Die Schlussfeier

[71.Kc5 Sc6 72.Te2 e5 73.Tb2+ Kc7 74.Th2 Sb8 75.Th7+ Sd7+ 76.Kd5 Kc8 77.Kc6 Sb8+ 78.Kd6 e4 79.Tc7+ Kd8 80.a4 e3 81.Te7 Kc8 82.Txe3 Kb7 83.a5 Ka6 84.Te8 Ka7 85.Te7+ Ka6 86.Kc7 Kxa5 87.Kxb8+-]

“Hummel und Fähndrich erfuhren von Haffners Aufgabe vor dem Hotel. Sie schlurften mit hängenden Köpfen zur nächsten Kreuzung und zurück, um nicht im engen Spielsaal auf das Ende warten zu müssen. Horak trat auf die Straße und bedeutete ihnen von weitem mit einer Handbewegung, dass alles vorbei war. Hummel blieb stehen. Er spuckte aus und fluchte. Fähndrich ergriff ihn am Arm. “Und jetzt gehen wir hinein und gratulieren Haffner”, sagte er. “Trotzdem.”

Die Schlussfeier sollte zwei Stunden nach der letzten Partie stattfinden. In der Zwischenzeit wurden Prominente verständigt, die der Siegerehrung beiwohnen wollten. Allseits wunderte man sich über die Gefasstheit des Unterlegenen. Haffner wandelte mit so fröhlichem Ausdruck durch den Saal, als hätte er gewonnen. Bereitwillig ließ er sich zusammen mit Lasker fotografieren. Viele hätten wohl danebengetippt, hätten sie an den Mienen der beiden Spieler auf dem Bild den Sieger erraten müssen. Lasker empfing Gratulationen mit Zurückhaltung. Zum einen war er bereits sein sechster Weltmeisterschaftskampf gewesen, und das Gefühl dieses Erfolges war ihm vertraut. Zum anderen dämpfte seine Freude das Bewusstsein, wie knapp er diesmal davongekommen war.

Die Wiener Delegation stand mit betretenen Gesichtern am Erfrischungsstand. Nur Rothschild, der um den Anschein der Unparteilichkeit bemüht war, sprach launig mit einem Honorarkonsul. Am schlimmsten erging es Fähndrich. Er stand da, den Arm auf Hummels Schulter gestützt, sah auf das Treiben im Saal und weinte ohne Scham. Hummel konnte ihn nicht trösten. Er zermalmte seine Virginia zwischen den Zähnen und wischte sich ab und zu über die Augen. Haffner trat mit ausgebreiteten Armen zu den beiden. “Aber lieber Fähndrich! Was ist mit Ihnen? Haben wir etwa verloren? Nein! Na also! Nichts, nichts ist passiert!” Fähndrich konnte nicht antworten. Seine Lippen zitterten. “Eines weiß ich”, fauchte Hummel. “Es gibt ein nächstes Mal. Bei Philippi sehen wir einander wieder, Herr Doktor Lasker!”

Hummel klemmte seinen abgestürzten Kneifer vor das Auge und wandte sich ab. Carl ließ die Arme sinken. Er sah, was er seinen Schachfreunden angetan hatte. Seine Verantwortung für die Menschen, die zu ihm gestanden waren, hatte er nicht bedacht. Carls Gelassenheit war dahin.

“Ich merke, dass sich alle Leute außer deiner Wiener Begleitung von dir fernhalten”, sagte Anna zu Carl. “Was meinst du, woran das liegt?”

Carl wiegte den Kopf. “Weiß ich nicht. Vermutlich fragen sie sich, was sie mir sagen sollen.”

“Ja, was sollen sie dir sagen? Und ich, was soll ich dir sagen? Muss man in einem solchen Moment Beileid aussprechen? Oder darf man in deinem Fall gratulieren?

“Carl, der bei dem Wort “Beileid” aufgelacht hatte, legte die Stirn in Falten.”

Weil du nicht sonderlich betrübt aussiehst”, erklärte Anna. “Zumindest nicht wie jemand, dem gerade ein inniger Wunsch versagt worden ist. Nun sprich, wie soll ich dich jetzt behandeln? Etwas behutsamer als sonst, etwa wie einen Kranken, oder wie einen glücklich heimgekehrten Abenteurer?”

Dr. Lewitt klatschte in die Hände zum Zeichen, dass die Schlussfeier begann. Das Podest hatte man in eine Rednerbühne verwandelt, den Saal mit zusätzlichen Sitzreihen ausgestattet.

Anna schob Carl nach vorn und nötigte ihn, in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Die anderen Meister aus Wien sträubten sich, den Erfrischungsstand zu verlassen. Einen nach dem anderen zog Anna unter aufmunternden Worten zu den Stühlen. Fähndrich wies sie den Platz neben Carl zu. Sie selbst setzte sich hinter die beiden. Dr. Lewitt begrüßte die anwesenden Honoratioren. Er dankte allen Helfern und Mitwirkenden für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. Besonders hob er den Einsatz des Präsidenten der Wiener Schachgesellschaft hervor, der die erste Hälfte des Wettkampfes pflichtbewusst und umsichtig beschirmt hatte. Mandl sprach einige Sätze, in denen er seinerseits die Arbeit der Berliner Freunde lobte. Beim Anblick der beiden stolzen Präsidenten am Rednerpult gewann Hummel seinen Humor wieder. Er erhob sich und krähte “Bravi! Bravi! Bravissimi!”, und es gelang ihm, stehende Ovationen für die Funktionäre anzuzetteln.

Dr. Lewitt, der durch die ganz offensichtlich übertriebene Huldigung nichts von seiner Sicherheit eingebüßt hatte, ergriff erneut das Wort. Er bedankte sich bei den Veranstaltern, die der Welt das Vergnügen verschafft hatten, Schach auf höchstem Niveau zu erleben. Er ließ den Wettkampf Revue passieren.

“Dieser Zweikampf war spannender als jedes Bühnendrama”, endete die Rede. “Zuletzt ist doch der alte – alt selbstverständlich im Sinne von bewährt, bekannt, denn sein Schachgeist ist feurig jung – der alte Weltmeister siegreich geblieben. Sie erinnern sich, dass Herr Hugo Jackson eine goldene Uhr für den Sieger des Wettkampfes gespendet hat. Diese, ein wunderbar gearbeitetes Stück, übergebe ich nun dem verehrten Dr. Lasker.”

“Gemeine Ungerechtigkeit!” schrie jemand in der ersten Reihe. Niemand konnte glauben, dass es der harmlose Haffner war, der aufgesprungen war und mit geballter Faust zum Rednerpult drohte.

“Unfair, Ungerechtigkeit!” kreischte Haffner. “In diesem Wettkampf gibt es weder Sieger noch Besiegten! Dr. Lasker bleibt Weltmeister, das ja, aber er hat den Wettkampf nicht für sich entschieden! Diese Ehrung ist ein ungeheuerlicher Skandal! Ich protestiere dagegen! Ich nehme an der Feier nicht weiter teil!”

Carl rannte aus dem Saal. Der erschrockene Fähndrich konnte ihn nicht aufhalten. Einige Personen standen auf. Rufe des Erstaunens wurden laut. Fähndrich, Horak und Wolf folgten dem Entrüsteten auf die Straße. Lasker trug eine gleichmütige Miene zur Schau. Dr. Lewitt und Mandl blickten einander ratlos an. Das Stimmengewirr im Saal hatte einzig den Eklat zum Thema. Nach ein paar Minuten schlich Fähndrich bleich zu Hummel. “Er tobt”, meldete Fähndrich. “So habe ich ihn nie zuvor erlebt. Er tritt gegen die Mauer, schreit Schweinerei und wünscht die Veranstalter zum Teufel. Er weigert sich unter allen Umständen, den Saal noch einmal zu betreten. Betrug sei das, schimpft er. Er lässt sich nicht zureden.

“Hummel hängte sich seinen Mantel über und trottete hinaus. Wenig später kehrte er kopfschüttelnd zurück. “Was ist bloß in den gefahren?!” sagte er zu Anna. “Er führt sich ja auf wie Janowski, wenn dieser eine Partie verloren hat.

Mich wundert, dass er nicht schäumt.

“Hummel hauchte auf seine Hände. “Gut. Lassen wir das mit der Feier. Verschwinden wir.”

Anna folgte Carl aus Taktgefühl nicht auf die Straße. Sein Ausbruch war ihr sehr sympathisch. Auch Carl fügte sich nicht allem bedingungslos.

Die beiden Präsidenten begaben sich nach draußen, um Haffner zu beruhigen. Die Hoteldirektion rollte ein Klavier in den Saal. Eine halbe Stunde lang unterhielt der Hauspianist die Versammlung. Endlich hatten die Bemühungen der Präsidenten Erfolg. Zwei Meter hinter den beiden schritt Haffner mit gesenktem Kopf in den Saal. Ohne aufzublicken, setzte er sich auf seinen Platz. Auf seinem Gesicht las man den Widerwillen, mit dem er der Feier beiwohnte, und den Wunsch, alles rasch hinter sich zu bringen.

Lasker nahm die goldene Uhr in Empfang. Er dankte den Veranstaltern für ihre Mühen. So steif und kühl wie Laskers Rede verlief das ganze Schlusszeremoniell. Der Weltmeister erinnerte an die Stärken Haffners, der bis zum letzten Zug ein gefährlicher Gegner gewesen war. Dem Gedanken an einen Rückkampf wollte Lasker in einigen Jahren nähertreten.

Als Dr. Lewitt sich anschickte, Haffner durch eine Würdigung seiner Person zu versöhnen, war dessen Platz leer. Dr. Lewitt sprach ein paar knappe Schlussworte, wiederholte, dass Dr. Lasker den Weltmeistertitel behalten hatte, und erklärte die Veranstaltung für beendet. Er erntete schwachen Applaus. Die Versammlung löste sich eilig auf. Hier und da gab es ein flüchtiges Händeschütteln. Jeder war froh, die verstimmte Gesellschaft verlassen zu können.” (G)

(c) Ewald Schreiber 2006

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