Carlos Kleiber

Wieder ein “Österreicher”
Also, er war Österreicher! – Er war Österreicher, und das ist wichtig zu erwähnen, denn es steht in jeder Tageszeitung – in jeder östereichischen. Wenn man sonst nicht weiss, was man auf die Geschwinde schreiben soll, dann schreibt man eben das. Ich muss zugeben, dass ich die Todesmeldung hörend, einige Zeit benötigte um den Maestro mit dem kleinen, aber feinen Repertoire einzuordnen.
Carlos Kleiber, der Sohn des ebenfalls weltbekannten Dirigenten Erich, hat sich rargemacht. Seinen Mythos verdanke er nicht zuletzt der Seltenheit seiner Auftritte. Von den Medien, Musikern und Direktoren umworben, verweigerte er sich dem internationalen Musikbe-trieb. Er war da gewissermaßen eine Anti-These zu Karajan – einem anderen “Österreicher”.

Kompromisslos
Unbestritten ist sein Rang als Dirigent, der mit seinem Sinn für Bewegung und Spannung sowohl Publikum als auch Kritiker in den Bann zog. Sein Perfektionismus brachte Carlos Kleiber den Ruf eines schwierigen Exzenrikers ein. Er war zu keinen Kompromissen bereit und erschien nur dann am Dirigentenpult, wenn seine Vorstellungen von den Künstlern auch umgesetzt werden konnten. Er hat Ansprüche gestellt, die “eigentlich nicht zu erfüllen waren”, so Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker.
Wenn man die Komplexität der musikalischen Materie und den Verschleiss des Tourneebetriebs verbindet versteht man, dass einer wie Kleiber sich der “Massenware Musik” verweigern musste!

Handicap des Perfektionismus
Vielen Perfektionisten ist in der Kindheit bewusst oder unbewusst vermittelt worden, sie seien nicht gut genug. Wenn der Vater oder die Mutter ein Star ist, glaubt das Kind oft, es sei nicht den Anforderungen der Eltern gewachsen. Ein drastisches Beispiel war Amadeus junior, Mozarts Sohn, der nur sehr wenige Kompositionen hinterlassen hat und man kann sich fragen, was wohl aus ihm geworden wäre, hätte er einen anderen Vater gehabt.

Ähnliches trifft auf Carlos Kleiber zu, dessen Vater Erich ebenfalls ein berühmter Dirigent, ursprünglich seines Sohnes Dirigentenkarriere verhindern wollte. Carlos Kleiber hatte sicherlich auch wegen seinem strengen Über-Vater große Probleme vor ein Orchester zu treten.

Small is beautiful
Carlos Kleiber dirigierte immer wieder dieselben Werke: Brahms’ Zweite, drei Symphonien Beethovens, Schuberts Dritte, Tristan und Isolde, La Traviata, die Fledermaus und den Rosenkavalier. Dieses kleine Repertoire hatte den Vorteil, dass er mit diesen Werken so vertraut war wie kein Zweiter, und führte zu Interpretationen, wie man sie nur sehr selten erleben kann. Wenn Kleiber in den Orchestergraben ging, wurde Musik zu einem die Seele umarmenden Ereignis.
Die von ihm ausgehende Hypnotierung von Publikum und Orchester, diese Intensität der Spannung, konnte unmöglich zum Dauerzustand werden. Es ist auch verständlich, warum dieser Künstler sich so sehr dagegen wehrte, diese Aufführungen aufzuzeichnen. Die Magie einer “Kleiber-Sinfonie” fängt die beste Technik nicht ein.

Mangelware ist Qualitätsware
Wenn etwas schwer zu bekommen ist, steigt es unweigerlich im Wert, da es in der Regel besser ist, als etwas, dessen man leichter habhaft wird. Wenn Möglichkeiten weniger erreichbar werden bedeutet das einen Verlust von Freiheit. Das Bedürfnis nach Erhaltungunserer Freiheit ist ein tief in uns verankertes psychologisches Prinzip – schlag nach bei Cialdini.

Wenn eine Verknappung unseren Zugang zu einer Sache behindert, setzt eine Gegenreaktion gegen diese Behinderung ein, die darin besteht, dass unser Interesse an der Sache und unser Bemühen sie zu erlangen gesteigert wird. Jetzt wird klar, warum Kleibers Abwesenheit – schon zu Lebzeiten, seinen Mythos begründet hat und ihn für immer in uns bewahrt.

Sinn für den Ende eines Werkes
So wichtig der Beginn eines Werkes auch sein mag, viel entscheidender ist, wie der Schluss gestaltet wird. Carlos Kleiber besaß stets einen Sinn für die Dramaturgie eines Werkes, für die Spannungsbögen einer Komposition und dem letzen Satz. Er ist das Ende des Werkes und der Anfang der Erinnerung.

Der durch die Seltenheit seiner Auftritte schon lange der Welt abhanden gekommene Dirigent kann nun endgültig nicht wiederkehren. Er ist hinaufgestiegen auf den Olymp der Götter, wo seine Kollegen schon auf ihn warten: Friedrich Gulda, Glenn Gould, … Sie alle konnten, und wollten nicht im normalen Konzertbetrieb mitmachen.
(c) Viennawolf 20. 07. 2004

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