Geschichte des Schachcomputers II

Die erste brauchbare wirklich funktionierende Schachmaschine konstruierte das spanische Genie Leonardo Tones y Quevedo erst um das Jahr 1890. Ohne menschliches Zutun ist der elektro—mechanische Automat in der Lage, den schwarzen König innerhalb von 63 Zügen matt zu setzen. Für die damalige Zeit erreicht der Automat eine einfallsreiche, geometrische Mattführung. Ziehen darf man nur innerhalb einer Art von Rillen, wodurch die Maschine jede Bewegung registriert. Für diesen Zweck ist das Schachbrett in zwei sogenannte Turmzonen und eine Zentralzone eingeteilt. Der Automat fragt und spielt nach dem folgenden Dreizonenmuster; ausgehend von der Zone, in der sich der schwarze König befindet:

1. Steht der schwarze König in der gleichen Zone wie der weiße Turm, wird der Turm weggezogen.
2. Beträgt die vertikale Entfernung zwischen T und dem schwarzen König mehr als eine Reihe, wird sein Raum verengt.
3. Ist die Distanz zwischen den beiden Königen nicht klein genug, um die direkte Opposition zu erreichen, wird der weiße König in diese Richtung gezogen.
(Schwarz 1980: S.12)

Im Jahre 1952 ließ der englische Computerschachpionier Alias Mathiesen Turing sein Schachprogramm Turochamp zum ersten Mal gegen einen nur mittelmäßig Schach spielenden Menschen antreten. Aufgrund einiger Unzulänglichkeiten des Computerschachprogramms wie z. B. Kurzsichtigkeit, Geiz und Überbewertung bestimmter Merkmale gewann der Mensch.

Die Aktivitäten der Akademie der Wissenschaften in der UdSSR sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Bereits in den 50er Jahren wurde in Moskau an den sowjetischen Rechnern URAL1 und URAL2 schachlich experimentiert. Über die Lösung weniger komplizierter Schachprobleme kam man dabei allerdings nicht hinaus.

In den sechziger Jahren wurden die Elektronenröhren allmählich durch die schnelleren und stromsparenden Transistoren ersetzt; lediglich die Weiterentwicklung von Schachprogrammen schien zu stagnieren. Neue Impulse erhielt die Schachcomputer—Szene erst wieder durch das Programm Mac—Hack VI des Prof. Di-. Richard Greenblatt vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), das gewisse Verbesserungen in der Eröffnung und im Mittelspiel aufwies. Seine Endspielkünste ließen aber noch viel zu wünschen übrig. Die Zugauswahl in der Eröffnung und im Mittelspiel wurde durch den sogenannten plausiblen Zuggenerator bestimmt; für die endgültige Zugentscheidung wurden mehr als 50 Kriterien herangezogen.

Die ersten Durchbrüche zeichnen sich erst wieder seit Mitte der 70er Jahre ab, wobei vor allem der Prestigekampf zwischen den zwei Schachgiganten USA und UdSSR, der schon 1967 voll entbrannte, maßgebliche Auswirkungen hatte.

Mit der im Jahre 1970 zum ersten mal ausgetragenen US-Schachcomputermeisterschaft beginnt die Neuzeit-Ara des regelmäßigen Leistungsvergleichs zwischen den besten schachspielenden Computern Amerikas und später der ganzen Welt.

Die erste, im Jahre 1974 in Stockholm(Schweden) im Schweizer System in vier Runden ausgetragene Weltmeisterschaft gewann das sowjetische Programm “KAISSA“, das von den Autoren von Arlazarow und M.V. Donskoj im Moskauer Institut für Systemstudien entwickelt wurde. (Schwarz 1980: 14—16)

Chess 4.0 lief auf einer Anlage DC 6600 und wurde 1974 Vizeweltmeister im Computerschach. Chess 4.6 belegte 1977 den 1.Platz bei der 2. WM im Computerschach. Diese Programme waren auch die ersten, die Erfolge bei offenen Schachturnieren verbuchten. So gewann Chess 4.5 ein Paul—Nason—Turnier in Saratoga, Kalifornien, und schlug dabei alle fünf Gegener. Chess 4.7 rechnet fünf bis sieben Halbzüge unter Berücksichtigung aller Möglichkeiten voraus. Der Spielbaum wird durch den Alpha-Beta-Algorithmus eingeschränkt. Darüber hinaus werden Zwangszug-Serien (Schachs, Schlagzüge) bis in beliebige Tiefe untersucht. Bei dieser 2. WM spielte erstmals ein Programm mit, das keine Fernübertragung zum eigentlichen Rechner benötigte. Es war das Programm Ostrich von M. Newborn, das auf einem Minirechner lief. Dieses Programm gilt als Grundlage und Ausgangspunkt für die Entwicklung der Mini- und Mikroschachcomputer. Nach dieser Weltmeisterschaft wurde auf Initiative holländischer Computerschachspezialisten die Internationale Assoziation für Computerschach (International Computer Chess Association, ICCA) gegründet.

Der internationale Meister David Levy wettete 1968 gegen alle Schachcomputer, dass ihn innerhalb von 10 Jahren keiner besiegen würde. Levy gewann diese Wette, wollte sie aber 1978 nicht noch einmal für einen so langen Zeitraum wiederholen. Levy gewann 1978 bei der Austragung der Wette gegen das Programm Chess 4.7 3.5 zu 1.5. Die vierte Partie des Wettkampfes gewann allerdings Chess 4.7.

Die dritte Weltmeisterschaft der Schachprogramme für Hochleistungsrechentechnik fand 1980 in Linz statt. Sieger wurde der Spezialrechner Belle. Die vierte Weltmeisterschaft 1983 in New York war durch eine weitere Steigerung der eingesetzten Hochleistungstechnik für Schachprogramme geprägt. Der Favorit Belle, von 1980 bis dato ungeschlagen, wurde von einem Programm entthront, das auf einem Rechner Cray-1 X-MP lief. Dieser galt 1983 als einer der schnellsten Rechner der Welt. In einer dramatischen Entscheidungspartie, bei der auch Botwinnik zugegen war, schlug das Programm Cray Blitz seinen Gegner Belle.

Seit 1980 finden auch für schachspielende Mikrocomputer Weltmeisterschaften statt. Mit dem Siegeszug der Mikroelektronik in den verschiedenen volkswirtschaftlichen Zweigen wurde das Privileg der Hochschulen und Universitäten gebrochen, sich auf Grund der zur Verfügung stehenden Großrechner allein mit der Schachprogrammierung zu beschäftigen. Es entstanden Mikrocomputer, die in Form von Personal- und Heimcomputern von jedermann erworben werden konnten. Die ersten Schachprogramme von Amateuren für Mikrocomputer entstanden 1977. Bald darauf standen auch spezielle, nur zum Schachspielen geeignete Mikroschachcomputer zur Verfügung.( Posthoff&Reinemann 1987: S.59—62)

Die Spielstärke der von Amateuren programmierten Programme steigt von Jahr zu Jahr, einerseits weil die Hardware immer schnellere Rechenvorgänge zulässt, andererseits weil durch den Konkurrenzkampf auch die Programmierer immerwieder neue Verfahren zur Spielstärkesteigerung herausfinden. 1989 wurde erstmals der regierende Schachweltmeister bei den Großrechnern von einem Mikrorechner geschlagen. Ihre Stärke reicht sogar aus, um ab und zu einen Überraschungserfolg gegen einen menschlichen Großmeister zu erzielen, von einen Sieg gegen Weltmeister Kasparow sind sie jedoch noch weit entfernt.

(c) Viennawolf 1992/93 Fachbereichsarbeit aus Informatik “Künstliche Intelligenz – Schachprogrammierung”

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