Das waren die 90er

Ob wir tatsächlich am Ende eines Jahrtausends angelangt sind ist strittig. Das Ende der 90er Jahre hingegen ist aber unbestreitbar. Die Endsilbe „Neunzig“ findet sich ab dem Jahr 2000 für längere Zeit eindeutig nicht mehr.

1989/90
waren wir gerade aus der Oberliga in die Kärntner Liga abgestiegen, Adalbert Pösinger war noch als unsere Nummer 1 von der „Wienconnection“ vertreten, Manfred Kraupfogel u.a. verantwortlich für die in einer „Heidenarbeit“ erstellten maschinengeschriebenen Vereinschronik der 70er Jahre, Kurzzeitnummer 1 und Zweiter der ewigen Elo-Rangliste des SC H, nicht mehr. Als es knapp für uns wird kommt Tom Greschitz im schweren Spiel gegen SG Wolfsberg zu seinem letzten Einsatz: Remis mit der Lokalgröße Klaus Fritz, der schon bald die Kärntner Schachbühne auf tragische Weise für immer verlassen sollte.

Kärntens Schachspieler können ab dieser Saison im wahrsten Sinne des Wortes aufatmen: Rauchverbot. Wem sind nicht die verrauchten „Buden“, die brennenden Augen, Kopfschmerzen, das unvergessliche Aroma der „geselchten“ Kleidung, auch noch nach Tagen in leidvoller Erinnerung? Wie viele Partien sind nicht schlussendlich den Bach hinunter gegangen, weil man einfach nichts mehr gesehen hat. Wer kann sich nicht an die Zigarren von Oberortner, die Pfeife von Hartnig oder die Zigarettensorte von Spieler XY erinnern?

Nach einigem Zittern belegen wir schließlich in der Endabrechnung mit 42,5 Punkten den 6. Rang. Meister wird SG Wolfsberg mit 60,5 Punkten. Weil sie mit ATSV zusammengehen steigt SCA St. Veit in die Oberliga auf. Unsere 2. Mannschaft erreicht in der 2. Klasse West mit 33 Punkten ebenfalls Rang 6 – Meister Ferndorf II mit 47 Punkten.

1990/91
müssen wir schmerzhaft erkennen, dass man einen Spieler mit Staatsliganiveau wie unseren Pösinger nicht so ohne weiteres ersetzen kann. Ab jetzt „Embergert“ es in Hermagor bis zum letzten Viertel der 90er Jahre an den Spitzenbrettern – Jürgen erklimmt später auch die Ebene der Staatsliga.

Es nützt nichts, die anderen müssen Nachrücken. In einer Kärntner Liga mit 11 Vereinen (Platz-halter?) werden wir mit 28 Punkten Letzte – Meister und Aufsteiger in die Oberliga wird ÖDK Klagenfurt (52 Punkte).

Dafür ist unsere 2. Mannschaft in der 2. Klasse West in toller Verfassung. Im „Finale“ haben unsere beiden Mannschaften Heimvorteil: die Erste hat nur noch theoretische Chancen auf den Klassenerhalt, die Zweite muss die Spitzenposition verteidigen. Wir transferieren „alles“ in Mannschaft II: Jürgen, unser Star auf Brett 1, auch Youngster Günter Salcher wird aufgeboten, ich selbst finde mich auf Brett 7! Dafür darf die “Embergermama” (gibt’s da noch das Damenbrett?) Ligaluft schnuppern. St. Nikolai wird 7:1 weggefegt – 10 Mannschaftssiege aus 10 Wettkämpfen, 60,5 Punkte, 4,5 Punkte Vorsprung auf HSV Spittal, Meister – unser größter Erfolg in den 90er Jahren.

1991/92
bringt uns in der Unterliga West mit 53 Punkten Rang 5. Wir waren lange Zeit in Führung, verloren gegen den späteren Meister und Aufsteiger in Landesliga Bodensdorf/Landskron (Reichmann, Stelzer, Kronig; 63 Punkte). In der Schlußrunde wird uns ein (tatsächlich gespieltes) 4:4 mit Obervellach aberkannt. Wir spielten nach Absprache mit dem Verband das für uns eigentlich bedeutungslose Match mit den Obervellachern zum ursprünglich festgesetzten Zeitpunkt vor. Nachdem die verschobene Runde abgeschlossen ist, überlegt man es sich im Verband anders. Mannschaft II macht 41 Punkte und wird damit in der 1. Klasse West Rang 9 – Meister und Aufsteiger in die Unterliga Nußdorf-Debant mit 60,5 Punkten.

1992/93
ist in der Unterliga SG Villach III (später Schachfreunde) ein übermächtiger Gegner. 65 Punkte reichen ihnen zum Aufstieg, wir folgen mit 8 Punkten Rückstand und erreichen damit genau so viele wie eigentlich im Jahr davor. 37 Punkte reichen uns diesmal in der 1. Klasse West, um die Vorjahresplazierung zu egalisieren. Meister wird Feistritz-Paternion II mit 64,5 Punkten.

1993/94
gibt’s eine große Reform. Die Oberliga wird abgeschafft. Einst von den “Großen“ in den 70er Jahren eingeführt, um unter sich zu bleiben – etwas Elitäres also. Die „neue“ Kärntner Liga spielt für fünf Jahre auf sechs Bretter, danach folgt die Unterliga, wie gehabt mit 8 Spieler pro Team – wir spielen dadurch in der 1. Klasse West.

Neu ist auch das Play-Off-System ab der Unterliga. Im Herbst gibt es einen Qualifikationsdurchgang, dann geht es im Frühjahr um Auf- und Abstiegsplätze. Zunächst spielten die führenden Teams der niedrigeren Klasse mit den schwächeren Teams der darüber liegenden, bzw. in der Unterliga die besten vier Teams in einer Doppelrunde um den Aufstieg. Dies sollte sich bald ändern.

Für uns galt: ein neues Spiel, ein neues Glück. Das erste Spiel nach neuem System – mein letztes als „echter Kärntner“, es ging auf nach Wien zum Studium, und nach kleinem Umweg, zur „Schwarze Dame – Connection“ mit Pösinger, Kraupfogel, Hauptmann, Regenfelder, Türk, etc. – war auch ein besonderes: ein 8 zu 0 gegen die zweite Mannschaft des Villacher Schachvereins, immerhin auf 6 Bretter erspielt. Im Frühjahr erkämpfen wir im Unterliga Play-Off mit 27,5 Punkten Rang 5. Aufgrund der Arithmetik sind wir somit wieder Zweitklassik. Die zweite Mannschaft erreicht im 3. Klasse AB Play-Off mit 33,5 Punkten und 2 Punkten Rückstand auf Kötschach II den zweiten Platz.

1994/95
Jürgen Emberger spielt seine letzte Saison für den SC H, Admira Villach will ja Kärntner Meister werden. Mit dem 5. Platz im Unterliga Play-Off (26 Punkte) gelingt noch einmal der Klassenerhalt, Maria Saal II gelingen 39 Punkte. Mannschaft II gelingen 21,5 Punkte im 3. Klasse AB Play-Off und Rang 3, Feistritz-Paternion III schafft 24 Punkte. Die Hermagorer Schachzeitung wird ins Leben gerufen.

1995/96
Zeigt sich wieder einmal, wie knapp Erfolg und Mißerfolg nebeneinander liegen können. Im Herbst verpassen wir die Qualifikation für die Unterliga Meister-Play-Off nur knapp. Im schlußendlich entscheidenden Spiel gegen Finanz Klagenfurt verlieren wir einige Partien trotz großen Vorteils (+Turm,…) und gehen unter. Die Qualifikation wäre gleichbedeutend mit der Rückkehr in Kärntens höchste Spielklasse gewesen – es durfte nur 1 Team pro Verein in einer Liga vertreten sein, damals war man noch sportlich. Im Frühjahr reicht dann die Kraft nur noch zur Rache an der Finanz – 20 Punkte, 8. und letzter Platz. SG Wolfsberg/Eitweg holt 33,5 Punkte. SC H II belegt in der 4. Klasse mit 36 Punkten Platz 2 (Feffernitz II, 38 Punkte).

1996/97
gelingen uns 25 Punkte und Platz 6 im 1. Klasse-West Play-off, Admira Villach bringt es auf 41,5 Punkte. Durch die Teilung der Unterliga in Ost und West bleiben wir in der 1. Klasse. Unsere Jugendmannschaft holt in der 4. Klasse A mit 14,5 Punkten Rang 9, wird nicht Letzter (SG Spittal III, 32 Punkte).

1997/98
Das Play-off-System wird geändert. Jeweils die ersten drei Teams von Ost und West spielen um zwei Aufstiegsplätze für die nächsthöhere Klasse. Im Abstiegs-Play-off müssen die Teams aus Ost und West unter die ersten drei kommen, um den Klassenerhalt zu schaffen. Im Herbst gibt es eine 0,5 zu 7,5 Schlappe gegen Baldramsdorf, was für das Frühjahr nichts Gutes erwarten lässt: die 2. Klasse winkt schon. Es sollte wieder einmal anders kommen. Von Anfang an spielen wir an der Spitze mit. Nach 5 Runden finden wir uns mit 31 Punkten am souveränen 1. Platz wieder – ein schönes Gefühl und eine Wendemarke. Unsere Jugend wird 5. in der 4. Klasse A, 8,5 Punkte hinter Meister Feffernitz II (21,5 Punkte).

Rückblickend kann ich feststellen, dass wir zu Beginn dieser Dekade unter dem Abstieg aus der Oberliga zu leiden hatten. Nicht die Tatsache des Abstiegs, sondern das Gefühl des Endes eines „Goldenen Zeitalters“ haben wir Jahre mit uns mitgeschleppt. Oberliga, das war Erfolg, das war Jugendmeisterschaft, das waren Jost, Greschitz, Pösinger, Kraupfogel, Clubmeisterschaft, etc. – lauter Erinnerungen, weil sie nicht mehr dawaren. Und es ging weiter bergab, in die Unterliga – keine Jugendmannschaft mehr, weitere Abgänge, an was hätten wir uns aufrichten sollen, die Signale waren auf Endzeit gestellt.

Resüme
Die Jahre 1994/95 waren eine wichtige Wendemarke: einerseits wurde mit der Hermagorer Schachzeitung ein Versuch gestartet, den Trend umzukehren (durch buchstäbliches Selbstbewußtsein), andererseits ging mit Jürgen wieder ein wichtiger Spieler verloren. Wir hatten uns die Frage zu stellen, wie es weitergehen soll. Wir haben uns zum Weitermachen entschlossen. Die Schachfamilie ist zusammengerückt, Funktionäre haben sich wieder auf unsere Wurzeln besonnen: das Schachspiel und dessen Verbreitung in Hermagor und Umgebung.

Es gab natürlich noch viele Ereignisse, die in meiner chronologischen Aufzählung nicht vorkommen. Turniersiege im Aktivschach in Obervellach (Dietmar und Jürgen Emberger), bei diversen Blitzturnieren (und gute Ergebnisse), Achtungserfolge bei Open in Velden, Lienz, Finkenstein, nicht zu vergessen in der Jugendarbeit (Qualifikation für Landesfinale im Schülercup, Aufzeigen bei Turnieren, etc.). Das Jubileumsturnier zum 50 jährigen bestehen des Hermagorer Sportclubs, viel Arbeit, viel Energie und Dynamik muss auch erwähnt werden.

Einen Punkt möchte ich besonders hervorheben: wir haben Jürgen als Spieler an Villach verloren, aber wir haben mit Admira einen starken Partner gewonnen. Wer will hat jetzt zwei Trainingsabende pro Woche zur Verfügung (Montag und Freitag). Es wird ja nicht nur Schach gespielt: es gibt Pizza, es gibt Informationsaustausch, Trost und Rat von „Onkel“ Wilfried, etc.

Für die Zukunft müssen wir uns merken: Alltägliche Routine ist der tödlichste Feind des Schachvereins. Es gibt Aufstieg, Abstieg, Turniere, Feiern, und vor allem Ziele. Man muss sich regelmäßig Gedanken machen, wie es weitergehen soll. Sind wir zufrieden, müssen wir uns ändern – der Schachverein ist nicht eine Person. Es soll sich nicht jeder auf den anderen verlassen, aber jeder soll sich auf den anderen verlassen können.

Blick auf die Kärntner Schachszene
Auf- und Absteiger: Mir ist noch deutlich in Erinnerung, wie vor 15 Jahren der Aufstieg des Atus Ferndorf begonnen hat. Namen wie Kofler, Neubauer, Haider, Arztmann, oder später Molzbichler sind mit einer Erfolgsstory verbunden die bis in die oberste Kärntner Spielklasse führte. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel – so kam es dann zur SG mit SG Spittal.

SG Spittal war Jahrzehnte lang in der Kärntner Spitze vertreten, ehe man am Ende der 80er Jahre aus der Oberliga abgestiegen ist. Vielleicht war das nicht so schlecht, denn M&M kennt man heute nicht nur in Kärnten. Gemeinsam mit Ferndorf haben sie heute das Potential, um den Kärntner Meistertitel mitzuspielen. Wenn man den Synergieeffekt besser nützt, ist ein Platz an der Sonne der Staatsliga-B-Süd sicher.

In St. Veit läuft es seit 10 Jahren sehr gut, Staatsliga B und Kärntner Liga sind zur Selbstverständlichkeit geworden, das Open auch. Die Nachwuchsarbeit gibt Rätsel auf: Wo bleibt der „neue“ Reschun, Kuess oder Thaler?.

In Maria Saal hält der Sommer jetzt schon recht lange an. Die (jungen) Spieler wachsen wie die Schwammerln – es gibt mehr Mannschaften als so mancher Verein Spieler zur Verfügung hat. Eine Ende der Geschichte ist nicht abzusehen.

Zu Klagenfurt fallen mir eigentlich nur die vielen Fusionen ein, und die Frage, wie lange das noch gut gehen kann.

Wer hätte vor 10 Jahren in Villach gedacht, dass es in der Staatsliga B ein Stadtderby geben werde, noch dazu ohne Beteiligung des Schachvereins. Das Highlight schlechthin war der Klassenerhalt der Olympiamannschaft (Dabeisein ist alles) Admira in der Saison 96/97.

Finkenstein ist nach wie vor der gewohnt solide Kärntner Spitzenverein, der auch jedes Jahr ein Open, sowie die Oster- und Weihnachtsturniere auf die Beine stellt.

In Ost-Tirol kann man durchaus zufrieden auf die letzten 10 Jahre zurückblicken. Der Osttiroler Bote mit seiner ausführlichen Schachberichterstattung ist hier ebenso nicht wegzudenken wie eine starke Staatsligamannschaft. Dazu gibt es jetzt mit Nußdorf eine zweite beachtlich starke Truppe – Sillian und Matrei haben sich leider verabschiedet.

Zäh wie Lederer hat Kötschach-Mauthen daran gearbeitet, im Gailtal die Nummer eins zu sein, was auch gelungen ist. Nach drei Jahren Kärntner Liga musste man aber trotzdem ausgerechnet 10 Jahre nach Hermagor (5 Jahre Oberliga) wieder ein Stockwerk tiefer.

Die Verlierer der letzten Dekade waren unbestritten die Wolfsberger. Nach der Zusammenlegung der Kräfte hatte man sich bestimmt mehr erhofft. Spätestens seit dem Verlust von Klaus Fritzl waren die Weichen auf Niedergang gestellt, die in der Selbstausschaltung 94/95 gipfelte. Man kämpfte sich zwar wieder in die Liga zurück – es waren aber doch verlorene Jahre – die Luft ist draußen. Ebenso, nur noch drastischer, in Bodensdorf und Landskron. Wer kennt heute noch Suetschach?

Jugend: Die dominierenden Persönlichkeiten der 90er waren unbestritten Sascha Reschun, Thomas Manhardt und Herwig Pilaj bzw. Sonja Sommer. Aber das Kärntner Schach wachgeküßt hat eine ganz andere: Eva Moser – der einzigen aus Kärntner Sicht, der man bei günstigen Verlauf der „Krankheit“ Schach einen Großen Meisterlichen Erfolg zutraut – ich lass mich gerne überraschen.

Der Schülercup hat mir besser gefallen, solange er noch nicht vom Kärntner Schachverband durchorganisiert wurde.
Die Entstehungsphase war sicher aufregender – es war eben noch nicht Routine,
nicht selbstverständlich.

(c) Viennawolf Dezember 1999

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