Eine denkwürdige Schachpartie

Von Ewald Schreiber

“Der Saal applaudierte. Anna reckte den Kopf und sah Fähndrich, der unter kompromisslosem Einsatz seiner Arme Carl einen Weg zum Podest bahnte. Es wurde geschoben und gerempelt. Hier und da fielen Stühle um, Gläser zersprangen am Boden. Anna verschüttete ihren Rettichsaft. Die Schachmeister hielten sich etwas zurück, doch die gewöhnlichen Besucher klatschten und brüllten und benahmen sich so verrückt, dass Anna alle Hemmungen fahrenließ. Sie warf ihr Glas zu Boden und quiekte, heulte und schrie, bis ihr die Luft ausging. Sie tat dies nicht aus Entsetzen oder Angst vor der entfesselten Masse, in deren Mitte sie steckte, sondern weil es ihr Spaß mache. Ihr war einfach danach.

In dieser Atmosphäre von Ungezügeltheit und Spannung konnte Dr. Lewitt nicht umhin, eine Rede zu halten. Einen großen Gefallen tat er den Hauptakteuren nicht damit, dass er weitschweifig über den bisherigen Wettkampf sprach und zuletzt die Ausgangsposition vor der zehnten Partie wiederholte. Lasker starrte Carl selbstsicher an, wünschte sich gleichwohl nichts sehnlicher, als diese Partie endlich hinter sich zu bringen. Carl trat von einem Fuß auf den anderen. Er musste dringend zur Toilette. Es war ihm jedoch unangenehm, sich unter den Augen aller zu der beschilderten Tür zu schleichen. Zudem fror er. Mit seinen klammen Händen wischte er sich Schweiß von der Stirn. E fühlte sich, als hätte er Fieber.

Der Schiedsrichter verlas der Form halber die Bedingungen, unter denen die Partie ausgetragen wurde. Carl vergaß seine Scham, sah nicht rechts, nicht links und stürzte zur Toilette. Seine Gedärme schieden Wasser aus. Carl zitterte am ganzen Körper. Er beeilte sich. Wie ein zum Tode Verurteilter stieg er auf das Podest. Im Saal hörte man nichs als das Ticken der Schachuhr. Lasker, der die weißen Steine führte, hatte bereits gezogen. Er starrte Carl unverwandt an. Mit einem heiseren Seufzer setzte Carl sich, drückte Lasker die Hand und machte seinen Gegenzug.” (G)

Das Zitat stammt aus Thomas Glavinic’ Debütroman “Carl Haffners Liebe zum Unentschieden” (Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Berlin 1998), in dem er fiktive Elemente mit historischen zu einem berührenden Buch über das tragische Leben eines Wiener Schachgenies verdichtet. Die Romanfigur Carl Haffner trägt bis in biografische Details hinein Züge des bedeutendsten Vertreters der so genannten “Wiener Schachschule” Carl Schlechter. Ausführlich behandelt wird im Buch des österreichischen Schriftstellers auch der berühmte Weltmeisterschaftskampf 1910 zwischen Weltmeister Emanuel Lasker und Herausforderer Carl Schlechter, der in Wien und Berlin ausgetragen wurde. Nach der neunten Partie führte Schlechter, der die fünfte Partie gewonnen hatte und die übrigen Partien remisierte, mit einem Punkt Vorsprung. Lasker musste die zehnte und letzte Partie gewinnen, um Weltmeister zu bleiben.

Im Folgenden werden Stellen aus Glavinic’ Roman, gekennzeichnet mit (G), den entsprechenden Zügen zugeordnet, soweit dies möglich und sinnvoll ist. Außerdem werden Kommentare von Georg Marco (M), dem Wiener Hauptschiedsrichter des Matches, und den beiden Spielern Lasker (L) und Schlechter (S) angeführt. Ich habe sie Michael Ehns aufschlussreichem Aufsatz “Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen” (www.schachundspiele.at) entlehnt. Weitere Quellen sind jeweils unmittelbar nach den Zitaten angegeben. Sonst angeführte Varianten ohne Quellenangabe wurden mit dem Schachprogramm “Fritz 8″ erstellt.

(c) Ewald Schreiber 2006

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