Das besiegelte Schicksal

Carl dachte nicht über seinen Zug nach. Er überlegte, woher er die Stellung kannte. Eine ganz ähnliche Stellung hatte er schon einmal am Brett gehabt. Er erinnerte sich nicht, zu welcher Gelegenheit und wo, doch es musste vor sehr langer Zeit gewesen sein. Gegen wen hatte er damals gespielt?

Zweiunddreißig Minuten. Hummel stieß Fähndrich an. Er deutete auf das Demonstrationsbrett. “Leide ich an Halluzinationen?” fragte er mit glänzendem Blick.” Oder sehen Sie das wie ich?

“Carl fiel ein, gegen wen er damals gespielt hatte. Er musste lachen. Er wandte sich wieder der Partie zu.

Vierundvierzig Minuten. Hummel hielt Fähndrichs Hand. Erst jetzt hatten die Meister vor den Schautafeln Haffners tiefe Konzeption begriffen. Der Herausforderer hatte den Weltmeister geradezu genial an die Wand gespielt. Zog Haffner nun den Turm nach d8, lag Laskers Stellung in Trümmern. Dann konnte der Deutsche sogleich aufgeben. Es gab keine Rettung.

Einundfünfzig Minuten. Zweiundfünfzig. Carl dachte über zwei Möglichkeiten nach. Spielte er den Turm nach d8, war die Partie in einigen Minuten zu Ende, und er hatte in ansprechender Art gewonnen. Schlug er mit dem Turm nach f4, opferte er also den Turm für eine Leichtfigur, bestand auch Aussicht auf den Sieg, und mehr noch, es bestand die Aussicht, der Schachwelt einen Diamanten zu schenken, eine Partie zu spielen für die Ewigkeit. Der erste Weg war sicher, der zweite recht riskant.

Seit achtundfünfzig Minuten überlegte Haffner an seinem Zug. Anna bemerkte, dass Carl unverständliche Worte murmelte. Er war blass. Seine Finger spielten mit geschlagenen Steinen neben dem Brett. Lasker saß zusammengesunken auf seinem Stuhl. er stützte den Kopf mit den Händen. Man sah sein Gesicht nicht. Die Zigarre zwischen seinen Fingern schien er vergessen zu haben. Die Asche brach ab, rollte über Laskers Hand und fiel auf das Brett. Carl sagte “Pardon!” und blies sie weg. Lasker regte sich nicht.

Eine Stunde, vier Minuten. “Worauf wartet er?” schrie Hummel auf.

Carl schlug mit dem Turm auf f4. Er stand auf und massierte seine Lider. Er schlenderte zu Wolf.

“Warum nicht Turm nach d8?” flüsterte Wolf erregt.

Carl zuckte die Achseln. “Geschmackssache.”

Carl fragte Anna, wie sie es aushielt, stundenlang einer Schachpartie zu folgen, ohne sich ein einziges Mal zu setzen. Anna lachte. “Weißt du, wie viele Stunden ich schon bewegungslos vor einem Maler stehen musste?”

Carl trat an den Erfrischungsstand. Er vermisste Hummel. Neben ihm erwogen Mandl und Dr. Lewitt, in welchen Zeitungen ihr Foto erscheinen würde. Carl trank ein Glas Milch. Niemand wagte ihn anzusprechen. Man wollte seine Konzentration nicht stören. Dabei hätte Carl sich gern mit jemanden unterhalten. Er setzte sich ans Brett. Sein Geist drang wieder in die Stellung ein. Hummel rückte seinen Stuhl in einen Winkel, wo er das Demonstrationsbrett nicht sehen konnte. Fähndrich brachte ihm ein Stamperl Cognac. Hummel wehrte ab. Es ekelte ihn davor.” (G)

[35.Tc5? Sxd4+ 36.Dxd4 Dxf3+–+; 35.Ke1 Dh1+ 36.Df1 Dxf1+ 37.Txf1 Sxd4=]

35…Txf4

“Diese Kombination ist falsch. Ich rechnete auf 36. Lxf4 Txf4 37. Tc8+ Lf8 38. Kf2! Dh4+ 39. Kg2! Dg4+ und sah zu spät die Widerlegung 40. Tg3! Dxc8 41. Dg6. Entscheidend war 35… Td8, falls dann 36. Le3, so 36… e5.” (S)

“Eine Halluzination. 35… Td8 hätte unfehlbar zum Gewinn geführt, wie im ,Rückblick auf den Wettkampf’ bewiesen werden wird. Der anscheinend starke Angriff des Schwarzen wird von Dr. Lasker in überraschend einfacher Weise widerlegt.” (M)

“Aufschlussreich daher auch seine Anmerkung zum 35. Zug (35… Td8), womit er zu gewinnen glaubte. Wie spätere Analysen gezeigt haben, trifft das bei weitem nicht zu.” (Michael Ehn: Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen. www.schachundspiele.at)

[35...Td8 36.Ke1 (36.Le3 e5 37.Tc1 exf4 38.Tc5 Dg4–+) 36...Dh4+ 37.Kd1 Kg8 38.d5 Dh5 39.Kc1 Txd5 40.Th3 Txd3 41.Txh5³]

36.Lxf4 Txf4 37.Tc8+ Lf8 38.Kf2 Dh2+ 39.Ke1 Dh1+

“Der siebenunddreißigste Zug, der achtunddreißigste. Hummel zählte die Flecken auf seiner Hose. Fähndrich berichtete ihm, dass Haffner über seinen neununddreißigsten Zug bereits zwanzig Minuten nachdachte.

“Wie sieht es aus?” fragte Hummel matt.

“Ich bin mir nicht sicher. Mieses und Tartakower glauben, er kann Remis erzwingen. Ich meine, es wäre vielleicht sogar mehr möglich.”

Hummel sprang auf. Rücksichtslos schob er die Meister zur Seite, die vor der Schautafel diskutierten.

Carl hatte eingesehen, dass er sich mit dem Schlagen auf f4 verrechnet hatte. Nun gab es wiederum zwei Möglichkeiten. Er konnte sich das Unentschieden sichern, indem er mit der Dame auf h4 Schach bot und damit in eine günstige Abwicklung einlenkte. Wenn er aber die Dame auf h1 zog, setzte er den Angriff fort. Genaugenommen war dies der einzige Weg, die Partie doch noch zu gewinnen. Allerdings musste Lasker ihm dazu den Gefallen tun, einen Fehler zu begehen. Unterlief Lasker kein Schnitzer, wurde Carls Angriff abgeschlagen, und der Deutsche gewann.

Fähndrich gestand ein, sich geirrt zu haben. Die Meister in den Nebenräumen kamen einhellig zu dem Urteil, dass der Damenzug nach h4 Remisschluss erzwang. Alles andere wäre ein tollkühner Sprung ins Grab.

Der Bote trat ein. Hummel schloss die Augen. Er hörte die Atemzüge seines Nachbarn. Rufe erschallten. Jemand schlug mit der Faust auf einen Tisch. Hummel blinzelte. Die Dame stand – nicht auf h4, auf h1.

Fähndrich machte die Gebärde des Aufhängens. Hummel wankte hinaus in den Spielsaal. Am Erfrischungsstand bat er um ein Glas Wasser. Anna musste seine Zigarre anzünden. “Es sieht nicht allzu gut aus, höre ich.”

“Er ist schon im Himmel, er weiß es nur noch nicht. Oder weiß er es doch? Ist ja einerlei.” Hummel murmelte es, ohne Anna anzusehen. “Was habe ich hier eigentlich zu suchen?” Hummel räumte seinen Platz am Erfrischungsstand. Er lief grußlos aus dem Hotel.” (G)

“Ein entscheidender Fehler. Mit 39… Dh4+ hätte Schwarz zweifellos Remis erzwungen. I. 40. Kd2 Dh2+ 41. Ke3 Txf3+ 42. Kxf3 Dh3+ 43. Ke2 Dxc8 44. Dxb5. II. 40. Kf1 Dh3+ 41. Kf2 Txf3+ 42. Dxf3 Dxc8 43. Dh5+ Kg8 44. Dxb5. Auf 40. Kd1 oder 40. Tg3 darf sich Weiß nicht einlassen, da Schwarz hierauf gewinnen würde, im ersteren Falle mit 40… Dh1+ 41. Ke2 Txf3! etc., im zweiten Falle mit 40… Dh1+ 41. Kd2 Tf2+ etc.” (M)

“Dass Schlechter den Weg zum Remis übersah und selbst in seinen Analysen nicht erwähnt, ist merkwürdig. Vielleicht zeigt das, wie besessen er von der Idee war, diese Partie zu gewinnen – seine sonst so sichere Urteilskraft war getrübt. (…) Vielleicht war die paradoxe Pointe der 10. Partie sogar die, dass der Remisenkönig in der Partie seines Lebens das Remis übersah, weil es für ihn gerade in dieser Partie undenkbar war. Fest steht, dass beide auf Gewinn spielten – Schlechter trotz seines Ein-Punkte-Vorsprungs, Lasker, weil er musste, um sich vielleicht doch noch irgendwie zu retten.” (Michael Ehn: Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen. www.schachundspiele.at)

[39...Dh4+ 40.Kd2 Dh2+ 41.Ke1 Dh4+= 42.Kd2 Dh2+ 43.Ke3 Txf3+ 44.Kxf3 Dh3+ 45.Ke2 Dxc8 46.Dxb5³;

39...Dh4+ 40.Kf1 Dh3+ 41.Kf2 Dh2+ 42.Ke3 Txf3+ 43.Kxf3 Dh3+ 44.Ke2 Dxc8 45.Dxb5 Dc2+ 46.Ke3=; 39...Dh4+ 40.Tg3 (40.Kd1 Dh1+ 41.Ke2 Txf3 42.Dxf3 Sxd4+) 40...Dh1+ 41.Kd2 Tf2+ 42.Ke3 De1+–+]

40.Tf1 Dh4+ 41.Kd2 Txf1

“Die einzige Fortsetzung des Angriffes. Ganz verfehlt wäre 41… Txd4 wegen 42. Tcxf8 Kg7 43. T1f7+ Kh6 44. Th8 Kg5 45. Txh4 etc.” (M)

42.Dxf1 Dxd4+ 43.Dd3 Df2+

“Carls Angriff stockte, wie es die Kiebitze vorhergesagt hatten. Die Partie wurde abgebrochen und auf den folgenden Morgen vertagt. Horak und gut ein Dutzend anderer Meister stürzten sich auf Carl. “Was ist Ihnen da eingefallen?” rief einer. “Alles hätten Sie haben können, Gewinn, Remis, ganz nach Belieben!” – “Überlegt eine Stunde und spielt wie ein Kind!” – “Narr, hält den Sieg in Händen …”

“Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten den Turmzug nach d8 nicht gesehen”, sagte Horak finster. “Jeder Anfänger kann drei Züge weit rechnen.”

“Den Turm nach d8? Habe ich übersehen. Entschuldigen Sie, ich muss an die frische Luft.”

Man wollte Carl zurückhalten. Er hob beschwörend die Arme und rannte aus dem Hotel. Er lief, bis er das Schild des Hotels Kaiser sah. Er versperrte sein Zimmer und warf sich auf das Bett. Nicht einmal die Schuhe zog er aus. Seine Lunge stach, als würde sie auseinandergerissen. Sein Herzschlag würgte ihn.

Er verschnaufte ein wenig. Dann schloss er die Vorhänge, um weder durch die Sonne noch die Aussicht auf die Prachtbauten gegenüber seines Fensters von seiner Arbeit abgelenkt zu werden. Er analysierte die Partie elf Stunden ohne Unterbrechung. Daneben verzehrte er einen Kaiserschmarren, seine Leibspeise, die Fähndrich beim Hotelkoch in Auftrag gegeben hatte.

Spätnachts legte Carl sich schlafen. Er hatte erkannt, dass der Materialnachteil zu seinen Ungunsten entscheiden musste. Wenn Lasker nicht patzte, war die Partie für Carl verloren.” (G)

“In dieser Stellung wurde die Partie abgebrochen. Zwar hat Schwarz vorläufig noch den Angriff, aber der materielle Vorteil des Weißen muss bald zur Geltung kommen. Die Partie nahm am 10. Februar folgenden Verlauf:” (M)

44.Kd1 Sd6 45.Tc5 Lh6 46.Td5 Kg8 47.Sc5 Dg1+ 48.Kc2 Df2+ 49.Kb3 Lg7 50.Se6

50…Db2+

“Fritz 8″ berechnet hier eine Variante, die zum Remis führt – und gibt 50. Tg5 als Gewinnzug für Weiß an. [50...Db6+ 51.Kc2 Db2+ 52.Kd1 Da1+ 53.Ke2 Db2+ 54.Dd2 Dxa3 55.Ta5 Dh3 56.Dd5=]

[50.Tg5 Df7+ 51.Dd5 Dxd5+ 52.Txd5±]

51.Ka4 Kf7 52.Sxg7 Dxg7 53.Db3 Ke8 54.Db8+ Kf7 55.Dxa7 Dg4+ 56.Dd4 Dd7+ 57.Kb3 Db7+ 58.Ka2 Dc6 59.Dd3 Ke6 60.Tg5 Kd7

(c) Ewald Schreiber 2006

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