Lesen Sie, was Sie wollen – Langfassung

Die Machtagentur, welche die Autoren der Aufklärung, des 17. 18. und sogar des 19. Jahrhunderts am nachhaltigsten und am wirkungsvollsten ins Licht gerückt und für ihren anhaltenden Rum gesorgt hat war die römische Inquisition. Dass die Inquisitoren vor allem auch Literaturkritiker gewesen sind, ist weniger bekannt.

Mehr als 400 Jahre lang (von 1559 bis 1966) hat die katholische Kirche Bücher auf den Index gesetzt, d.h. sie hat Bücher verdammt und verboten, die sie für ketzerisch, für unmoralisch, für irrig oder für anstößig gefunden hat.

Die vatikanischen Glaubensrichter haben im Laufe der Jahrhunderte vor allem jene Bücher zu unterdrücken versucht, die von der orthodoxen Glaubenslehre abwichen. Auf dem Index standen die berühmtesten Werke und die berühmtesten Autorennamen: Erasmus von Rotterdam, Dante, Galilei, Machiavelli, Kant, Nietzsche, Graham Greene, etc.

Die katholische Kirche hat über vier Jahrhunderte lang versucht kanonisierend nicht nur in die geistliche, sondern auch in die weltliche Literatur einzugreifen und verbindlich festzulegen, was gelesen werden darf und was nicht, was in den Kanon hineinkommt und was draußen zu bleiben hat. Was aus der Liste der approbierten Bücher verbannt wurde, wurde nicht nur ausgegrenzt, ausgeschieden und marginalisiert, das wurde tabuisiert. Diese Bücher waren verboten. Diese Bücher sollten nicht gelesen werden dürfen, sie sollten vergessen werden müssen.

Die Sache hat einen Haken: Kann man vorsätzlich etwas vergessen wollen? Hier liegt auch das Dilemma der Kirche und ihres Index. Wenn etwas unterdrückt werden soll, bleibt es umso deutlicher im Gedächtnis. Um sich an ein Verbot zu halten, muss man sich ja dessen erinnern.

Die Tragikkomödie der römischen Zensur: Indem sie das Verbot durchsetzte, ein bestimmtes Buch nicht zu lesen, den Namen eines bestimmten Autors in den Mund zu nehmen, sorgte sie erst recht dafür, das Buch und Autor nicht vergessen wurden. Unfreiwillig hat die Indexkongreguation durch ihre Verdammungsurteile gegen bestimmte Bücher, diese erst recht propagiert. Insofern war die römische Inquisition tatsächlich jene Machtagentur, die am wirkungsvollsten den Ruhm der verbotenen Autoren befördert hat. Das Verbot wirkte geradezu als Reklame. „Verboten vom heiligen Officium”, das entpuppte sich als ein glänzender Werbespruch. Die verbotenen Autoren profitierten von der Werbung, die der Index unfreiwillig durch das Verbot für sie machte. Wird ein Buch als unmoralisch verdammt, so hat es dadurch nur umso mehr Leser. Das ist eine Tatsache.

1. Jeder Versuch eine verbindliche Liste gültiger Kunstwerke aufzustellen ist ein dialektischer Vorgang. Jeder Kanon ruft unweigerlich einen Gegenkanon hervor. Die aussortierten, oder gar durch Verbot interessant gemachten Werke anvoncieren sehr leicht zu Stars eines Gegenkanons. Auf dem römischen Index zu stehen funktionierte zeitweise geradezu als Gütesiegel. Die französischen und englischen Aufklärer wurden nicht etwas mundtot gemacht, wie die Kirche das beabsichtigte, sie wurden dadurch vielmehr erst berühmt. Sie bestimmten erst recht die intellektuelle Debatte und eroberten auf lange Sicht gesehen sogar die Diskurshegemonie des 18. Jahrhunderts.

2. Die Aufstellung eines Kanons ist auch eine Machtfrage. Wenn der Kanon gemacht ist (von der berühmten „invisible hand”), hat er mit Macht zu tun. Es benötigt Macht, um einen Kanon zu dekretieren und durchzusetzen. Tragikkomisch wird die Indexpolitik der Kirche ab dem Zeitpunkt, da sie die Herrschaft über die Köpfe zu verlieren begann und ihr die Macht des Scheiterhaufens nicht mehr fraglos zur Gebote stand. Wer einen Kanon dekretieren will, ohne die Macht ihn durchzusetzen, der Macht sich zum Gespött. Deshalb sind die Versuche selbsternannter Literaturkanoniker lächerlich, wenn sie sich mit ihren Lieblingsbüchern in die Öffentlichkeit drängeln, dem Publikum ihre persönliche Hitliste als „Dogma” verkünden wollen. „Mein Literaturkanon!” rufen sie und merken nicht, dass das ein Widerspruch in sich selbst ist.

Ein Kanon ist nur dann ein Kanon, wenn er Intersubjektivität herstellt, wenn er von der Gesellschaft als verbindlich anerkannt wird. Steht ein Posessivpronomen davor (Mein Kanon), dann ist das ein Unfug. Natürlich kann jeder seine persönlichen Meinungen und Vorlieben propagieren, nur mit Kanonbildung hat das nichts zu tun.

In der Aufklärung wurde die Autorität jedes jahrtausende alten, des einst sakrosankten Kirchenkanons relativiert, der Anspruch zurückgedrängt. Erst in dem Mase,wie die Autorität des religiösen Kanons zurückgedrängt wurde, konnte seit Ende des 18. Jahrhunderts ein Kanon der weltlichen Literatur überhaupt entstehen.

 

Literaturkritiker: Einer muss die Vorstellung davon aufrechterhalten, dass die Bewertung neuer Bücher eine öffentliche Angelegenheit ist die des Austausches von Argumenten, von Ideen und Lesearten zu Büchern bedarf. Einer muss das Wissen davon lebendig erhalten, das Lesen lernen Leben lernen bedeutet, dass man die Gesellschaftswissenschaft bei Marcel Prost erlernen kann, die Ironie bei Thomas Mann, etc.

Die Leute lesen immer weniger und wollen gleichzeitig wissen, was sie lesen sollen. Wenn ihnen die Bestsellerlisten nicht mehr glaubwürdig erscheinen, fragen sie die Professoren. Sind sie bei der Universitätsgermanistik überhaupt an der richtigen Adresse?

Die meisten Germanisten sind heute verunsichert durch Jahrzehnte der Entkanonisierung. Seit den 60er Jahren ist ihnen der Glaube an unverrückbare Texte ausgetrieben worden. Sie verstehen sich nicht mehr länger als Verwalter des geistlichen Kronschatzes. Die Literaturgeschichte als große Überlieferung steht ihnen nicht mehr fraglos zur Verfügung, oder ist ihnen als Erfindung, als akademisches Konstrukt fragwürdig geworden. Die Germanistik, die den Glauben an sich selbst verloren hat, flüchtet in die Literaturgeschichte, in die Literaturwissenschaft oder in die Kulturwissenschaften. Sie steht vor ihrem Bücherwerk, aber sie spürt keine Kraft mehr ihn zu ordnen oder ihm eine Funktion in der Gesellschaft zu geben. Es gibt kein einheitliches Interesse am Vergangenen mehr, kein Interesse mehr das abgesichert wäre durch einen übergreifenden Konsens.

Wer heute Literatur unterrichtet, der entwirft gleichzeitig den historischen Zusammenhang, in dem die Leser den Inhalt erfahren.

Das Bedürfnis nach Kanonisierung nimmt mehr denn je zu. Jeder sucht nach einer Richtschnur im Labyrinth der Bücher, weil der Buchmarkt unüberschaubar geworden ist, ist der Wunsch bei der Leserschaft nach Orientierung gestiegen.

Die Eltern wollen wissen, was ihre Kinder gelesen haben sollen, wenn sie die Matura machen. Gefragt ist in den Schulen eine Sylabus, wenigstens eine Schwundform von Klassikerpflege. Gefragt ist außerhalb der Schulen ein Kanon, der wichtigsten, der besten, der ewigen Bücher. Weil das Kanonbedürfnis eine Marktnische ist, deswegen gibt es auch Anbieter. Deshalb treten immer mehr Kanonratgeber auf den Plan. Deshalb grassieren Leselisten, in denen aufgeführt wird, welche literarischen Werke überhaupt noch wichtig seien und bewahrt werden sollten. Deshalb der Auftritt selbsternannter Bücherrichter.

Prof. Schwanitz: „Alles was man wissen muss” hat seinen großen Auftritt. Er ist zugleich Bildungseiferer und Bildungszyniker. Enthält nichts, außer abgeschmackten Bildungschmatz. Ein Handbuch für Blender und Bildungssimulanten. . .

(c) Viennawolf 20.01.2006

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