen können wird so immer kürzer. Das Unbekannte beginnt somit nicht nur immer früher, und wird so durch die Wissenschaft nicht wie erhofft, immer weiter am Zeithorizont hinausgeschoben.

Die Konsequenzen unseres Handelns hingegen bekommen zeitlich gesehen eine immer längere Wirkung. Insbesondere habe ich dabei an den technischen Fortschritt gedacht. Eine Autobahn, oder ein Atomreaktor, aber auch die Infrastruktur verlangen Haltbarkeiten, die einen langen Bestand der Dinge garantieren. Somit werden Entscheidungen zu gravierenden und ausufernden Rahmenbedingungen für die Zukunft.

Am Beispiel des Kernreaktors kann man zeigen, dass die negativen Folgen eines technischen Fortschritts die positiven überwiegen können. Als die Kernenergie in den Fünfzigerjahren als neuer Energieträger eingeführt wurde, herrschte zunächst große Begeisterung. Nach und nach wurden sich aber immer mehr Leute auch der Gefahren bewusst, die in der Kernenergie liegen, und seit der Katastrophe in Tschernobyl sind wir in dieser Frage extrem sensibilisiert. Technischer Fortschritt gilt zunehmend als unkalkulierbares Risiko, und die steigende Skepsis in der Bevölkerung zeigt sich auch im Aufkommen der Grünbewegungen und verschiedener nicht-staatlicher Organisationen wie Greenpeace, Global 2000, etc.

Szenarien als Vorhersageinstrument

Man kann davon ausgehen, dass die Bevölkerungsentwicklung durch politische Entscheidungen und Maßnahmen wesentlich beeinfluss wird. Szenarien sollen stets alternative Handlungs- und Steuerungsmöglichkeiten aufzeigen. Ein Szenario steht dabei unter einer bestimmten Leitidee, an deren Auswahl sich die Art und Stärke der äußeren Einflüsse orientieren. Die Leitidee wird benutzt, um im Rahmen von Grundannahmen plausible Entwicklungsmöglichkeiten zu erörtern. Grundlage von Szenarien sind nicht selten unterschiedliche politische Ziele und Konzepte.

Die Altersstruktur der Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf den Sozialstaat

Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl in Europa so stark an, dass man von einer „Bevölkerungsexplosion” sprechen kann. Dadurch konnte die Altersstruktur der Bevölkerung als Pyramide dargestellt werden. Basierend auf diese Sondersituation wurde die Sozialgesetzgebung der sich gerade herausbildenden „Sozialstaaten” in Mitteleuropa konzipiert.

Nach 1900 gingen die relative und die absolute Geburtenhäufigkeit zurück, die Weltwirtschaftskrisen und die beiden Weltkriege hinterließen ebenfalls ihre Spuren in der Gesellschaft. Die Altersstruktur der Bevölkerung im Jahre 1970 wies abermals eine Ähnlichkeit mit einer Pyramide auf, da in den 60er-Jahren in den Zeiten des Wirtschaftswunders die Geburtenzahlen wieder anstiegen und die in den Kriegsjahren 1939-45 stark gesunkene Zahl der Geborenen sich nur langsam erholte. Nur diese beiden Entwicklungen, Krieg und nachfolgendes Wirtschaftswunder schafften die Voraussetzungen für ein Funktionieren der Sozialgesetzgebung bis in die 70er Jahre.

Sinkende Arbeitslosigkeit durch demographische Verschiebung?

Innerhalb der Europäischen Union wird im Zusammenhang mit der hohen Arbeitslosigkeit oft auf die demographische Entwicklung verwiesen. Nicht selten wird behauptet, dass die Arbeitsmarktungleichgewichte mit einer kleiner werdenden Bevölkerungszahl im erwerbsfähigen Alter an Bedeutung verlieren werden. Dabei wird übersehen, dass es zwischen dem Arbeitskräfteangebot und dem Beschäftigungsstand eines Landes keinen zwingenden Zusammenhang gibt. Das Beschäftigungsergebnis hängt in erster Linie vom Wachstumsprozess und den wirtschaftpolitischen Rahmenbedingungen ab, die ihrerseits auch vom demographischen Geschehen beeinflusst werden.

Ein hoher Beschäftigungsstand und ein hohes Arbeitskräfteangebot sind nicht notwendigerweise ein Widerspruch. Ein durch die Bevölkerungsentwicklung fallendes Arbeitsangebot führt daher auch nicht automatisch zu einer Erhöhung der Beschäftigungsquote. Es gilt zu bedenken, dass Märkte und Individuen permanent auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren. Es ist denkbar, dass die Effekte einer demographisch alternden erwerbsfähigen Bevölkerung für den Arbeitsmarkt durch Anpassungen der Lohnstruktur oder vermehrte Erwerbsbeteiligung vermindert oder sogar ganz aufgefangen werden.

Bei der Betrachtung von demographischen Prognosen ist es wichtig, immer im Hinterkopf zu haben, dass sich die Berechnungen auf Modelle stützen, welche die soziale Realität nie hundertprozentig abbilden können. Das mechanische Weltbild ist noch immer weit verbreitet: Wir analysieren uns zu Tode und erkennen die Zusammenhänge nicht. Das rationale Denken, beginnend mit Descartes hat uns den Weg zu großen Veränderungen geebnet, die wir gerne als Fortschritt betrachten. Letztendlich werden wir noch draufkommen müssen, dass die Potenzierung des Wissens nicht des Weißheit letzter Schluss ist. Wenn wir uns als Menschen weiterentwickeln wollen, müssen wir lernen zu verstehen. Erst wenn wir die Zusammenhänge begreifen, können wir auch aus den Vorhersagen der Bevölkerungswissenschaft den besten Nutzen gewinnen.

(c) Viennawolf 06.05.2005

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