Auf des Messers Schneide

“Mein 23. Zug wurde durch Schlechter widerlegt, indem er überraschenderweise seinen Sa6 einstehen ließ. Ich durfte ihn nicht nehmen, da sonst Schwarz nach f2 hineingeschlagen hätte. Weit einfacher und besser als mein 23. Zug wäre 23. Tb1 gewesen, wonach irgend eine ausreichende Verteidigung nicht ersichtlich ist. Ferner kam 23. Db3 in Betracht.” (L)

[23.Tb1 Dxh2 24.Tf1 Lc8 25.Dxc6 Tb8; 23.Db3 Tab8 24.Txg6 Dxh2 25.Lc3 Kh8 26.Tg3±]

23…Dxh2 24.Tf1 fxg6= 25.Db3+ Tf7 26.Dxb7 Taf8 Diagramm


“Jetzt erst wird Schlechters tiefe Konzeption verständlich. Schlüge Weiß den Springer a6, so wird er durch 27… Txf2 sofort vernichtet, z.B. 28. Txf2 Txf2. Weiß kann das Matt nicht abwenden.” (M)

27.Db3
“Ganz schwach und nur durch die hochgradige Aufregung erklärlich, die den schwer bedrohten Weltmeister nach dem furchtbaren Keulenschlag 26… Taf8 befallen haben mag. 27. f4 war geboten. Schlechter hätte dann zunächst seinen Springer salviren müssen und dann war Db3 augenscheinlich unvergleichlich besser.” (M)

[27.Dxa6? Txf2 28.Txf2 Txf2 29.Dc8+ Kh7 30.Dh3+ Dxh3 31.Kxf2–+; 27.f4 Dh4+ (27...Sb8 28.Db3 Dg3+ 29.Kd1 Lxd4 30.Kc2 Lg7 31.Tg1 Dh3 32.Txg6 Df5+ 33.Dd3 Dxd3+ 34.Kxd3±) 28.Ke2 Dh5+ 29.Kf2 Dh2+ 30.Ke1 Dh4+ 31.Tf2 Dh1+ 32.Ke2 Dh5+=]
27…Kh8 28.f4 g5 29.Dd3 gxf4 30.exf4 Dh4+

“Hummel studierte die Stellung. Er trat einen Schritt zurück und kniff ein Auge zu. Zehn Minuten lang schätzte er Vor- und Nachteile der beiden Parteien ab. Er begann zu lächeln. Er blickte zu Fähndrich. Dessen Augen leuchteten. Hummel klatschte in die Hände und lachte laut auf. Die Umstehenden zischten “Pssst!” und tadelten ihn mit unfreundlichen Blicken.

Laskers Uhr tickte. Carl saß nicht am Brett. Er stand abseits und plauderte mit Horak.

Hummel legte Fähndrich den Arm auf die Schulter. Am Erfrischungsstand tranken sie einen Cognac auf das Spiel der Könige.

Die Partie wurde abgebrochen. Carl verabschiedete sich auf französisch. Aus den Nebenräumen drängten die Meister in den Saal. Den Kellnern wurden von allen Seiten Bestellungen zugerufen. Am Erfrischungsstand dröhnte Hummels Bass. Alles lief durcheinander. Die Meister untermalten mit Gesten die Sensation des Partieverlaufs. In Carls Lager, dem sich die führenden Meister der Welt angeschlossen hatten, sprach man von einer sechzig- bis siebzigprozentigen Gewinnchance für den Österreicher.

Abends lud der Freiherr von Rothschild die Wiener Delegation in eines der besten Restaurants der Stadt ein. Carl ließ sich durch Fähndrich entschuldigen. Er musste noch analysieren und konnte sich daher nicht anschließen. Mandl wollte ihn umstimmen, doch Hummel hielt den Präsidenten zurück. “Er soll sich ausruhen. Schließlich wird er morgen Weltmeister.” (G)

31.Ke2 Dh2+ 32.Tf2 Dh5+ 33.Tf3
“Hier drohte ich 34. Th1 Dxh1 35. Th3+. Dies wäre sehr günstig gewesen, wenn Schlechter die naheliegende Antwort 33… Sb8 gemacht hätte. Er zog es mit Recht vor, einen Bauern zu opfern.” (L) 33…Sc7

“Fähndrich weckte Carl zeitig. Als Carl die Tür öffnete, vernahm er ein Rascheln unter seinen Schuhen. Er las die Überschriften der Artikel und legte die Blätter achtlos auf das Bett. Nach dem Frühstück willigte Carl ein, mit Fähndrich ein Glas Sekt zu trinken. Fähndrich gab die lustigsten Ereignisse des vergangenen Abends zum besten. Bei der Schilderung, welche kühnen Revolutionslieder der betrunkene Hummel gesungen hatte, klatschte Carl sich vor Vergnügen auf die Schenkel. In ihrer Unterhaltung übersahen Carl und Fähndrich beinahe die Zeit. Ihre Stimmung war wie die von Menschen, die zwei Tage nicht geschlafen, aber den toten Punkt der Müdigkeit überwunden hatten.

Lasker stand beim Brett, als Carl auf das Podest stieg. Ein Fotograf machte Aufnahmen. Der Schiedsrichter sprach die übliche Einleitung und setzte die Uhr in Gang. Ein Großteil der Meister zog sich in Nebenräume zurück. Der allseits beliebte Hummel hielt am Erfrischungsstand hof.

In den ersten Minuten der Spielzeit wurde Carl wieder von seiner Verdauung gepeinigt. Hummel kommentierte Carls Wege zwischen Toilette und Podest scherzhaft mit einem rüden Ausdruck. Für die Maßregelung durch Umstehende, die ihn nicht kannten, dankte Hummel mit Verbeugung und militärischem Salut. Daraufhin hielten sich die Wiener Meister nahe am Erfrischungsstand. Hummel näherte sich jener Laune, in der er imstande war, große Versammlungen zu unterhalten, und das durfte man sich nicht entgehen lassen.

Die Züge einunddreißig, zweiunddreißig und dreiunddreißig. Haffners Züge waren folgerichtig und hatten Kraft. Um Laskers König, der in der Mitte geblieben war, pfiff ein eisiger Wind.” (G)

[33...Sb8? 34.Th1 Dxh1 35.Th3+ Dxh3 36.Dxh3++-]
34.Txc6 Diagramm


[34.Th1?! Dxh1 35.Th3+ Dxh3 36.Dxh3+ Kg8 37.Sc5 Sb5=]
34…Sb5

“Rothschild trat zu dem Fotografen. “Wollen Sie mir einen Gefallen tun? Machen Sie ein paar Bilder von diesen beiden Herren!” Er wies auf Mandl und Dr. Lewitt. “Aber verschweigen Sie bitte, dass Sie auf meinen Auftrag handeln.

“Der Fotograf nahm den Geldschein, den Rothschild zwischen den Fingern rieb. Die Zigarette lässig im Mundwinkel, holte er seinen Apparat.

Rothschild flüsterte Hummel ins Ohr, worum er den Fotografen gebeten hatte. Hummel zog erfreut eine Braue hoch. Sie beobachteten das Gespräch des Fotografen mit seinen Opfern. Dr. Lewitt und Mandl wehrten zunächst ab, ließen sich aber doch überreden. Die Vorbereitungen für die Aufnahmen begleitete Hummel am Erfrischungsstand mit szenischer Komik. Er warf sich in die Brust, spuckte in die Hände und glättete sein Haar. Als er Rothschild stolz sein Profil präsentierte, wurde er von Fähndrich am Ärmel gezupft. Hummel legte einen Finger an die Lippen und rollte die Augen.

“Hören Sie mit dem Unsinn auf, kommen Sie!” stieß Fähndrich hervor. Er zerrte Hummel zum Demonstrationsbrett.
Lasker hatte eben seinen vierunddreißigsten Zug ausgeführt. Hummel vertiefte sich in die Stellung. Fähndrich, dessen Ohren dunkrote Farbe angenommen hatten, achtete auf jede Regung in Hummels Gesicht.
Noch ehe Hummel ein Urteil über die Stellung verlautbart hatte, machte Carl den Gegenzug. Ein Sekretär trug den Zug am Demonstrationsbrett nach. Hummel schnappte nach Luft. Er drängte Fähndrich in einen Nebenraum. Die dort versammelten Meister lachten und schüttelten den Kopf.

“Ist er verrückt?” zischte Hummel. “Was treibt er da? Warum hat er den Springer nicht in die Mitte gespielt?”
“Meine Meinung!” rief Fähndrich. “Es sieht wirklich aus, als wollte er die Partie unbedingt gewinnen.”
Hummel hörte sich unter den anderen Meistern um. Die Mehrheit teilte seine Ansicht. Hätte Haffner den Springer zur Mitte gezogen, hätte er eine sichere Druckstellung erlangt und zumindest das Unentschieden bequem erzwingen können. Der von Haffner gewählte Zug war objektiv betrachtet allerdings noch stärker. Doch es war ein Angriffszug, der das Remis ausschlug. Es bestand kein Zweifel: Jemand musste Haffner ein Rauschmittel in den Kaffee gerührt haben. Der Wiener war von allen guten Geistern verlassen. Er spielte auf Sieg.

Hummel watschelte durch die Nebenräume. Nun half ihm auch der genossene Cognac nicht mehr. Mit einem nicht sehr sauberen Taschentuch wischte er sich Schweiß von der Stirn. Seine Hände zitterten so stark, dass er es fast nicht fertiggebrachte, sich eine Zigarre anzustecken. Den Spielsaal wollte Hummel nicht mehr betreten. Er ließ sich von Fähndrich mit Cognac versorgen. Von einem dieser Dienstwege zurückgekehrt, berichtete Fähndrich mit sich überschlagender Stimme, dass Haffner durch den Spielsaal flanierte und in aufgeräumter Stimmung mit Bekannten spreche. Hummel tippte sich an die Schläfe. Vor Aufregung brach er beinahe in Tränen aus.” (G)
“Sehr stark (und vielleicht entscheidend) war 34… Sd5.” (S)

“Schlechters kühne Angriffsführung ist ebenso bewundernswert, wie die unerschütterliche, kaltblütige Verteidigung des Weltmeisters. Hier aber hätte er mit 34… Sd5 eine viel einfachere Fortsetzung wählen können. Alle seine Streitkräfte wären zu voller Offensivwirkung gelangt, während die Truppen des Weißen zum Teil deplacirt (z.B. der Sa4 und der Tc6), zum Teil gelähmt und unwirksam (wie der Tf3 oder der Ld2) postirt sind. In derartigen Fällen ist die Verteidigung gewöhnlich aussichtslos. Man erwäge z.B. folgende Möglichkeiten: I. 35. Tc5 Txf4 36. Lxf4 Sxf4+ 37. Kd1 Sd5 (oder auch 37… e5) etc. II. 34… Sd5 35. Dg6! Dxg6 36. Txg6 Sxf4+ 37. Lxf4 Txf4 etc. In beiden Varianten (I und II) hätte Schlechter auf die allerbequemste Weise den Remisschluss erzwingen können und Remis genügte ja zum Gewinn des Wettkampfes. Allerdings muss zugegeben werden, dass Schlechters Fortsetzung 34… Sb5 noch stärker ist, da sie bei richtigem Spiel zum Gewinn der Partie führen müsste!” (M)

[34...Sd5 35.Dg6 Dh2+ (35...Dxg6 36.Txg6 Sxf4 37. Lxf4 Txf4 38. Th3+ Kg8 39. Sc5 Kf7 40. Txg7+ Kxg7 41. Se6+ Kg6 42. Ke3 Tf1 43. Sxf8+ Txf8 44. Tg3+=; 34...Sd5 35.Tc5 Txf4 36.Lxf4 Sxf4+ 37.Kd1 e5 38.De4 Sg6 39.Tcc3 exd4 40.De2 Dh1+ 41.Kc2 dxc3 42.Txf8+ Lxf8 43.Sxc3 Lxa3–+]
35.Tc4
“Nicht 35. Tc5 wegen 35… Sxd4+.” (M)

“Lasker zog zum fünfunddreißigsten Mal. Ein Bote hastete durch die Räume und führte den Zug an allen Demonstrationsbrettern aus. Die Mehrzahl der Meister nickte befriedigt und rieb sich die Hände. Es war die bei weitem spannendste Partie des Wettkampfes geworden, wild, verwickelt, fast im Stil der alten Romantiker.

Haffner überlegte bereits elf Minuten an seinem Gegenzug. Das beunruhigte niemanden. Der Wiener hatte reichlich Bedenkzeit erspart.
Als Haffner achtzehn Minuten lang nicht gezogen hatte, nahm Hummel widerwillig die Qual auf sich, die Stellung eingehend zu studieren.

(c) Ewald Schreiber 2006

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