Genie und Wahnsinn

“Bobby” Fischer verhaftet
In Tokio ging der einstige Schachweltmeister schachmatt. Nach mehr als zehn Jahren auf der Flucht ist “Bobby” Fischer von den Einwanderungsbehörden in Japan Mitte Juli festgenommen worden und wird vorraussichtlich an die USA ausgeliefert.

Spielstärke auf dem Brett bedeutet nicht immer, die besten Züge im Leben finden zu können. Davon kann der Amerikaner Robert James Fischer, gefeierter Held des Kalten Krieges ein Lied singen. Abseits des Bretts, das früher seine ganze Welt bedeutete, war er tief verunsichert und einsam. Wahrscheinlichen wahren seine anti-amerikanischen Hass-Tiraden der Anlass, dass die US-Strafverfolgungsbe-hörden seiner habhaft werden wollten. Bereits seit 1992 liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor.

Kalter Krieg in Reykjavik
Auf den Punkt gebracht, lässt sich “Bobby” Fischers Erfolgsgeschichte als Triumph des Individuums über ein Kollektiv zusammenfassen. Die Sowjetunion benützte Sport, und insbesondere das Schachspiel dazu, um die Überlegenheit des “Sozialismus” gegenüber den westlichen kapitalistischen Systemen zu Demonstrieren.

Während Spasski eine ganze Heerschar von Experten zur Seite gestellt bekam, bezwang 1972 der exzentrische Amerikaner im Alleingang die sowjetische Übermacht, um in den Olymp der Götter hinaufzusteigen. Nur einmnal, 1992, wurde er sich untreu und liess sich für ein Revanche-Match gegen Spasski im international geächteten Serbien überreden, was seine derzeitigen Schwierigkeiten herauf beschwor.

Weltschach in der Krise
Zu “Bobby” Fischers Glanzzeiten erlebte das Schachspiel einen wahren Boom. Heute befindet sich die Schachwelt in einer tiefen Krise. Die Sponsoren ziehen sich vom Schach zurück, was ein ständiges Absinken der Turniere zur Folge hat. Beispielsweise gibt es 2004 in Wien kein einziges nenneswertes Schachturnier.

Begriffe wie Stabilität sind aus der Schachwelt vollständig verschwunden. Ob und wann es Weltmeisterschaften gibt, scheint mehr vom Zufall abzuhängen. So wurde u.a. einmal die Frauen-WM zwei Monate nach der Geburt des Kindes der Titelverteidigerin (Zsusza Polgar) angesetzt, worauf diese selbstverständlich auf ein Antreten verzichtete. Die Hauptverantwortung dafür trägt der Präsident der FIDE, Kirsan Iljumschinow.

Symptom Iljumschinow
Überspitzt formuliert hat Fischer den Wahnsinn im Schach hoffähig gemacht. Mitlerweile scheinen die höchsten Repräsentanten des Weltschachbundes FIDE, was das betrifft, ihn überholt zu haben. Da hätte eine Schach-WM in Bagdad stattfinden sollen - eröffnet von Saddam Hussein. Aufgrund von Ereignissen, die der Öffentlichkeit bekannt sind, “musste” man nach Lybien ausweichen.

Iljumschinow, auch Präsident der russischen Republik Kalmykien, versucht seit Jahren das Schachspiel zu revolutionieren, um es olympisch zu machen. Mehr Sportlichkeit soll die Verkürzung der Bedenkzeit ins Spiel bringen, mit dem Resultat, dass das Niveau bei WMs sinkt, von einer Olympiateilnahme Schachpieler jedoch noch immer nur träumen können.

Computer werden besser
Angesichts der wirren Zustände im Weltschach sucht sich Garry Kasparov, stärkster Spieler aller Zeiten, neue Herausforderungen in Schaukämpfen gegen Computerprogramme und tritt nur noch selten gegen menschliche Kontrahenten im Turnierschach an.

Auch hier haben sich die Zeiten seit Fischers schachlichen Glanztaten entschieden gewandelt. Glaubte man früher, ein Computer würde niemals den Schachweltmeister bezwingen können, da er zwar alles weiss, aber nichts versteht, gelang “Deep Blue” 1997 dieses Kunststück, in dem er Kasparov 3,5 : 2,5 bezwang. Seither bemüht sich Kasparov um Revanche gegen dessen “Brüder” “Deep Fritz” und “Deep Junior”, ist aber im Gesamtergebnis, bei einzelnen Partiegewinnen, über unentschiedene Resultate nicht hinausgekommen.

Wie geht es weiter?
Die Schachprofis haben beschlossen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und gründeten als ersten Schritt die Spielerge-werkschaft “Association of Chess Professionals” (ACP) mit dem Ziel, die Konditionen für Profispieler zu verbessern. Ausserdem ist geplant, mit einer sogenannten “ACP-Tour” die Anzahl der lukrativen Schachturniere zu erhöhen und insgesamt dem königlichen Spiel wieder zu mehr Ansehen zu verhelfen.

Bleibt am Ende die Frage offen, ob nach Paul Morphy und Harry Nelson Pillsbury, rund 100 Jahre später ein weiteres amerikanisches Schachgenie tragisch enden wird. “Bobby” Fischer erwarten in den USA 10 Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe.
(c) Viennawolf 26. 07. 2004

Links:

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