Ich bin gegen Toleranz!

Du darfst niemals Toleranz und Respekt verwechseln. Respekt heißt gegenseitige Anerkennung, Toleranz bedeutet Selbstaufgabe.

Ich bin “tolerant” – ich bin “gut”
Wer ist sich dessen bewusst, das Toleranz ein reiner Machtbegriff ist? Wieviele laufen dem Toleranzbegriff hinterher, einfach weil es heutzutage “modern” ist, tolerant zu sein. Das ist das gleiche, wie mit der “Sozialen Gerechtigkeit”: Wenn jemand ein guter Mensch sein will sagt er, dass er für “Soziale Gerechtigkeit” ist – aber wer ist das nicht? Mir soll einmal jemand einen nennen, der aufsteht und sagt: “Ich bin gegen Soziale Gerechtigkeit!”

Nur, was ist Soziale Gerechtigkeit? Ein Füllvokabel, wo sich alles mögliche Gute hineininterpretieren lässt. Damit bringe ich zumeist zum Ausdruck, wogegen ich bin. Bei dem Begriff “Toleranz” verhält es sich noch etwas schlimmer: Man will einfach “tolerant” sein, ohne die Mechanismen zu kennen, die dahinter stehen!

Toleranz ist etwas für Aristokraten
Toleranzpatent, am 13. 10. 1781 von Kaiser Joseph II. erlassen, erlaubte Protestanten sowie nichtunierten Griechisch-Orthodoxen freie Religionsübung und ab 100 Mitgliedern (in Entfernung von einer Gehstunde) den Bau und die Erhaltung von Kirchen.und Schulen.

Am 02. 01. 1782 wurde von Joseph II. das Toleranzpatent für die Wiener Juden erlassen; neben der Gewährung von religiöser Toleranz beinhaltete es die Aufhebung verschiedener Beschränkungen (Leibmaut) und sollte im Rahmen der josephinischen Reformen die wirtschaftliche Stellung der Juden verbessern. Wenn die Obrigkeit “tolerant” war, liess sie gewähren – liess sie nicht gewähren, hatte man zu kuschen!

Das verräterische Lexikon
Unter Toleranz versteht man den Zustand eines Systems, in dem eine von einer störenden Einwirkung verursachten Abweichung vom Normalzustand (noch) keine Gegenregulierung oder Gegenmaßnahme notwendig macht oder zur Folge hat. In der Technik ist die Toleranz das Ausmaß der Abweichung einer Größe vom Normzustand oder Normmaß, das die Funktion eines Systems eben noch nicht gefährdet.

In der Toxologie bezeichnet man mit dem Begriff Toleranz die Anpassung eines Organismus an den Einfluss eines Gifts, die die Giftwirkung reduziert oder beseitigt. Beispielsweise wird als Folge regelmäßigen Genusses alkoholischer Getränke vermehrt Alkoholdehydrogenase in der Leber hergestellt. In der Folge wird Alkohol “besser toleriert”.

Toleranz ist hierarchisch
“Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Hass gegen den richtigen Menschen”
Theodor Adorno

Nun merke ich plötzlich, dass Toleranz ja nur von oben nach unten abläuft. Die oben bestimmen die Normen, nach denen wir uns zu richten haben, und gleichzeitig legen sie den Bereich fest, innerhalb dem wir uns bewegen dürfen, aber nur so viel, dass es die oben noch ertragen. Ertragen hat immer etwas Leidendes an sich. Eigentlich passt es mir nicht, aber ich überwinde mich und fühle mich in meiner Großzügigkeit erhaben. Kann ich von unten nach oben tolerant sein? Die Obrigkeit fragt mich auch nicht, ob ich es “toleriere”, ob ich es ertrage!

Respekt und Toleranz
Du darfst niemals Toleranz und Respekt verwechseln. Respekt heißt gegenseitige Anerkennung, Toleranz bedeutet Selbstaufgabe. Ich gehe gewissermassen nicht so weit, den anderen zu vernichten, weil das irgendwie blöd ausschaut.Toleranz ist wie ein Polizist, der hinter mir steht und aufpasst, dass ich die Systemzwänge auch ja einhalte – eine Sklavenmentalität!

Respekt wächst aus der Überzeugung heraus, dass ich den Anderen nicht vernichten muss – im Gegenteil: ich würdige unsere Unterschiede. Der Schlüssel zur Wertschätzung dieser Unterschiede ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch die Welt nicht sieht wie sie ist, sondern so, wie er ist.

Respekt anstelle von Toleranz
Ich will meine Mitmenschen annehmen, ich will ihnen in ihrer Andersartigkeit Respekt entgegenbringen. Sie haben ein Recht darauf, so zu sein wie sie sind, so wie ich das Recht beanspruche, so zu sein, wie ich bin.

Wer respektvoll ist, hat die Bescheidenheit und Ehrfurcht, seine eigenen Wahrnehmungsgrenzen anzuerkennen und die reichen Ressourcen zu schätzen, die durch Interaktion mit den Herzen und Köpfen anderer Menschen verfügbar werden. Ich würdige die Unterschiede, da sie zu meinem Verstehen der Realität beitragen.
(c) Viennawolf 08. 07. 2004

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