Lesen Sie was Sie wollen!

Raum mehr als 90.000 Bücher pro Jahr. Der Buchmarkt steckt in einer Überproduktionskrise. Gleichzeitig ändern sich die Lesegewohnheiten: aus Bücherlesern werden „Bücherzapper”. Die Leute lesen immer weniger und wollen gleichzeitig wissen, was sie lesen sollen.

Früher versuchte die katholische Kirche kanonisierend nicht nur in die geistliche, sondern auch in die weltliche Literatur einzugreifen und verbindlich festzulegen, was gelesen werden darf und was nicht, was in den Kanon hineinkommt und was draußen zu bleiben hat. Indem die Kirche ein Verbot durchsetzte, ein bestimmtes Buch nicht zu lesen, den Namen eines bestimmten Autors nicht in den Mund zu nehmen, sorgte sie erst recht dafür, dass Buch und Autor nicht vergessen wurden. Die verbotenen Autoren profitierten von der „Werbung”, die der Index unfreiwillig durch das Verbot für sie machte.

In der Zeit der Aufklärung wurde die Autorität des jahrhundertealten, einst sakrosankten Kirchenkanons relativiert, der Anspruch zurückgedrängt. Erst in dem Maße, wie die Autorität des religiösen Kanons zurückgedrängt wurde, konnte seit Ende des 18. Jahrhunderts ein Kanon weltlicher Literatur entstehen. Nach Meinung Löfflers ist es die Aufgabe der Literaturkritiker, die Vorstellung davon aufrechtzuerhalten, dass die Bewertung neuer Bücher eine öffentliche Angelegenheit ist. „Einer muss das Wissen davon lebendig erhalten, das lesen lernen leben lernen bedeutet, dass man die Gesellschaftswissenschaften bei Marcel Proust erlernen kann, die Ironie bei Thomas Mann, …”

Wenn den Leuten die Bestsellerlisten nicht mehr glaubwürdig erscheinen, fragen sie die Professoren. Doch diese sind meistens durch die „Jahrzehnte der Entkanonisierung” seit den 60er-Jahren verunsichert. Sigrid Löffler rät den Lesern dazu, den eigenen Bedürfnissen nach zu lesen. „Lesen Sie, was Sie wollen!”, mit der Betonung auf dem zweiten „Sie”. Wer auch nach diesem Ratschlag verunsichert ist, dem bleibt noch Prof. Schwanitz mit seinem Bestseller „Alles was man wissen muss”.

(c) Viennawolf 20. 04. 2003 (erschienen in der „Kärntner Kirchenzeitung” nach einem Vortrag von Sigrid Löffler im Musilhaus in Klagenfurt)

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