Teil VIII: Sterben wir aus?

Unsere Vorfahren lebten ungleich unsicherer als wir heute. Noch nie lag das durchschnittliche Sterbealter so hoch wie heute, und noch nie war es für so viele annährend gleich hoch wie jetzt. So genannte „Hochbetagte” sind keine Einzelfälle mehr, sehr alte, allein stehende Männer und Frauen sind keine Einzelschicksale mehr. Viele unter uns haben gute Aussichten, auch einmal zu ihnen zugehören. Schon jetzt wird jede dritte Frau und jeder siebte Mann über 80 Jahre alt.

Gleichzeitig muss man hinzufügen, dass die Entwicklung unserer Gesellschaft den alten Menschen unserer Tage in seinem Selbstwertgefühl tief erschüttert hat. War er früher als Oberhaupt der Familie anerkannt und wegen seiner Weisheit und Lebenserfahrung geschätzt, so ist er in einem Zeitalter in dem das Geld und materielle Werte angebetet und mit Jungendlichkeit in Verbindung gebracht werden, an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Großfamilie gibt es nicht mehr, und die Vielzahl neu gewonnener Erkenntnisse im Informationszeitalter lassen bisher gemachte Erfahrungen schnell veraltern.

Hochaltrigkeit

Viele der +50-Generation machen heute eine bedrückende Erfahrung, die auch künftigen Generationen „droht”: Sie sehen die letzten Jahre des Lebens ihrer immer älter werdenden Eltern als ein quälendes Warten auf den Tod. Die Zahl der dementen Menschen steigt mit der Zahl der Hochbetagten. Heute leben unterstützungsbedürftige ältere Menschen meistens von ihren Töchtern und Schwiegertöchtern oder Servicefirmen versorgt und gepflegt, so lange es möglich ist, zu Hause im eigenen Heim alleine.

Zwar war es auch in früheren Epochen möglich, das Menschen ein sehr hohes Alter erreichen konnten, aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde ein hohes Alter für eine breite Masse ein erreichbares „Ziel”. Die Verankerung einer geregelten nachberuflichen Phase im Leben vieler älterer Menschen ist eine neue Entwicklung. Noch 1960 standen knapp zwei Drittel der 65 bis 70-jährigen Männer weiterhin im Erwerbsleben. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Erwerbstätigkeit älterer Menschen eine Seltenheit.

Nutzlos werden

Solange die durchschnittliche Lebenserwartung erwachsener Menschen bis ins 19. Jahrhundert hinein noch bei um die 60 Jahre lag, löste eine jüngere Generation die ältere ab, wenn diese am Ende ihres aktiven Lebens angekommen war. Sterbealter und altersbedingtes Ende der Berufskarriere fielen in etwa zusammen. Die jüngere Generation konnte das Ruder übernehmen, wenn die ältere abtrat.

Heute dauert das Erwachsenenleben beinahe schon ein Drittel länger als einst. Deshalb sind wir geradezu gezwungen zu lernen, überflüssig zu werden und uns auf uns selbst zu besinnen und auf der Suche nach einer neuen Identität und den großen Fragen des Lebens fündig zu werden. Wer erst im hohen Alter aufgrund körperlicher Gebrechen damit beginnt, läuft Gefahr in Lethargie und Depression zu verfallen.

So lange wir gestresst im Familien und Berufsleben stehen und uns am Konsumrausch erfreuen, können wir der Inhaltsleere entfliehen, der sich Hochbetagte aufgrund ihres eingeschränkten Aktionsradius nicht entziehen können. Daher nehmen viele Alte Menschen ihre Situation als Stillstand wahr und stellen immer mehr ihre Aktivitäten ein. Ihre Passivität geht sehr schnell in Abhängigkeit über. Je mehr die soziale Umwelt als unfreundlich erlebt wird, desto mehr ziehen sich alte Menschen zurück. Es ist für uns viel einfacher, die materiellen Sorgen und Ansprüche der alten Menschen zu erkennen, abzuwägen und zu erfüllen, als auf den geistig-seelischen Bereich einzugehen. Wir lehnen uns in sozialstaatliches Denken zurück und meinen, die Arbeit sei erledigt, es kümmere sich schon wer. Ist es so schwer vorstellbar, dass es für die Sinnerfüllung des Einzelnen mehr bedarf als die Entlastung von materiellen Sorgen? Ist dafür nicht mehr notwendig als eine existenzsichernde Pension bis zum bitteren Ende?

Vereinsamung: Wen der Tod die letzten Freunde nimmt

Alte Menschen laufen Gefahr, dass sie durch die altersbedingte Auflösung des sozialen Umfelds, in dem sie jahrzehntelang gelebt haben, den Anschluss an ihr gesellschaftliches Umfeld verlieren. Zu den Auflösungsprozessen zählen der Eintritt in den Ruhestand durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben, der Verlust des Lebenspartners, die nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit und die darin begründete Beschränkung der aktiven Teilnahme am Gesellschaftsleben und dem allmählichen Verlust von Freunden und Bekannten der eigenen Generation.

Das Industriezeitalter hat den Menschen aus traditionellen Lebenszusammenhängen herausgerissen. Wir entfernen uns mehr und mehr von unseren Herkunftsregionen, wandern dort hin, wo es Arbeit gibt. Durch häufige Ortswechsel gehen aber auch sehr viele unserer Beziehungen zu Bruch, weshalb wir persönliche Bindungen von vornherein als befristet erleben. Wir wechselten sehr rasch unsere Bezugspersonen und machen Instabilität und große Brüche zu unserem Lebenselixier. Im Erwachsenenalter wirkt sich der Individualisierungsprozess der Gesellschaft besonders im Familienleben und der Partnerschaft aus. Der Zusammenhang zwischen Familie und der eigenen Lebensbiographie lockert sich und familienfreie Lebensphasen weiten sich im Angesicht einer immer höheren Lebenserwartung aus. Die früher übliche vollständige Integration in einer Gemeinschaft wird durch begrenzte Mitgliedschaften in Teilgemeinschaften ersetzt. Damit geht auch eine Spezialisierung auf bestimmte soziale Beziehungen einher. Die Beziehungen zu Kollegen geht verloren und die abnehmende Zahl der Kinder und Enkelkinder, sowie die wachsende räumliche Entfernung zwischen den Lebensorten der Generationen machen, dass das soziale Netz immer größere Lücken bekommt.

Insbesondere alte Menschen laufen Gefahr, durch die altersbedingte Auflösung sozialer Beziehungen den Halt in unserer Gesellschaft zu verlieren. Zu diesen Auflösungsprozessen gehören das Ausscheiden aus dem Berufsleben, der Verlust des Lebenspartners, die durch nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit begründete Beschränkung einer aktiven Teilnahme am Gesellschaftsleben, und das allmähliche Sterben des Bekanntenkreises aus der eigenen Generation.

Soziale Beziehungen knüpfen

Soziale Beziehungen zwischen den Generationen beschränken sich heute vor allem auf vorgegebene familiäre und berufliche Situationen. Während sich die Kontakte zwischen den Großeltern und Enkelkindern in den letzten Jahrzehnten eher verstärkt haben, sind die außerfamiliären Kontakte zwischen jungen und älteren Menschen lockerer geworden, da heute jede Generation weitgehend ihr eigenes, selbständiges Leben führt.

Gute soziale Beziehungen sind in jeder Lebensphase wichtig für das Wohlbefinden und für die Integration in der Gesellschaft. In späteren Lebensphasen ist vor allem das Vorhandensein von mindestens einer Vertrauensperson von ungeheurer Wichtigkeit, wobei Beziehungen von erwachsenen Kindern mit ihren Eltern die beste Möglichkeit für eine engere Verbundenheit darstellen. In vielen jungen Familien erfüllen auch heute noch die Großeltern wichtige Betreuungsaufgaben.

Außerfamiliäre Vertrauenspersonen sind für unverheiratete oder kinderlose ältere Menschen oft die einzige Möglichkeit, fehlende familiäre Unterstützung auszugleichen. Im Gegensatz zu familiären Beziehungen beruhen Freundschaften auf Freiwilligkeit und sind meistens auch durch langjährige gemeinsame Interessen geprägt.

Im Alter sind gute Nachbarschaftskontakte umso wichtiger, wenn es darum geht zwischen den Generationen nützliche Beziehungen aufzubauen. Da kann auf die kleinen Nachbarskinder aufgepasst werden, während ihre Eltern beim Einkaufen in der Stadt ein paar Erledigungen für die netten Nachbarn wahrnehmen. So kann eine funktionierende Nachbarschaftshilfe besonders für betagte Männer und Frauen das Leben nicht nur erleichtern, sondern durch das Gefühl gebraucht zu werden, auch wieder verschönern.

In Pension – was nun?

In der nachberuflichen Phase stellt es für viele Menschen ein Problem dar, auf Dauer (über mehrere Jahrzehnte) ein Leben in Würde zu führen, da man dazu oft neue Aufgaben und Herausforderungen suchen muss um weiterhin eine hohe Anerkennung des gesellschaftlichen Stellenwertes zu erreichen.

Schon heute leisten pensionierte Frauen und Männer beträchtliche Mengen an unbezahlter Arbeit. Sie übernehmen nicht nur vielfältige Haushalts- und Familienarbeiten, sondern sind auch freiwillig in der Nachbarschaftshilfe tätig. Hilfeleistungen älterer Menschen geschehen oft unorganisiert und informell und werden daher in unserer Gesellschaft kaum wahrgenommen und zu wenig wertgeschätzt.

Auf alle Fälle ist es hilfreich, sich bereits vor der tatsächlichen Beendigung der beruflichen Laufbahn Gedanken zu machen, welchen Aktivitäten man in der Pension nachgehen möchte. Es können nicht nur Hobbys stärker gepflegt werden. Manchen Pensionisten, die zu sehr an ihrem Beruf hängen, gelingt es auch, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten sinnvoll und weniger belastend einzusetzen, sei es in der Tätigkeit eines Beraters oder als Aushilfe im privaten oder wirtschaftlichen Umfeld.

Für eine immer größer werdende Zahl behinderter, hochbetagter, pflegebedürftiger Menschen wird die Herausbildung einer so genannten Alterskultur wichtig. Auch ein dementer Mensch soll als eine wertvolle Person angesehen werden, soll Solidarität und Anteilnahme erfahren und nur wenn man sich in einer Gemeinschaft weiß, die Respekt vor dem Alter hat und ein Leben in würde ermöglicht, fürchtet man sich nicht vor dem Altwerden. Eine Abkehr vom Jugendwahn ist dringend erforderlich.

Lernen überflüssig zu werden

Wenn wir bedenken, dass heute für viele jüngere Menschen die arbeitsfreie Zeit eine Last bedeutet und die ersten Urlaubstage nicht selten in eine Krise münden, und wenn man gleichzeitig davon ausgehen kann, dass ein Großteil der Bevölkerung einfach nur sein Leben lebt, dann können wir erahnen, wie wenig wir unser Lebenspotential ausschöpfen. Niemand auf dieser Welt kann in seinem Leben alles machen, aufnehmen und verarbeiten, da wir nur ein beschränktes Zeitbudget, auch bei gestiegener Lebenserwartung, zur Verfügung haben.

Wenn wir uns auf unserem Lebensweg langsam von der Hektik der Jugend entfernen und befreien, haben wir die Chance allmählich zur Ruhe und irgendwann vielleicht auch den Sinn unseres Daseins zu finden. Im Laufe unseres Lebens verlieren wir nach und nach unsere gesellschaftlichen Aufgaben und Funktionen, sodass in letzten Lebensabschnitt an Stelle des Tuns das Sein tritt. An diesem Punkt angelangt, könnte uns nichts Schlimmeres passieren, als zur Einsicht zu gelangen, „umsonst” gelebt zu haben. Man kann nicht früh genug beginnen, seine Lebensaufgabe zu suchen. Nicht wenige behaupten, man müsse damit bereits in der Kindheit beginnen.

Fortsetzung folgt…

(c) Viennawolf 12.04.2005

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