Teil VI: Sterben wir aus?

Alle Länder Europas stehen vor demselben Problem: Überalterung der Gesellschaft und einer voraussichtlichen Schrumpfung der Zahl der Einheimischen. Es wird daher in 10 bis 15 Jahren in allen Ländern Europas eine bestimmte Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt geben, die aus dem Inland vielleicht nicht gedeckt werden kann.

Jede Generation muss mehr Kinder zur Welt bringen als die Elterngeneration, wenn die Altersstruktur gleich bleiben soll. Nachdem die Bevölkerung der reichen Staaten sich nicht an diese Vorgabe hält, kann nur Einwanderung, also die Aufstockung der Erwerbstätigen durch Menschen die einer anderen Kultur angehören, diese Aufgabe übernehmen. Daher wird es zu einer Konkurrenzsituation kommen. Es kann einerseits Abwerbung unter den Mitgliedsstaaten bedeuten, andererseits kann es vor allem bedeuten, dass diese Länder Europas in einem Konkurrenzkampf gegeneinander treten, was die Anwerbung attraktiver Migranten von außerhalb Europas betrifft. Es gibt natürlich die Gefahr, wenn es ein sehr einseitiger Prozess ist, der immer in eine Richtung geht, dass ein Land seine besten Köpfe, seine talentiertesten und kreativsten der jüngeren Generation verliert.

Illegale Einwanderer

Fest steht aber, dass repressive Asyl- und Einwanderungsbestimmungen nur dazu führen, immer mehr Menschen in die Illegalität abzudrängen. Es macht für einen potentiellen Immigranten natürlich keinen Sinn, ein Visum zu beantragen, wenn er oder sie weiß, dass die legale Einreise und der Aufenthalt verweigert werden. Ebenso ist es für einen Flüchtling müßig, um Asyl anzusuchen, wenn ihm klar ist, dass er bei einem Antrag seine Identität und seinen Fluchtweg vor Behörden offen zu legen hat, denen es einzig darum geht, ihn einzusperren, seinen Antrag abzulehnen und so schnell wie möglich abzuschieben.

Für das Gesetz existieren diese auch als „Outlaws” oder „Gesetzlose” bezeichneten Menschen nicht. Ihr pausenloser Kampf ums Überleben macht sie zur leichten Beute der Kriminalität – ob als Opfer oder Täter – von der Schwarzarbeit bis zum organisierten Verbrechen. Demnach sind die Schattengesellschaften ein Nährboden für Kriminalität, soziale Spannungen und Gewalt.

Ein Land kann natürlich nicht schrankenlos Einwanderer aufnehmen, weil das die Volkswirtschaft nicht verkraftet. Hier bedarf es Augenmass, und was Europa betrifft, eine bessere Koordination der Einwanderungspolitik, oder anders ausgedrückt: eine klare Strategie in dieser Frage.

Integration der Migranten

Es ist eine Illusion zu glauben, dass man durch Integration die Immigration zu einem Ende bringen kann. Denn Integration bedeutet nichts anderes als: die Zuwanderer werden den Einheimischen ähnlicher gemacht. Die Menschen werden dazu gebracht, unser Wertesystem, unsere Kultur, usw. zu akzeptieren. Es geht bei der sozioökonomischen Situation darum, dass deren Beschäftigungsprofil dem unseren ähnlicher wird. Das bedeutet nichts anderes als: Migranten aus wenig attraktiven Jobs herauszuholen und sie in besserbezahlte und in der Gesellschaft höher angesehene Berufe des Beschäftigungssystems zu bringen. Damit werden aber genau die Jobs, die Migranten machen, wieder frei. Unsere Gesellschaft erzeugt damit durch Integration die Nachfrage nach den noch nicht integrierten Migranten, die dann diese Jobs machen.

Integration ist ein zweiseitiger Prozess, keine Einbahnstrasse. Es ist nicht nur so, dass die, die zu uns kommen, sich integrieren sollen. Wir müssen uns als Gesellschaft auch öffnen und bereit sein, einen Schritt auf die Immigranten zuzugehen, die Integration zu ermöglichen. Es geht um die Frage: Wie ist das Bildungssystem organisiert. Das Migrantenkinder Deutsch lernen, vielleicht auch teilweise in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, um nicht zu einem hohen Anteil in Sonderschulen zu landen, weil sie sprachliche Vermittlungsprobleme haben. Es geht natürlich auch um die Frage: Wie schnell wird jemand Staatsbürger und kann ein Teil dieser Gesellschaft werden. Das hat etwas mit dem Angebot zu tun, das ein Land diesen Menschen unterbreitet. Es hat auch etwas mit den Motiven zu tun, mit denen diese Leute kommen.

Beispiel Kanada

Kanada als multikulturelles Einwanderungsland mit relativ harmonischen Gruppenbeziehungen innerhalb der Gesellschaft wird zunehmend als Vorbild für andere, weniger tolerante Staaten angepriesen. Nach drei Jahren Aufenthalt kann der Einwanderer die kanadische Staatsangehörigkeit beantragen, die ihm nach einigen rituellen Fragen über die Landesgeschichte und die Verfassung ausgehändigt wird. Das dauernde Aufenthaltsrecht des Neuankömmlings ist der Staatsangehörigkeit gleichgestellt, mit dem einzigen Unterschied, dass nur Staatsangehörige das aktive und passive Wahlrecht besitzen. Dem Einwanderer entstehen keinerlei Nachteile, wenn er die Staatsbürgerschaft nicht beantragt.

Die Behörde besitzt bei der kanadischen Einbürgerung keinerlei Ermessensspielraum. Selbst Personen, die der Landessprache nicht mächtig sind, werden regelmäßig eingebürgert, sofern sie die anderen Voraussetzungen (Aufenthaltsdauer, Unbescholtenheit) erfüllen. Die großzügige Einbürgerung erfolgt in der Erwartung, dass der neue Status die politische und soziale Integration bewirkt und nicht, wie in bei uns, dass die Integration eine Voraussetzung für die Einbürgerung ist.

Wo außer den Indianern alle Einwohner selbst Einwanderer sind oder von Eltern abstammen, die zugewandert sind, entbehrt der Ruf nach “asylantenfreien” Orten jeder Grundlage. Das Kanada von heute ist aus einem Fremdheitserlebnis gewachsen, während in Österreich der Fremde stets ausgegrenzt bleibt. Während in hierzulande Politiker Verständnis für das fremdenfeindliche Verhalten der Bevölkerung zeigen, werden rassistische Äußerungen von Rechtsextremisten in Kanada von allen Parteien öffentlich verurteilt.

Ausblick

Wir werden in den nächsten Jahrzehnten, wenn die Prognosen der Bevölkerungswissenschafter eintreffen, ja erleben, ob sich unsere Einwanderungspolitik in jene Richtung entwickelt. Heute ist es bei uns jedenfalls noch so, dass ein großer Teil der Bevölkerung durch Einwanderer eine Bedrohung seiner eigenen Existenz sieht: die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Wenn sich einmal die Lage am Arbeitsmarkt entspannt, kann sich das schnell ändern.

Zum Abschluss möchte ich den Eingangserwähnten Gedankengang mit den steigenden Geburtenzahlen noch zu Ende führen. Wer den Effekt der zunehmenden Lebensdauer durch steigende Geburtenzahlen kompensieren will, der erhöht ständig das Bevölkerungsniveau und damit wird letztlich das Problem nur verschoben, aber nicht gelöst. Selbstverständlich macht es statistisch gesehen keinen Unterschied, ob die Erwerbsbevölkerung durch steigende Geburtenzahlen oder durch Einwanderung erhöht wird. Das „Grundproblem” ist die steigende Lebenserwartung. Es macht keinen Sinn, die Bevölkerung ins Unermessliche wachsen zu lassen, nur um das Pensionsantrittsalter niedrig zu halten. Irgendwann stößt man dabei auf seine natürlichen Grenzen. Die steigende Lebenserwartung führt dazu, dass heutzutage immer mehr Menschen ihre Urgrosseltern oder Urenkel kennen lernen können. Diese Chance hat einen Preis, den alle bezahlen müssen.

(c) Viennawolf 18.03.2005

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