Recht schreiben und Recht haben

Österreich und Revolution
Vor ein paar Tagen amüsierte ich mich über einen Bericht, in dem gesagt wurde, dass die Herrscher in Österreich zur Zeit der Französischen Revolution aufgrund eines Missverständnises diese begrüßten. Sie waren der Meinung, dass nun in Frankreich nun endlich auch die “Josephinischen Reformen” umgesetzt würden.

Österreich ist bekanntlich nicht das Land, von dem Revolutionen ausgehen. Wir Österreicher sind gemütliche Leute, wollen nicht in unserer Ruhe gestört werden. Wir schimpfen auf “die da oben”, sind aber andererseits froh das die “Oberen” da sind. Wir können sie für all unser Ungemach verantwortlich machen und müssen uns nicht selbst in Frage stellen - eine bequeme Angewohnheit!

Die Rechtschreibreform
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verhinderte Kleinstaaterei eine deutschlandweit verbindliche Rechtschreibung. Der größte Schritt zur Vereinheitlichung wurde von Konrad Duden geleistet, der mit seinem Wörterbuch eine Synthese unter anderem aus den einzelstaatlichen Schulvorschriften vorlegte.

Erst 30 Jahre nach Gründung des Deutschen Reichs kam es zur Rechtschreibreform von 1901in der vor allem das “th” aus allen Wörtern deutschen Ursprungs abgeschafft wurde. Weitgehend unbekannt blieb eine Rechtschreibreform im Dritten Reich von 1944, die jedoch nicht mehr umgesetzt wurde. Die Teilung Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderte zunächst eine weitere Reform, die erst nach 1989 in Angriff genommen wurde.

Die Reform von 1996
Am 1. Juli 1996 haben in Wien die politischen Vertreter der deutschsprachigen Staaten und weiterer interessierter Länder eine gemeinsame Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung unterzeichnet. Die Regelung von 1902 gilt in vielen Bereichen als unsystematisch, äußerst kompliziert und schwer erlernbar und außerdem sind Änderungen im Schreibgebrauch seit 1902 zu berücksichtigen.

Die Neuregelung ist das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Zusammenarbeit von vier Arbeitsgruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und der weiteren Bearbeitung durch den “Internationalen Arbeitskreis für Orthographie”.

Kopfgeburt Rechtschreibreform?
In Deutschland fordern seit vergangener Woche Spiegel- und Springer-Verlag eine “Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie”. Hintergrund der Initiative sei die mangelnde Akzeptanz des neuen Regelwerks und die zunehmende Verunsicherung darüber. Nach fünf Jahren praktischer Erprobung in den Druckmedien und sechs Jahren in den Schulen habe die Reform nicht Überzeugen können und nur für Verunsicherung gesorgt.

Der eigentliche Vorwurf liegt aber viel tiefer begründet. Niemand hätte die Reform für notwendig erachtet, und als diese von “Oben” verordnet wurde, habe man aus “good will” mitgemacht. Nun wehre man sich gegen diesen Willkürakt.

Österreich wartet ab
In Sachen Rechtschreibung war in Österreich nicht immer alles so friedlich, so sträubte sich die Tageszeitung “Die Presse” lange gegen eine Umsetzung der Reform, gab aber aus Kostengründen schließlich doch den Widerstand auf und will nach dem Wiederaufflammen der Debatte in Deutschland auch nicht zur alten Schreibweise zurückkehren.

Einzig allein “Cato” alias Hans Dichand, der immer noch im Hintergrund der “Kronenzeitung” die Fäden zieht, möchte von den größeren Medienvertretern die Rechtschreibreform als gescheitert sehen. Die “Krone” ist mit ihrer großen Reichweite für Kampagnen-Journalismus wie geschaffen und hat ihre Waffe mit unetschiedlichen Erfolg schon öfter eingesetzt. Mitstreiter sind hierzulande keine zu erwarten.

Entscheidung in Deutschland
Die Schlacht der Rechtschreibreform wird in Deutschland entschieden, da in Österreich das Obrigkeitsdenken nach wievor weit verbreitet ist. Bei unseren Nachbarn liegt die letzte Revolution erst einenhalb Jahrzehnte zurück. Helmut Kohl versprach damals nach der Wiedervereinigung “blühende Landschaften” und ein zweites Deutsches Wirtschaftswunder.

Wir wissen, dass es nicht so gekommen ist, und dass die sozialen Einschnitte die Volksseele in Deutschland schön langsam zum Kochen bringt. Aufgrund der ökonomischen Gegebenheiten kann man sich dagegen nicht wehren und sucht ein Ventil…
(c) Viennawolf 13. 08. 2004

Links:

Amtliche Regelung der Deutschen Rechtschreibung

Seiten für Rechtschreibung

Folgen der Rechtschreibreform

Bund für vereinfachte Rechtschreibung

Forum für alle Gegner der Rechtschreibreform

Literatur und Rechtschreibreform

Rechtschreibreform

Legasthenie

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