Auf der Suche nach Kultur in Europa

Ein alter Ungar stirbt und möchte in den Himmel kommen. Beim Haupteingang verstellt ihm ein Erzengel den Weg und stellt ihm die üblichen Fragen. Wo bist Du guter Mann geboren? Der alte antwortet: In der österreichisch-ungarischen Monarchie. Wo hast Du die Schule besucht? In Ungarn. Wo hast Du zu arbeiten begonnen? In der Slowakei. Wo hast Du geheiratet? In Rumänien. Wo bist Du in Rente gegangen? In der Sowjetunion. Wo bist Du gestorben? In der Ukraine. Guter Mann, schaut der Erzengel hoch, Du bist aber viel herum gewandert? Ganz und gar nicht, antwortete der Alte: Ich habe mein Dorf mein Lebtag nicht verlassen.“
aus Ungarn

Die europäische Integration war die Antwort der europäischen Völker auf Krieg und Zerstörung in vergangenen Jahrhunderten. Es entstand etwas, das wir als eine neue Kultur des Zusammenlebens verstehen können. Wenn wir von Kultur sprechen, dann reden wir ganz allgemein vom Regelwerk des Miteinanderumgehens, vom Wertesystem und von der Bildung.

Erhalten Allgemeinwissen, Wissenschaft und Kultur nicht die ihnen gebührende Beachtung, können auch unsere Volkswirtschaften bzw. unsere Gesellschaften nicht gedeihen. Wir reden über Kultur als Zweck, weil ja das Ziel dieser europäischen Anstrengungen das gute Leben der Menschen dieses Kontinents ist. Das meint immer mehr als materiellen Wohlstand. Uns soll es gut gehen, wir wollen aber auch große Kunst erleben können. Das eine soll und darf dem anderen nicht geopfert werden.

Es ist illusorisch, ein vereinigtes Europa lediglich auf der Grundlage von materiellem Wohlstand, Beschäftigung und Sicherheit aufzubauen. Die Kultur verleiht einem Staat sein Gesicht – und in unserer Zeit wechselt dieses Gesicht seine Farben. Nationale Kulturen besitzen internationale Züge. Die kulturelle Dimension Europas setzt sich aus all diesen Kulturen zusammen – und gleichzeitig ist sie mehr als die Summe seiner Teile.
Europas wahre „kulturelle Identität“ ist geprägt durch seine unterschiedlichen Hinterlassenschaften, seine geschichtliche und sprachliche Vielfalt und seine mannigfaltigen, literarischen, künstlerischen und volkstümlichen Traditionen. Unsere Europäische Identität ist pluralistisch – denn jedes einzelne Volk in Europa hat seine eigene, unverkennbare Identität – sie ist aber auch einmalig, denn sie ist Ausdruck unseres Willens, uns bei gleichzeitiger Anerkennung und Achtung dessen, was uns unterscheidet in eine Werte- und Interessengemeinschaft einzubringen und im gegenseitigen Einvernehmen zu handeln.

Wer jedoch nur den Unterschied zu den anderen Völkern sieht, kann die eigene Kultur nicht begreifen. Denn es bestehen tiefe Verwandtschaften unter unseren Nationalkulturen. Die europäischen Nationalkulturen haben alle voneinander gelernt. Als Unterschiedene gehören sie einem gemeinsamen Europa an. Sie sind einander nahe.
Europa kann für seine Bürger und Bürgerinnen niemals zur Realität werden, wenn es nicht ein kulturelles und soziales Gesicht entwickelt. Die Frage der Grenzen und deren Bewältigung hängt davon ab, dass wir statt des Vorurteils ein Urteil fällen können. Heute werden unsere Urteile, oder mehr noch, unsere Vorurteile, sehr stark medial geprägt.

Über die „Substanz“ der europäischen Kulturen zu sprechen bedeutet eigentlich, die optimale Dosierung zwischen Homogenität und Differenzierung zu bestimmen. Es gibt ein Gebiet, das per Definition Homogenität und Differenzierung in einem vorteilhaften Zusammenwirken gleichermaßen und gleichzeitig pflegt. Dieses Gebiet ist die Kultur.

Es wäre sehr interessant, sich hier der Mediensituation zu bedienen. Dabei gilt es zu bedenken, was schon Konrad Adenauer festgestellt hat: „Man kann eine Identität niemanden aufdrücken. Eine Identität muss langsam wachsen wie ein Baum.“

(c) Viennawolf 10. 02. 2007

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