Liberalismus

Der von mir hoch geschätzte Chefredakteur des Standards, Gerfried Sperl, verwendete im Titel seiner Abhandlung über Liberalismus, in der Ausgabe vom 12. Juli, das aus dem Angloamerikanischen entlehnte, mehrdeutige Wort “appeal”.. Als würde der Liberalismus einen solchen unbedingt brauchen! Eigenartig ist, dass Herr Sperl im ganzen Text keine einzige Andeutung über den ursprünglichen Liberalismus, dem amgloamerikanischen, machte und nicht einmal versuchte mit diesem einen Zusammenhang herzustellen. Umso mehr tat er dies im Zusammenhang mit dem deutschen Quasi-Liberalismus Naumann’scher Prägung, welcher als Sediment des Wandlungsprozesses deutsch-, liberal-, national-, sozial-, nationalsozial (Naumann) mit dem germanisch irrationalen Alleinanspruch auf den Begriff Freiheit, übrig blieb.

Dass diese meine Behauptung bei vielen Unverständnis auslösen wird ist mir bewusst, aber sie ist entwicklungsgeschichtlich nachvollziehbar. Es muss noch erwähnt werden, dass es für den Liberalismus im deutschen Sprachraum, meiner Ansicht nach, ein Unglücksfall ist, dass das unübersetzbare Wort “Liberalismus” nicht so akzeptiert wurde wie es ist (Ontologie!), sondern ins Deutsche mit Freiheit übersetzt worden ist. Woraus dann freiheitlich, freisinnig etc. entstanden sind. Die Wörter Liberalismus und liberal mussten für diverse Interessen, je nach Aktualität, vom dessinformierenden Etikett bis hin zum Etikettenschwindel herhalten. Und in unseren Gegenden werden sie seit über 200 Jahren noch immer, absichtlich-unabsichtlich, missverstanden und, mitunter auch meistens, missbraucht. Nicht so das Wort Freiheit, das mit keinen Eigenschaften geziert wird, weil dies unmöglich ist und sinnlos wäre. Zur Freude der Konservativen und Kollektivisten. Es fällt auf, dass keine Nation der Welt das Wort “Liberalismus” in seine Sprache übersetzt hat und es daher zu keinen Missverständnissen, höchstens zu missbräuchlichen Verwendung des Wortes gekommen ist (siehe Schirinowski).

Unerklärlich daher, dass der Autor, von dem bekannt ist, dass er eine, wie man in unseren Gegenden sagen würde, liberale Haltung einnimmt, zu diesen Missverständnissen über Liberalismus auch noch beiträgt, indem er den Gedankenfehler der anderen mitmacht, dass “der Liberalismus im Osten zur Linken (sic!) als Stütze der Menschenrechte, und zur Rechten (sic!) als Pfeiler der neuen Wirtschaft (welcher?) gestärkt hervorging.” Desinformiert Herr Sperl absichtlich, oder tut er so als wüsste er nicht, dass Menschrechte, so wie wir sie heute einfordern, dem Liberalismus zu verdanken sind und, dass diese Menschenrechte die neuzeitlichen Demokratien, nicht nur bei uns im Westen, sondern nun auch im Osten, zustande brachten. Liberalismus-Menschenrechte-Demokratie bedingen sich gegenseitig mit dem Ziel Freiheit und die Würde des Menschen zu sichern. Sie können und sollten durch Desinformationen und verpassen von Adjektiven, nicht voneinander künstlich getrennt oder isoliert werden. Aber gerade das hat Gray, leider bereits in seinem Buch “rise and Fall of Liberalism” getan.

Eins ist jedoch sicher, und da sind wir mit Herrn Sperl einer Meinung: immer wenn der Liberalismus für tot erklärt wird, erhebt er sich wieder! Warum? Darauf möchte ich, im Geiste von Thomas Pain antworten: Immer dann, wenn Menschenrechte und Demokratie, wenn auch nur geringfügig, gebeugt oder gefährdet werden und bevor die Regierung, was mit der Dauer ihres Regierens zu erwarten ist, korrupt oder gar zur Tyrannis wird! Dann erhebt sich das Gefühl des Liberalismus quer durch die Gesellschaft, ungeachtet der Parteizugehörigkeit des Einzelnen. In dieser Phase der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung erringen liberale Parteien Stimmenzuwachs und dort wo es keine liberale Parteien bis dahin gab, werden solche gegründet. Ist die Gefahr gebannt und/oder das Ziel erreicht, wird der demokratische Zustand zur Selbstverständlichkeit und man gewöhnt sich daran. So wie sich die apokalyptischen Autoren sich daran gewöhnt haben und dann fragen, wohin der Liberalismus verschwunden sei? In diesem Zustand der Selbstverständlichkeit hacken Konservative, sowohl rechte als auch linke, aus verschiedenen Motivationen, am Liberalismus herum. Und einige schreiben Bücher, oder Dissertationen, die im Augenblick ihres Erscheinen nichts zu sagen haben, weil sie keine Zukunftsperspektiven, sondern nur Vergangenheit beinhalten. Liberale haben daher in der Gegenwart, genauso wie in der Zukunft, die Aufgabe, Tag für Tag die Menschenrechte und die Demokratie mit allen ihren Einrichtungen und Instanzen, einzufordern.

Die Gegenüberstellung des Islam mit der liberalen Demokratie (als gäbe es andere! Und wenn ja, dann wäre sie keine Demokratie mehr!) finde ich deplaciert und das Vorschieben von Lewis unfair. Unfair deshalb, weil hier wieder der oft wiederholte Fehler begangen wird, in Südamerika, aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen, eine Entwicklung einzufordern und dieser vorzugreifen, von der nur zu hoffen ist, das sie einmal im Islam, in Afrika, in Asien, und, was so oft sträflich vergessen wird, in Südamerika, eintreten wird: Die Befreiung von der Tyrannei! Herr Lewis und auch Herr Sperl mögen doch in der Geschichte des ach so christlichen Westens zurückblättern. Dann werden sie wissen, dass es eines Wycliffs, eines Hus’, eines Luthers, Münzers, Kalvins, der Religionskriege, der Ketzer und Hexenverbrennungen und mehrerer Revolutionen, der englischen, amerikanischen, französischen und er, in Deutschland und Österreich schmählich-verschämt verdrängten 1848-er Revolutionen (von der Verdammung der 1918/19-er nichtgesprochen), und nicht zu letzt der Befreiung durch die Alliierten 1945 (und nicht der Befreiungskriege gegen Napoleon) bedurfte, um in Europas westlichem, mittlerem, und jetzt auch östlichen Teil, den Begriff Demokratie zu vermitteln. Wir in Mitteleuropa tun heute so, als hätten wir die Demokratie mit dem Löffel gegessen. Dabei stecken wir nach 50 Jahren noch in den Kinderschuhen.

Unsere Mütter und Väter wurden noch verhöhnt oder bedroht, wenn sie die Wörter Demokratie oder Menschenrechte in den Mund nahmen. Oder sie selbst gehörten zu den Verhöhnen oder Drohenden und sind es bis heute geblieben. Vielen, besonders denen, die jedem Fortschritt eine Subversion unterstellen, ist der Liberalismus dem Gottseibeiuns gleich. Kein Wunder: Ist er doch republikanisch, demokratisch, antifeudal und antifaschistisch und will alle Privilegien abbauen und die Menschenrechte zur Geltung bringen. Bitte, den liberalen Grundsatz nicht vergessen, dass jeder Mensch frei geboren wird! Nicht nur bei uns, sondern auch in den vom Islam beherrschten Teilen der Welt, und in Afrika, Asien und Südamerika. Die Reformen werden auch hier stattfinden. Es ist nur eine Frage der Zeit, so wie es bei uns in Europa und Nordamerika der Fall war. Bedenklich ist nur der, man könnte sagen, fast perverse Umstand, dass die zumeist demokratischen Industrieländer, die ihren Wohlstand dem Liberalismus verdanken, die dort herrschenden Strukturen unterstützen und liberale Positionen der s.g. Linken überlassen, die diesen Umstand unverschämterweise ausnutzt. Unverschämt deswegen, weil sie in dem Augenblick wo sie an die Macht kommen, alle liberalen Gedanken abstreifen und ein blutiges Regime der Tyrannis einrichten. Und das mit der Unterstützung demokratischer Staaten!

Herr Lewis täte gut, wenn er von dem, die gebildeten Briten eigene Art, des gutmütigen imperialen Denkens, abkäme und etwas Zurückhaltung in seiner Kritik an den Tag läge. Außerdem wäre es sehr begrüßensenswert, würde mit dem Begriffen Liberalismus und Demokratie, keine “Entwicklungshilfe” betrieben. Den Kritikern und auch den im Artikel angeführten unterläuft das Missgeschick, dass sie die Tatsache vergessen(?), dass in den s.g. islamischen Ländern, in den Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas, vorwiegend noch mittelalterliche feudale Verhältnisse herrschen und die verhältnismäßig geringe Industrie, die durch die Bevölkerungsexplosion verursachte Landflucht von Millionen von Menschen, nicht absorbieren kann. Die Stadtluft macht nur Hoffnung auf Freiheit, bietet aber keine lebenswürdige Existenz. Die Megastädte entstehen ohne wirtschaftliche Basis. Die feudalen Verhältnisse werden von allen, das Regime aus Eigeninteresse und bejahenden und unterstützenden Amts- und Staatskirchen sanktioniert. Wie wäre es mit etwas Liberalismus durch Landreform? Herr Lewis vergisst, dass es bei uns in Europa vor einigen hundert Jahren genauso begann. Wie wäre es, wenn wir diesen Ländern keine Waffen liefern würden, bzw. die Gelder der Entwicklungshilfe nicht für Waffenkäufe verwendet würden? Oder die Mullahs nicht im Besitze der eingehobenen Zinsen kämen und ihre Latifundien in andächtiger Würde Allah gegenüber dem Landvolk übereignen würden? In diesem Zusammenhang würde ich die Lektüre eines gewissen Lord Acton empfehlen, der Nationalismus und Revolutionen bereits vor mehr als hundert Jahren analysiert hatte, was heute im Nahen Osten und in den postkommunistischen Ländern vorgeht. “Fachleute” des Liberalismus sollten eher Acton lesen, bevor sie positivistische Stellungen einnehmen und Symptome beschreiben, die jedermann schon kennt, aber vermutlich aus Opportunismus, die Ursachen dialektisch nicht aufdecken können oder wollen, wodurch sie noch mehr Verwirrung stiften. Und damit zurück zu Gray. Wie kann man wiederholt denselben Fehler begehen in dem man eine, auf feudalen Großgrundbesitz basierende, klerikal-reaktionäre Gesellschaft “bürgerliche Gesellschaft” taufen will und durch, nennen wir sie haarsträubende Naivität, den Nonsens und gleichzeitig die Gefahr heraufbeschwört eine Demokratie ohne Parlament zu akzeptieren. Den Liberalismusbegriff des Mr. Gray bezweifelte ich von Anfang an. Ist doch die erste Errungenschaft des Liberalismus das Parlament!

Auf die von Jean-Christoph Rufin angeführten Argumente, insbesondere auf sein Buch mit dem etwas schizophrenen Titel “Die Diktatur des Liberalismus”, ist es müßig einzugehen. Rufin hat zuviel Science-Fiction und Terminatorfilme gesehen. Anders kann man seine Ausführungen über Liberalismus nicht erklären. Den französischen Zentralismus derart zu verteidigen und das Subsidiaritätsprinzip lächerlich zu machen stimmt bedenklich. Auch der fein verpackte, visionäre Autoritätsanspruch.

Eine Richtigstellung sei erlaubt. Liberale Theoretiker, zu denen ich mich übrigens auch zähle, bemühen sich nicht um die Verbesserung der Gesellschaft durch Reformen. Das taten sie vor 2-300 Jahren. Und als versucht wurde, diese Bestrebungen mit Gewalt zu unterdrücken, wurde zurückgeschlagen. Die Orthodox-Konservativen nannten so was empört verächtlich Revolution. Aber dies ist ein eigenes Thema und gehört nicht hierher.

Das Verhältnis zum Staat betrachteten Liberale immer positiv. Hier wird wieder ein dessinformierendes Missverständnis aufgetan. Man meint Regierung und sagt, um es zu mystifizieren, Staat.

(c) 1995 Lorant Rácz

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