Nachspiel

“Dem Wettkampf folgte ein trauriges Nachspiel. Zunächst gab der Berliner Hauptschiedsrichter Erhardt Post das Ergebnis formell bekannt:

“Am Schluss des Wettkampfes im Hotel de Rome gab der Turnierleiter, Herr Post, den zahlreichen Zuschauern das Ergebnis des Wettkampfes, 5:5, mit dem Zusatz bekannt, dass es somit Schlechter nicht gelungen sei, Lasker die Weltmeisterschaft zu entreißen. ” (Berger: DSZ 1910)

Die Frage des Stichkampfes, wie sie in den Vertragsbedingungen ausgehandelt worden war, wurde jedoch nicht mehr aufgegriffen. Einzig J. Berger setzte sich für das moralische Recht des unbesiegten Herausforderers ein:

“Ein neuer Entscheidungskampf zwischen Lasker und Schlechter ist nun nicht zu umgehen. Schlechter erkennt freiwillig an, dass Lasker den Weltmeistertitel weiter führen kann, Lasker darf aber dem Entscheidungskampf nicht ausweichen, sobald er sich Schlechter stellt.” (Berger: DSZ 1910)

Doch diese ursprünglich dem Schiedsrichter zugefallene Aufgabe erwies sich jetzt nur noch als Wunschdenken. Zwar wäre nun ein längerer Wettkampf leichter zu organisieren gewesen, aber Lasker hatte nicht die Absicht, seine Kräfte so schnell wieder mit dem gefährlichen Widersacher zu messen. Außerdem kam es knapp vor der Schlussfeier noch zu einem Eklat, der zu einer lebenslangen Verstimmung zwischen Lasker und Schlechter führte:

“Herr Hugo Jackson, der in Berlin, Unter den Linden 23, ein Geschäft in kunstgewerblichen Gegenständen besitzt, stiftete eine goldene Uhr ,für den Sieger’. Dies wurde in Berlin dem Komitee vor Beginn der Partien öffentlich kundgegeben. Als es nun dem Dr. Lasker gelungen war, durch den glücklichen Gewinn der letzten Partie den Match unentschieden zu machen, verkündete das Komitee das Resultat etwa in folgender, jedenfalls laskerfreundlichen Form: Nachdem es Herrn Schlechter nicht gelungen ist, Herrn Dr. Lasker die Weltmeisterschaft zu entreißen, verbleibt letzterer Weltmeister. Demnach wird die für den Sieger gestiftete Uhr ihm zuerkannt … Dr. Lasker erlaubte sich auch tatsächlich, den Preis in Empfang zu nehmen … Hierauf geriet der sonst so harmlose Schlechter in eine derartig entrüstete Verstimmung, dass er unter Hinweis auf den Umstand, es gebe in diesem Matche keinen Sieger noch Besiegten, ernstlich protestirte und sich weigerte, weil ihm eklatantes Unrecht geschehen war, der Schlussfestlichkeit beizuwohnen … Nur mit großen Schwierigkeiten und unter Rückgängig-machung des Beschlusses gelang es, den gekränkten Meister wenigstens äußerlich einigermaßen zu beschwichtigen und ihn dahin zu bringen, an der Festlichkeit teilzunehmen, die trotzdem in sehr steifer Stimmung verlief. Als der Vorsitzende in einem Toast die Hoffnung aussprach, in kurzer Zeit (eventuell gar schon in diesem Herbst) den Entscheidungskampf in Berlin herbeiführen zu können, antwortete Dr. Lasker ziemlich kühl, er hoffe, dem Gedanken in etwa zwei Jahren näher zu treten.” (Alapin, WSZ 1910)” (Michael Ehn: Lasker-Schlechter 1910. Neue Fakten aus Wiener Quellen. www.schachundspiele.at)

Post Skriptum: “Die Chance auf einen Retourkampf gab ihm Lasker nicht mehr. Während des Ersten Weltkrieges kam das Schachleben in Wien fast zum Erliegen. Schlechter hatte kaum noch eine Möglichkeit, Geld durch Turniere zu verdienen. Unterstützungen durch wohlwollende Mäzene, die ihm indirekt Geld zukommen lassen wollten, indem sie ihn zu Partien mit hohem Einsatz aufforderten, lehnte er ab. Bei einer Simultanvorstellung in Budapest brach Schlechter zusammen und starb wenige Tage später, am 27. Dezember 1918, an Entkräftung. Sein Ehrengrab in Budapest ist nicht mehr auffindbar. 1995 wurde eine Gasse nach Österreichs bedeutendstem Schachspieler benannt. Der “Carl-Schlechter-Weg” liegt in Liesing am äußersten Rande der Stadt.” (Michael Ehn, Ernst Strouhal: Luftmenschen. Die Schachspieler von Wien. Materialien und Topographien zu einer städtischen Randfigur 1700–1938. Wien 1998)

(c) Ewald Schreiber 2006

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