Teil V: Sterben wir aus?

Noch nie gab es so viele gesunde und leistungsfähige 60-Jährige, doch trotz Fachkräftemangels ist die Arbeitsmarktlage für 55- bis 64-Jährige verheerend. Man bedenke aber, dass sich die Arbeitswelt laut Prognosen von Experten grundlegend ändern wird. In 10 bis 15 Jahren werden die Älteren gebraucht, die Qualifizierten auf jeden Fall.

Wann sind Sie zu alt?

„Die Prognosen bang und bänger, sagen klar, wir leben länger, und man spricht von einer Überalterung. Jeder Mensch kann hier auf Erden, bald schon 100 Jahre werden. Nur, wer 50 ist, gilt trotzdem nicht als jung”, sang einst schon Hans-Peter Heinzel in einem seiner letzten Programme. Aufgrund der prognostizierten Überalterung unserer Gesellschaft können wir uns nicht länger um die Diskussion bestimmter Tatsachen drücken.

Mit 45 gelten Bewerber heute als alt, mit 50 sind sie kaum mehr vermittelbar. Hartnäckig halte sich in den Betrieben das Vorurteil, ältere Mitarbeiter seien weniger leistungs- und innovationsfähig, auch gut Ausgebildete werden ausgemustert. Junge Arbeitskräfte werden dagegen grundsätzlich für belastbarer, lernfähiger und motivierter gehalten.

Unter Jugendwahn verstehe ich zum Einen die kritisch gemeinte Bezeichnung für eine Tendenz in der Öffentlichkeit und in der Wirtschaft, jüngere Menschen generell zu bevorzugen, und zum Anderen die Tatsache, jüngere Menschen in der öffentlichen Darstellung in den Vordergrund zu stellen. Jugendwahn ist ein Zeitgeistphänomen durch das beispielsweise Menschen ab Mitte 40 auch bei bester Qualifaktion in Bewerbungsverfahren keine Berücksichtigung finden. Sie geraten in die zermürmbende Situation der Langzeitarbeitslosigkeit, was nicht selten ein Motiv für Selbstmordgedanken hergibt.

Jugendwahn in Hollywood und im TV

Es ist allgemein bekannt, dass in Hollywood nahezu alle Stars, und solche die es noch werden wollen, zu kosmetischen Hilfsmitteln greifen. Besonders weibliche Hollywood-Ikonen ab dem 40. Lebensjahr kämpfen um den Erhalt ihres makellosen Körpers, um gegen die nachdrängende junge Konkurrenz bestehen zu können. Auch bei Stars wie Catherine Zeta-Jones und Julia Roberts wird vermutet, dass sie sich bereits mit dem Antifaltenpräparat Botox haben behandeln lassen. Hollywood ist nun mal einfach eine Jugendschmiede und will keine Senioren verkaufen, und im selben Atemzug kann man das Klagen einiger Regisseure über die durch Schönheitsoperationen oder Botox in ihren Gesichtsausdruck eingeschränkten Darsteller hören.

Gefahr droht auch von anderer Seite: Die fortschreitende Technik des hochauflösenden Fernsehens (HDTV) lässt manchen Star alles andere als gut aussehen. Da die höher aufgelösten Fernsehsignale nicht nur die Bildschärfe steigern, sondern auch feinere Schattierungen, Farben und räumliche Tiefe zeigen, haben die Stars, deren optische Mängel das analoge Fernsehen bisher gnädig verwischte, harte Zeiten vor sich.

Als der Moderator der ARD-Sendung “Immer wieder sonntags”, Max Schautzer (63) gegen einen jüngerer Kollegen (29) ausgetauscht wurde, fühlte er sich diskriminiert. Für ihn war es ein Ansporn zu beweisen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört. In „Rock ’n’ Roll im Kopf, Walzer in den Beinen – Antworten auf den Jugendwahn” kann man seine Reaktion auf diesen tiefen Einschnitt in seinem Leben auf über 400 Seiten nachlesen.

Methusalem-Komplott

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” sah in seinen 2004 erschienenen Bestseller „Das Methusalem-Komplott” einen Krieg der Generationen auf uns zu kommen. Der Konflikt werde sich daran entzünden, dass die Jüngeren schwere Lasten unter anderem in der sozialen Absicherung tragen werden müssen, um den Älteren ein gutes Leben im Ruhestand zu bescheren. Beim Jugendwahn sind die Älteren die Opfer, und beim Generationenkonflikt die Jungen. Daher wünscht sich der Autor, dass alle Menschen nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch im Kopf der Leute gleich werden. Für viele entscheide allein das Geburtsdatum („Ich bin jung, ich bin schön, aber leider muss ich gehen, denn natürlich gibt es noch jüngere als mich, und die sagen: Der einzig wahre Maßstab sind die Lebensjahre, was heute gar nicht zählt, das ist der Mensch an sich”, Hans-Peter Heinzel) im Pass, wie eine Person eingeschätzt werde.

Die Stellung der Ältesten in verschiedenen Kulturen

In fernöstlichen Kulturen sind die Ältesten Familienoberhäupter bis zu ihrem Tod und darüber hinaus. Die Autorität im Haushalt haben immer die Ältesten, da sie den Ahnen am nächsten sind. In islamischen Kulturen übt das älteste männliche Familienoberhaupt die Macht aus, bis er stirbt. Im Christentum jedoch fehlt dieser grundsätzliche Altersvorrang der Ahnenkultgesellschaften. Nicht Vater und Sohn sind der Kernpunkt der gesellschaftlichen Konstruktion, sondern das Ehepaar Der Hausherr kann seine Stellung im Alter abgeben. Hof und Haus gehen an die jüngere Generation über. Dies bedeutet, dass Ältere einen Verlust an Einfluss hinnehmen müssen.

In der heutigen Gesellschaft bedeutet das Alter als Lebensabschnitt vor allem ein Leben nach der Erwerbszeit. Man geht in Pension, was nichts anderes bedeutet, als dass die Zeit, die für das Erwerbsleben eingesetzt wurde, nun frei verfügbar ist. Anders als früher ist die Zeit der Erwerbsarbeit nicht unbedingt überwiegend körperlich geprägt. Der körperliche Verschleiß variiert je nach beruflicher Stellung. Der Anteil körperlich schwer arbeitender Menschen ist jedoch durch die technische Entwicklung beträchtlich gesunken.

Dies bedeutet, dass Menschen, die heute in den Ruhestand eintreten, andere Möglichkeiten zur Verfügung haben und körperlich in besserer Verfassung sind als vorherige Generationen. Die Phase nach der Erwerbszeit wird immer größer was zur Folge hat, dass der Generationenvertrag, so wie wir ihn kennen, nicht mehr funktionieren kann. Das kann z.B. dazu führen, dass medizinische Behandlungen nicht mehr erfolgen, weil ein bestimmtes Lebensalter erreicht ist. Dann hätten wir es, wenn monetaristisches Gedankengut konsequent zu Ende gedacht wird, mit einer Art Selektion einer bestimmten Bevölkerungsgruppen zu tun. Man kann das Älterwerden heute als eine Art Lebensrisiko begreifen oder es als eine Chance betrachten, eine neue Kultur des Alterns zu entwickeln.

Das Spiel mit dem Alter und seine Chancen

Viele Unternehmen leben sehr gut vom Gedanken, Jugend sei herstellbar. „Gurus” versprechen das blaue vom Himmel und preisen Präparate an deren Vermarktung sie beteiligt sind. Blind für sämtliche Abläufe in der Natur, leuchtet dieses Trugbild einer machbaren Jugend vielen ein. Unterstützt von einer jugendfixierten Medienkultur wird viele weiterhin der Glaube beseelen, sie könnten Alter und Tod davonlaufen, oder mit den richtigen Vitaminpillen und Antiagingpräparaten der Zeit ein Schnippchen schlagen.

Noch nie gab es so viele gesunde und leistungsfähige 60-Jährige, doch trotz Fachkräftemangels ist die Arbeitsmarktlage für 55- bis 64-Jährige verheerend. Man bedenke aber, dass sich die Arbeitswelt laut Prognosen von Experten grundlegend ändern wird. In 10 bis 15 Jahren werden die Älteren gebraucht, die Qualifizierten auf jeden Fall.

Auf Erfahrung kann man nicht verzichten

Die meisten Betriebe machen einen schwerwiegenden Fehler: Während sie jüngere Mitarbeiter durch ständige Lern- und Motivationsprozesse dauernd zu Höchstleistungen anspornen, bricht die Weiterbildung in der Regel ab, wenn der Mitarbeiter sich intern für eine Position als Fach- oder Führungskraft qualifiziert hat, mit anderen Worten: wenn er oder sie älter geworden ist. Fehlende Personalentwicklung ist eine wichtige Ursache für die nachlassende Leistungsfähigkeit älterer Mitarbeiter, die sich spätestens ab 40 vielerorts selber überlassen bleiben.

Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass ältere Mitarbeiter den jüngeren Kollegen einiges voraus haben: eine bessere Urteilsfähigkeit, größere Souveränität im Umgang mit komplexen Sachverhalten, geringere Belastung durch private Probleme, realistischere Selbsteinschätzung sowie ausgeprägter Sinn für das Machbare. Sie seien zwar nicht mehr so schnell in der Lage Information so schnell zu verarbeiten wie ihre jüngeren Kollegen, doch gleicht ihre Erfahrung diesen Nachteil über lange Zeit aus.

Ältere Arbeitnehmer kennen nicht nur das Unternehmen und dessen Produkte besser, sondern können ihre Kräfte auch effektiver einteilen, da sie Stresssituationen schon öfter erlebt haben. Sie können besser mit Menschen umgehen, und wissen wann sie sich zurücknehmen müssen um letztendlich mehr zu erreichen als ehrgeizige junge Karrieristen, die versuchen, die Welt an einem Tag zu erobern.

Neben Know-how stehen erfahrene Arbeitskräfte noch für Zuverlässigkeit und Beständigkeit: Wenn ein über 50-jähriger einen Job antritt, wechselt er nicht nach ein, zwei Jahren in eine andere Firma, um den nächsten Karrieresprung zu vollziehen.

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass ältere Arbeitnehmer in der heutigen Arbeitswelt durchaus ihren Platz haben können. Wenn die älteren ihre Erfahrung an junge Kollegen weitergeben, kann die Wirtschaft am meisten davon profitieren: Ich denke dabei unter anderem an eine mögliche Starthilfe für Jungunternehmer durch eine Art Mentorenfunktion durch ältere Unternehmer, die ihren Betrieb eventuell schon übergeben haben.

(c) Viennawolf 10.03.2005

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