Die Eröffnung

10. Partie, Berlin, 8. bis 10. 2. 1910:

1.d4 d5

“Seine Gedärme murrten wieder, und zwar so heftig, dass er Laskers Zug nicht abwartete und gleich zur Toilette lief. Sie war besetzt. Carl kehrte ans Brett zurück.” (G)

2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.e3 g6

“Ein wenig begangener Weg, auf dem aber noch mancher Erfolg zu holen sein mag, wie Heinrich Wolf zeigte, der in Nürnberg 1906 mit dieser Variante einen schönen Sieg über Swiderski errang.” (M)

“Mit 4… Lg4 nebst e7-e6, was Alapin empfiehlt, hätte ich eine sehr gute Stellung erlangt. Ich wollte die letzte Partie nicht “auf Remis spielen” und wählte eine weniger gebräuchliche Fortsetzung, die zu interessanten Verwicklungen führt.” (S)

4… Lg4 5. Sc3 e6 6. Db3 Db6 7. Se5 Lf5 (Colle-Reti, 1927, 1/2–1/2);

4… Lg4 5. h3 Lxf3 6. Dxf3 e6 (Bronstein-Campore, 1991, 0–1)

“Schlechters Anmerkung nach seinem 4. Zug deutet auf die Freiwilligkeit seiner Entscheidung hin, sonst hätte er sicher die Formulierung “Ich musste auf Gewinn spielen” gewählt.” (Michael Ehn: Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen. www.schachundspiele.at)

5.Sc3 Lg7

“Nach dem fünften Zug war es die eben entleerte Blase, die Carl hinaustrieb. Von da an peinigten ihn seine Ausscheidungsorgane nicht mehr. Nur die Kälte wich nicht. Carl rieb sich Hände und Arme, er stand auf und ging umher. Nichts half. Er trank ein Glas Rotwein, um seinen Kreislauf anzuregen.

Im Spielsaal gab es nun mehr Platz, weil viele Meister sich in benachbarte, mit Demonstrationsbrettern ausgestattete Räume zurückgezogen hatten, wo sie lebhaft über die Partie diskutierten. Boten hielten sie auf dem laufenden. Haffner hatte entgegen allen Erwartungen eine sehr anspruchsvolle Eröffnung gewählt, die auf keinen ruhigen Verlauf des Spiels schließen ließ. Man tauschte Meinungen über Haffners Beweggründe aus.” (G)

“Schlechter-System. Diese Stellung ergibt sich in der Praxis nicht selten aus der Slawischen Verteidigung. Seine Bezeichnung erhielt das vorliegende System nach der Partie Lasker-Schlechter (Weltmeisterschaftskampf 1910), obwohl es bereits einige Male in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angewandt wurde. Der Nachziehende verknüpft hier die Befestigung des Punktes d5 mit dem Fianchetto des schwarzfeldrigen Läufers, um einen festen Verteidigungswall über das ganze Brett zu errichten. Die wichtigsten Varianten entstehen nach 6. Ld3, 6. Le2 und 6. Db3.” (Aleksei Suetin: Grünfeld-Indisch. Hauptsystem bis Schlechter-System. Berlin 1990)

6.Ld3 0–0 7.Dc2 Sa6

“Im Falle von 7. Dc2 Sa6 (zu beachten ist auch 7… c5!?) 8. a3 Sc7! (in der Begegnung Lasker-Schlechter, Berlin 1910, geschah 8… dxc 9. Lxc4 b5 10. Ld3 b4 11. Sa4 mit positionellem Vorteil für Weiß) 9. 0–0 Le6 10. cxd Sfxd5 11. h3 Sxc3 12. bxc c5! erreicht Schwarz ausgezeichnetes Spiel (Bernstein-Aljechin, Wilna 1912)” (Suetin, 1990)

8.a3 dxc4 9.Lxc4 b5 10.Ld3 b4 Diagramm

“Hummel stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, in einem Winkel, um den ganzen Saal überblicken zu können. Er bewegte sich nicht von der Stelle. Er wirkte wie ein Aufpasser, wie ein jederzeit zum Eingreifen bereiter Polizist. Tatsächlich machte er sich um den Verlauf der Partie, die er mit Seitenblicken zum Demonstrationsbrett verfolgte, keine Sorgen. Er sah Lasker und Haffner als zwei Leute, die einen mächtigen Steinblock zwischen sich, fünfzig kräftige Männer im Rücken einander gegenüberstanden. Die Helfer waren die individuelle, personifizierte Stärke des jeweiligen Spielers. Die Partei Lasker drückte mit aller Gewalt den Block in Haffners Richtung, der Wiener hielt dagegen. Einmal schon war Lasker beim Schieben hingefallen und unter den Stein geraten. Wenn er sich nicht versah, blühte ihm an diesem Tag dasselbe. Mehr als ein Unentschieden konnte der Deutsche gegen Haffner nicht erreichen, das hatte Hummel bereits vor dem Wettkampf gewusst. Niemand hatte ihm geglaubt. Jetzt gafften alle und konnten die Sensation nicht fassen.

Seine Betrachtungen erfüllten Hummel mit solcher Zufriedenheit, dass er bei jedem Zug, der vorne am Podest ausgeführt wurde, kicherte wie ein Betrunkener. Nach einer Weile fiel es ihm selbst auf. Er fragte Anna, ob man irgendwo Cognac bekäme. Als Carls zehnter Zug für Aufregung im Saal sorgte, kaute Hummel vor dem Erfrischungsstand an einer Virginia und freute sich über die Wärme in seinem Magen.

In den Nebenräumen rief alles durcheinander. Meister Lipke, der pathetischen Gesten nicht abhold war, bemerkte: “Das ist der aggressivste Zug in Haffners Leben!” Wenn das auch übertrieben war, fragte sich doch jeder Meister, woher Haffner den Mut zu seiner Entscheidung nahm. Er benötigte ja nur ein Unentschieden. Nun beschwor er ein äußerst zweischneidiges Spiel herauf. Dabei war Haffners Zug positionell gesund und stark, aber – erwarten hatte ihn niemand können.

Lasker hatte sich etwas zu trinken besorgt. Mit gewohnt aufrechtem Gang kehrte er ans Brett zurück. Er sah Haffners Zug. Hitze stieg in ihm auf. Es dauerte einige Zeit, bis er sein Glas abstellte und, den Blick nicht von den Figuren abwendend, sich auf seinem Stuhl niederließ. Die Stellung war nach wie vor zumindest ausgeglichen, diesbezüglich hatte Lasker keinen Kummer. Im Grunde sollte er frohlocken: Zum erstenmal wagte der Wiener sich aus seinem Bau. Doch kam dies für Lasker überraschend, dass es ihn unangehm berührte, ja sogar ein wenig aus der Fassung brachte. Er war ganz darauf eingestellt gewesen, stundenlang eine Festung zu berennen, und jetzt kam ihm der Gegner auf halbem Weg entgegen. Lasker fuhr sich durchs Haar. Er hob sein Glas, setzte es wieder ab. Er stützte den Kopf mal in die eine, mal in die andere Hand.” (G)

“Eine geniale, aber im Hinblick auf die Sachlage überraschende Fortsetzung; denn Schlechter brauchte ja nur ein Remis zu erzielen, um den Wettkampf zu gewinnen. Mancher hätte sich an seiner Stelle nur durch diese Erwägung leiten lassen, aber Schlechters noble Natur wollte offenbar die Weltmeisterschaft nicht bloß dem Zufallssiege in der fünften Partie verdanken und den Wettkampf – um ein Bild vom Karambolespiel herzunehmen – gewissermaßen durch eine Oktave gewinnen, die als Quart intendiert war.” (M)

11.Sa4 bxa3 12.bxa3 Lb7
[12...c5 13.Sxc5 Sxc5 14.Dxc5 Lb7]
13.Tb1 Dc7 14.Se5
“Damit stürzt sich Weiß in schlimme Abenteuer. 14. 0–0 nebst Ld2 und Tfc1 hätte ihm ohne jedes Risiko einen beträchlichen – wahrscheinlich sehr rasch entscheidenden Positionsvorteil verschafft.” (M)

14…Sh5
“Der zwölfte Zug. Der vierzehnte. Ein kleiner Fehler Laskers. Auf Haffners kluge Erwiderung der fünfzehnte Zug. Wiederum eine Ungenauigkeit des Weltmeisters.” (G)
“(14… Sh5:) Sieht bizarr aus, ist aber ein Glied in dem geistvollen Entwicklungsplan des Schwarzen. Zöge er 14… Sd7, so käme er sofort in Nachteil: 15. Txb7 Dxb7 16. Lxa6 etc.” (M)

15.g4
“Da so viel von dieser einen Partie abhing, waren die Gegner begreiflicherweise erregt. Ihre Phantasie riß sie in Abenteuer, die sie bei den im Anfang des Matches gespielten Patien wahrscheinlich beiseite gelassen hätten.” (L)

“Fortsetzung des Abenteuers. Weiß kompromittirt seine Stellung in bedenklichster Weise. 15. f4 hätte den Stellungsvorteil noch immer festgehalten.” (M)

“Laskers Anmerkung zum 15. Zug verdeutlicht, wie sehr er selbst, dem man eiserne Nerven nachsagte, unter der Spannung stand, diese Partie gewinnen zu müssen.” (Michael Ehn: Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen. www.schachundspiele.at)

[15.0–0 Lxe5 (15...c5 16.Sxc5 Sxc5 17.Dxc5 Tfc8 18.Dxc7 Txc7 19.f4+-) 16.dxe5 Tab8 17.Lb2+-] 15…Lxe5 16.gxh5
“Weit schwächer war 16. dxe5 gewesen; Schwarz hätte 16… Sg7 gezogen und eine sichere Stellung eingenommen.” (S)

[16.dxe5 Sg7 17.f4 c5±]
16…Lg7
“Der einzige im Saal, den die Partie nicht zu interessieren schien, war Dr. Lewitt. Er hofierte den Freiherrn von Rothschild. Persönlich brachte er dem berühmten Gast Getränke und Brötchen mit Kaviar. Er bemühte sich, mit gescheiter Konversation zu unterhalten. Er sprach über die Geschichte des Schachs, zog daraus Rückschlüsse über den Dreibund Österreich – Deutschland – Italien und offenbarte mit gedämpfter Stimme seine Meinung über die letzte Balkankrise. Er gab keine Ruhe, bis Rothschild unwirsch erklärte, die Reise nach Berlin wegen dieser Schachpartie unternommen zu haben und auf gelehrte Vorträge verzichten zu können. Wenn es nicht anders ging, wollte er Herrn Lewitt nach dem Spiel wiedersehen.Dr. Lewitt wandelte kopfschüttelnd durch den Saal. Die Erkenntnis, dass der bedeutendste Schachmäzen Europas ein kulturloser Geselle war, entsetzte ihn.” (G)

17.hxg6 hxg6 18.Dc4
“Droht Txb7 und auch Lxg6.” (M) “Droht außer Lxg6 auch Txb7.” (S)

18…Lc8
“Pariert beide Drohungen, falls nun 19. Lxg6, so 19… Le6! 20. Lxf7 Lxf7 21. Dxa6 Ld5 und Schwarz erlangt starken Angriff” (S)
[18...c5 19.d5 Lxd5 20.Dxd5 Da5+ 21.Ld2 Dxa4 22.Lxg6 Tab8 23.Txb8 Sxb8 24.Lb1]

19.Tg1
“Natürlich hätte auch 19. Lxg6 geschehen können. Aber der Bauerngewinn brächte keinen Segen. Es würde folgen 19… Le6 20. Dxa6 fxg6 etc.” (M)

[19.Lxg6 Le6 20.Dxa6 (20.Lxf7+ Lxf7 21.Dxa6 Ld5 22.Tb7 Dd6 23.Tg1 Dxh2 24.Df1 Tf7 25.Sc5 Taf8 26.Tb2 Tf3 27.Tg5±) 20...fxg6 21.Sc5 Ld5 22.Tb7 Dd6 23.0–0±]

19…Da5+ 20.Ld2 Dd5 21.Tc1 Lb7 22.Dc2 Dh5 23.Lxg6

“Der zwanzigste Zug. Der zweiundzwanzigste, der fünfundzwanzigste. Lasker fraß einen Bauern seines Gegners.” (G)

(c) Ewald Schreiber 2006

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