Teil VII: Sterben wir aus?

Der Grund, warum unser Alterssicherungssystem besonders empfindlich auf die demographische Veränderung reagiert liegt in seinem Finanzierungsverfahren. In Zukunft steht eine größer werdende Zahl von Leistungsbeziehern einer immer kleiner werdenden Zahl von Beitragszahlern gegenüber. Es ist daher unbestritten, dass das Erfolgsmodell der Nachkriegszeit, das Umlageverfahren, durch den demographischen Wandel destabilisiert wird.

Das Umlageverfahren

Beim Umlageverfahren werden die Beitragseinnahmen eines Jahres, die von Aktiven erbracht werden, vollständig zur Finanzierung der Pensionen in diesem Jahr herangezogen. Dabei wird, wie oft irrtümlicherweise geglaubt wird, kein Kapital angespart. Das Umlageverfahren besitzt somit Eigenschaften, die einen Vergleich mit einem Kettenbrief nahe legen: Es konnte so nach dem Krieg die erste Generation von Pensionisten Leistungen empfangen, ohne je eigene Beiträge entrichtet zu haben. Theoretisch kann die letzte Generation im Alter keine Leistungen mehr empfangen, da es für sie keine Generation mehr gibt, die ihre Pension finanziert.

Weil das Umlageverfahren entscheidend vom jeweiligen Verhältnis der Beitragszahler zur Zahl der Leistungsempfänger abhängt, waren schon in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere ab den 1980er Jahren Reformen in der gesetzlichen Pensionsversicherung notwendig. Das Ende der Vollbeschäftigung und der damit einhergehenden höheren Arbeitslosenrate, sowie die Erosion der so genannten Normalarbeitsverhältnisse durch das vermehrte Aufkommen von Teilzeit-, geringfügigen und ähnlichen Beschäftigungsverhältnissen führte zu einem Ausfall von Beiträgen in die Pensionsversicherung. Vor allem die Verlängerung der Pensionsbezugszeiten, verursacht durch Frühpensionierungswellen und die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung, führte zu Finanzierungsproblemen des Pensionssystems, und so waren die Regierungen in Europa zum Handeln gezwungen. Für die große Mehrheit der Pensionisten hat sich seither das Beitrags-Leistungs-Verhältnis verschlechtert.

Aufgrund der genannten Nachteile wird in letzter Zeit, vor allem von Versicherungen, vermehrt für ein anderes Finanzierungsverfahren der Pensionen geworben:

Das Kapitaldeckungsverfahren

Beim Kapitaldeckungsverfahren geht es um die Vorfinanzierung der eigenen künftigen Leistungen durch einen planmäßigen Sparprozess. Aufgrund versicherungsmathematischer Regeln werden die Beiträge bestimmt, die benötigt werden, um zusammen mit den Kapitalerträgen, das mit Eintritt des Leistungsfalls erforderliche Deckungskapital zu bilden. Es wird davon ausgegangen, dass jede Generation die Mittel für den eigenen Versicherungsschutz selbst bildet, wobei jede versicherte Person individuell die Mittel für den eigenen Versicherungsschutz bildet. Sämtliche Ansprüche sollen durch ein entsprechendes Deckungskapital sichergestellt werden. Das Kapitaldeckungsverfahren wird im Rahmen der beruflichen Vorsorge angewandt. Das Deckungskapital wird mit Erreichen des Pensionsantrittsalters (bzw. Invalidität oder Tod) ausgezahlt oder in eine lebenslange Leibrente umgewandelt.

Für die Befürworter des Kapitaldeckungsverfahrens ist ein wichtiger Punkt, dass die Finanzierungsart der Alterssicherung die volkswirtschaftliche Ersparnis beeinflusst. Über höhere reale Ersparnisse, Investitionen und damit stärkere reale Kapitalbildung kann die Volkswirtschaft einen höheren Wachstumspfad mit größerem Volkseinkommen erreichen. Im Umlageverfahren fließen dagegen die Beiträge überwiegend in den Konsum von Pensionisten.

Ersparnisse können in einer offenen Weltwirtschaft nicht nur im Inland angelegt werden. Eine Volkswirtschaft kann Kapital exportieren und Forderungen gegenüber dem Ausland aufbauen, indem sie Handelsbilanzüberschüsse erzielt, also weniger Waren und Dienste importiert als sie exportiert. Später kann die Volkswirtschaft dieses Landes ihre Ersparnisse wieder auflösen, indem sie mehr Waren und Dienstleistungen importiert, also ein Leistungsbilanzdefizit erzielt.

Das Kapitalmarktrisiko

Eine große Gefahr von kapitalgedeckten Pensionssystemen liegt vor allem in der Unmöglichkeit konkreter Leistungszusagen. Der Zeitpunkt der Pensionierung kann nicht vom Alter der Versicherten abhängig gemacht werden, sondern vor allem vom Wert des Aktienportefeuilles. Die Schwankungen der Kapitalmärkte können dazu führen, dass Personen mit gleichem Erwerbs- und Einkommensverlauf höchst unterschiedliche Pensionen erhalten können. Die Pensionshöhe wird von Faktoren abhängig, die völlig außerhalb der Kontrolle der Pensionsversicherten liegen und wird somit zu einem gewissen Grad zu einem Glücksspiel. Das Kapitalmarktrisiko kann begrenzt werden, indem die Ersparnisse rechtzeitig vor Erreichen der Altersgrenze in Richtung auf festverzinsliche, inflationsindexierte Wertpapiere umgeschichtet werden.

Die Asset-Market-Meltdown-Hypothese

Diese Hypothese geht davon, dass wenn die geburtenstarken Jahrgänge der „Babyboomer” im Zeitraum von 2020 bis 2030 in Pension gehen, ihre Vermögenswerte an die zahlenmäßig schwächere jüngere Generation verkaufen wollen, um mit den Erlösen einen Teil des Alterskonsums zu finanzieren. Aufgrund der stark sinkenden Nachfrage fänden sich nicht ausreichend viele Käufer für ihre Wertpapiere und die Kurse müssten einbrechen, wodurch die Kapitalrenditen absinken und die Vermögen abschmelzen.

Die Befürworter des Kapitaldeckungsverfahrens halten dem entgegen, dass sich die Pensionierung der „Babyboomer” über rund 15 Jahre hinziehen wird und sich ein möglicher Renditenrückgang somit auf einen längeren Zeitraum erstrecke und dadurch kaum spürbar sein werde. Außerdem rechnet man damit, dass noch bis ins Jahr 2050 viele Arbeitnehmer eine neue kapitalgedeckte Altersvorsorge aufbauen und damit den Kapitalabzug der „Babyboomer” ungefähr ausgleichen, oder zumindest abschwächen.

Die Frage, ob es zu einem demographiebedingten Zusammenbruch der Kapitalmärkte kommt, hängt nicht allein vom zahlenmäßigen Vergleich der Kopfzahl von Pensionisten und Erwerbstätigen ab. Denn nicht die Anzahl potentieller Wertpapierkäufer ist entscheidend, sondern hauptsächlich die tatsächliche Nachfrage. Wenn man davon ausgeht, dass jede Generation danach strebt, ein höheres Wohlstandsniveau abzusichern als die Elterngeneration, kann man auch für die Zukunft eine höhere Nachfrage nach Wertpapieranlagen pro Kopf erwarten.

Zu wenig angespartes Kapital

Ein großer Nachteil der kapitalgedeckten Alterssicherung besteht in dem Risiko, dass die angesammelten Ersparnisse nicht ausreichen, um der älteren Generation eine angemessene Altersversorgung zu gewährleisten. Dieses Risiko kann begrenzt werden, indem die Ersparnisse in eine Vielzahl von Wertpapieren investiert werden, deren Ertragsschwankungen teilweise einander ausgleichen. Selbst bei optimaler Streuung der Wertpapiere verbleibt ein Restrisiko für den Fall von Ertragsschwankungen, die alle Wertpapiere gleichermaßen betreffen. Wird kein Mindestertrag garantiert und ist rechtzeitig vor Erreichen des Pensionsalters erkennbar, dass infolge niedriger Kapitalerträge die akkumulierten Ersparnisse nicht ausreichen werden, so müssen die betroffenen Individuen mehr sparen, so fern sie dazu in der Lage sind. Diesem Nachteil kann entgegengewirkt werden, indem eine Institution (Staat oder Unternehmen) eine bestimmte Mindestverzinsung garantiert.

Nach der Pensionierung müssen die angesammelten Ersparnisse in einen monatlichen Einkommensstrom umgewandelt werden. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Einerseits können die Pensionisten ihr angespartes Kapital nach und nach verbrauchen, wodurch sie dem Risiko einer zu hohen Lebenserwartung ausgesetzt sind. Leben die Pensionisten länger als erwartet, so kann es vorkommen, dass die Ersparnisse nicht dazu ausreichen, die Pension in den letzten Lebensjahren zu finanzieren. Sind die Ersparnisse in festverzinslichen Wertpapieren angelegt, so verringert sich deren Kaufkraft, wenn die Inflation höher ausfällt als erwartet.

Andererseits kann das finanzielle Risiko einer zu hohen Lebenserwartung durch den Abschluss eines Leibrentenvertrages entgegengewirkt werden. Es handelt sich dabei um privatwirtschaftliche Verträge, nach denen ein Beitragszahler seine Ersparnisse bei einer Institution (z.B. Versicherungsunternehmen) anlegt und diese eine monatliche Zahlung bis zum Lebensende garantiert.

Menschen, die aufgrund von Erwerbslosigkeit nicht in der Lage waren, ausreichend hohe Ersparnisse zu bilden, erhalten beim Kapitaldeckungsverfahren eine Pension, die unter dem Existenzminimum liegt.

Doppelbelastung bei Umstieg von Umlage- auf Kapitalertragsverfahren

Ein Umstieg af das Kapitaldeckungsverfahren ist mit sehr hohen Zusatzkosten verbunden, weil eine Generation nicht nur die Belastung durch umlagefinanzierte Pension der heutigen Pensionisten zu tragen hätte. Wenn nicht eine Generation von Pensionisten seiner Altersvorsorge beraubt werden soll, muss mindestens eine der folgenden Generationen die umlagefinanzierten Pensionen zahlen und gleichzeitig einen ausreichend hohen Betrag für die eigene Pension ansparen.

Die Befürworter des kapitalgedeckten Verfahrens zur Finanzierung weißen bei diesem Kritikpunkt vor allem darauf hin, dass enormen Lasten zukünftigen Generationen von Beitragszahlern im Umlageverfahren aufgebürdet würden, wenn man trotz der Alterung das heutige Leistungsniveau aufrechterhalten wollte.

Die Lösung des Problems sehen viele Experten in der Umwandlung des derzeitigen Pensionssystems durch das Hinzufügen kapitalgedeckter Komponenten.

Mehrsäulensysteme

Eine Teilkapitaldeckung ist eine Mischform aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren: Die Beiträge der jungen Generation werden teils zur Finanzierung der Pensionen der alten Generation verwendet und teils gespart. Die Alterseinkommen der alten Generation setzen sich folglich aus der Umlagekomponente und den gesammelten Ersparnissen inklusive der Kapitalerträge zusammen.

Die Weltbank favorisiert beispielsweise ein Mehrsäulensystem, das aus drei Säulen besteht: Die erste ist umlagefinanziert und soll denjenigen eine Mindestversorgung ermöglichen, die im Laufe ihres Arbeitslebens keine hinreichenden Ersparnisse bilden konnten. Die zweite Säule ist kapitalgedeckt und dezentral-privat organisiert. Die Finanzierung dieser Säule erfolgt aus Pflichtbeiträgen, deren Höhe staatlich festgesetzt wird. Die Teilnahme an der dritten Säule ist demgegenüber freiwillig. Diese Säule ist ebenfalls kapitalgedeckt und dezentral-privat organisiert. Ihr Ziel besteht darin, denjenigen eine zusätzliche Altersversorgung zu ermöglichen, die bereit und fähig sind, mehr als den Pflichtbeitrag zu sparen.

Mehrsäulensysteme ermöglichen es, die Vorteile des Kapitaldeckungs- und des Umlageverfahrens zu nutzen und die Risiken zu begrenzen. Es gilt jedoch zu bedenken, ob es wünschenswert ist, die Aufgaben der ersten Säule auf die Verhinderung von Altersarmut zu beschränken. Angesichts der Bedeutung des Kapitalertragsrisikos erscheint es sinnvoll, die erste Säule zur Finanzierung eines Pensionsniveaus heranzuziehen, das über die Armutsgrenze hinausgeht. Dies ist umso wichtiger, als die Armutsgrenze für die erste Säule in vielen Ländern (z.B. in Chile) sehr niedrig angesetzt wird. Aus Gründen der politischen Akzeptanz wäre es allerdings erforderlich, dass die erste Säule nicht nur aus dem Steueraufkommen, sondern auch aus individuellen Beiträgen finanziert wird und die Pensionsleistungen beitragsbezogen gewährt werden. Derzeit sieht es in Österreich aber danach aus, dass das Niveau der gesetzlichen Pensionsversicherung, bei gleich bleibenden Beiträgen, so stark gesenkt werden soll, dass die heute unter 50 jährigen dazu gezwungen werden, zusätzlich noch eine private Altersvorsorge anzusparen.

(c) Viennawolf 03.04.2005

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