Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes

„Ich glaube ein Buch über Wirtschaftstheorie zu schreiben, das die Denkweise der Welt über wirtschaftliche Probleme im hohen Maße revolutionieren wird. Nicht auf einmal, nehme ich an, sondern in den nächsten zehn Jahren“, schrieb 1935 Keynes an seinen Freund G. B. Shaw. Wie recht er hatte! Hier soll jedoch nicht das Unmögliche unternommen werden, das Buch samt Idee zu exzerpieren oder gar zu erklären. Es soll nur das für Liberale Essentielle punktuell angeführt werden.

Das Umfeld und die Zeitgenossen, Freunde als auch Gegner, sollen, ebenfalls nur skizzenhaft, in Zusammenhang gebracht werden. Das Umfeld ist schnell beschrieben: Jahrelang anhaltende Depression, welche hohe Arbeitslosigkeit auslöste und wodurch es zur Verelendung der Mehrheit der Bevölkerung in Europa und USA gekommen ist.
Die klassische Ökonomie konnte das Problem nicht lösen und fand keine Antworten auf die anstehenden Fragen. Lohnkürzungen, ein altbewährtes Mittel konservativer Ökonomie versagte, genau so wie sie heute versagen würde. Sie minderten nämlich die Kaufkraft und noch mehr Betriebe sperrten zu. Das Investitionsklima sank demzufolge auf Null. Geldknappheit und in Folge hohe Zinsen trugen ebenfalls ihr orthodox-konservatives Scherflein zur Depression bei. Der monetaristische Entschluss des damaligen Finanzministers von Großbritannien, Winston Churchill, an der Goldstandardwährung und dem „harten“ Pfund festzuhalten, komplettierte die Katastrophe.

Keynes warnte davor und nahm, in scharfer, fast beleidigender Form (er nannte Churchill inkompetent und dumm!) gegen diese Maßnahmen, in einem viel beachteten Aufsatz mit dem Titel „The Economic Consequences of Mr. Churchill“ Stellung.

Die „Allgemeine Theorie“ war und ist noch heute unlesbar und unverständlich! J. K. Galbraith schrieb in seinem New York Times-Artikel „How Keynes Came to America“ voller Esprit, aber mit akademischen Ernst: Selbst diejenigen, die an den Vorlesungen und Diskussionen mit Begeisterung teilnahmen, schüttelten den Kopf voller Unverständnis, weil sie das Buch unleserlich fanden.

Ohne die Freunde in Harvard sowie die großen Persönlichkeiten in der US-Administration, die bereits vor dem Erscheinen des Buches von Keynes persönlich unterrichtet wurden und von seinen Vorlesungen begeistert die Lehren aufnahmen und verbreiteten, wäre die den Kapitalismus revolutionierende Theorie nicht verwirklicht. So kamen zum Beispiel die Präsidentenberater in Washington, M. Eccles, ein Banker, und L. Currie, Professor in Harvard, unabhängig von Keynes ungefähr zu selben Schlussfolgerungen wie er und richteten ihre Fiskalpolitik danach aus. Das Erschienen der “Allgemeinen Theorie” hat sie nur in ihrer Tätigkeit bestätigt.

Auch Roosevelt wurde auf Keynes aufmerksam gemacht, bemerkte aber ohne Scham nach einem Kurzvortrag von Keynes 1934, er habe kein Wort verstanden. Trotzdem erarbeitete die Roosevelt-Administration die New Deal-Politik nach den Ideen von Keynes. Hervorzuheben ist das Bemühen von Alvin H. Hansen, einem 1938 nach Harvard berufenen Professor, der die Begabung besaß, Keynes verständlich zu machen. Sein auch ins Deutsche übersetzte Buch „A Guide to Keynes“ ist für das Verständnis der „Allgemeinen Theorie“ unverzichtbar.

Das Modell nach Keynes besteht aus verschiedenen Bausteinen, die makroökonomisch so zusammen gestellt sind, dass sich der Gütermarkt, der Geldmarkt, sowie der Zusammenhang zwischen dem realen Sozialprodukt und der Beschäftigung beschreiben und erklären lassen. Das reale Sozialprodukt stellt die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion und die Beschäftigungsfunktion dar. Wie vermutlich allgemein bekannt und wie im Vorangegangenen bereits erwähnt, ging und geht es um das Say’sche Theorem des Gleichgewichtes. Keynes und Co. Waren, im Gegensatz zu den Behauptungen der konservativen „Neoliberalen“ und Sozialisten, nie gegen die Gleichgewichtstheorie. Er ersetzte „nur“ ihre Statik durch Dynamik.

Nachstehend die wesentlichsten Inhalte des Keynes’schen Theorem, wobei die Reihenfolge der Aufzählung nicht nach ihrer Wichtigkeit vorgenommen wurde, da alle Punkte integrierend und synchron zu berücksichtigen sind:

    Das Verhältnis Angebot/Nachfrage wurde auf den Kopf gestellt: Nicht jedes Angebot schafft seine Nachfrage, wie dies bis dahin Allgemeingültigkeit hatte, sondern umgekehrt, jede Nachfrage schafft sein Angebot.
    Die Erkenntnis, dass die Vollbeschäftigung das Volleinkommen ist, ungeachtet der Einkommensform.
    Die Unterbeschäftigung als Folge, sollte die Güternachfrage nicht in der Lage sein das Güterangebot aufzunehmen, welches bei Vollbeschäftigung entsteht.
    Im Gütermarkt ist nicht der Preis (Preisgleichgewicht!), sondern die Intensität und Stand der Beschäftigung maßgeblich.
    Die Konsumnachfrage hängt nicht vom geltenden Zinssatz, sondern vom realen Volkseinkommen ab.
    Ebenso hängen die Investitionen nicht vom geltenden Zinssatz ab, sondern von den Erwartungen des Investors vom Markt, welcher wieder vom Realeinkommen abhängig ist.
    Berücksichtigung der Abschreibungen in einer makroökonomischen Gesamtrechnung. Um Nettoinvestitionen zu erwirtschaften muss die Investitionsgüterindustrie mehr als ihre eigenen Abschreibungen vornehmen; sie muss auch die Abschreibungen der Konsumgüterindustrie erarbeiten. Eine zahlungsfähige Konsumgüterindustrie wird dabei vorausgesetzt.
    Der Multiplikatoreffekt, von Keynes Schüler R. F. Kahn übernommen, wonach eine Investition in der Investitionsgüterindustrie einkommensfördernd wirkt, dadurch Erhöhung der Konsumquote, die wiederum fördert die Investition in die Konsumgüterproduktion, es kommt zur weiteren Steigerung der Konsumausgaben usf. Dies führt dazu, dass das Volkseinkommen und die Konsumquote um ein Mehrfaches ansteigen.
    Geld und Geldfunktion, die von Say und den Klassikern, außer dem Transaktionsmotiv, keine Beachtung fand. Sie erkannten nicht, dass durch den Faktor Geld Kauf und Verkauf zeitlich auseinander fallen können und dadurch das Angebot nicht mehr der nachfrage entspricht.
    Das Kapital muss den Konsum stärken, denn im Falle einer Schwächung wird die Nachfrage für Kapital und in Folge der Verbrauch geschwächt.
    Entdecken des psychologischen Einflusses auf das Klima der Investition, des Konsums und des Sparen.
    Die Verbraucherfunktion mit ihren Faktoren. Die wesentliche Entdeckung von Keynes. Mit diesem Grundgedanken beginnt und schließt der logische Kreislauf, in dem die Beschäftigung nur pari passu mit einer Zunahme der Investition zunehmen kann; es sei denn, dass sich die Neigung zum Verbrauch ändert. Denn wenn sich die Lücke zwischen Verbrauch und Einkommen, in absoluten Größen ausgedrückt, mit Einkommenssteigerungen vergrößert, dann wird die Gesamtnachfrage nicht groß genug sein, um den Gesamtangebotspreis zu decken, es sei denn, die Lücke würde durch eine Zunahme der Investitionen gefüllt.

Hier, beim „Lückenfüllen“ sind wir zum Kernpunkt des Keynes’schen Theorem angelangt. Von hier ab beginnen sich die, meiner Meinung nach liberalen Überlegungen von Keynes von konservativen Geiste zu trennen, weil Keynes nicht bis auf die lang anhaltende Herstellung des Gleichgewichts warten will. Das lange Abwarten bringt der Wirtschaft und der Bevölkerung und deren Betreiber sowie de Bevölkerung nur Nachteile. Das Gleichgewicht ist in Gefahr umzukippen, wenn weiter zugewartet wird. Daher ist die entstandene „Nachfragelücke“ durch zusätzliche Nachfrage nach Investitionsgütern auszufüllen. So entsteht Wachstum an Einkommen in der Investitionsgüterindustrie, das wiederum den Konsum erhöht und die Konsumgüterproduktion ankurbelt.

Wer soll aber die Investitionslücke finanzieren? In schlechten Zeiten ist niemand bereit, sein Geld in langfristigen Investitionen zu binden. Jeder will liquide sein und es entsteht eine neue Gefahr: Die Geldverteuerung. In dieser Situation ist der einzige, der noch das allgemeine Vertrauen genießt, der Staat. Er muss für die „Initialzündung“ sorgen, dem sog. pump-priming, wie es Keynes nannte. (Unter pump-priming ist der Vorgang beim Wasserpumpen zu verstehen, wenn Wasser in die Pumpe gegossen wird, um sie wieder an zuwerfen. Anm. d. Verf.).

Es müssten kurzfristige Investitionsspritzen durch Regierungsmaßnahmen erfolgen, die die Privatindustrie soweit anregen, dass die Regierung ihre Förderung einstellen kann. Keynes schrieb in diesem Zusammenhang schon 1929: „Ich glaube, Sie müssen sich in erster Linie um die Wiederherstellung der Gewinne kümmern, dann können Sie sich verlassen, dass Die Privatunternehmen die Sache von sich aus weiterführen“.

Die Mittel, die als Initialzündung dienen können, sind einerseits die steuerlichen Vergünstigungen für Neuanschaffungen (Abschreibungen) und Eigenkapitalbildung, andererseits die temporäre Rolle des Staates als Investor und als Kreditnehmer der Begebung von Anleihen, wobei zuerst außerbudgetäre Finanzierung aufzubringen sind. Es reicht schon ein Bruchteil, denn der Einkommensmultiplikator beginnt sofort zu wirken. Diese Initialausgaben sollen außerbudgetär aufgebracht werden und sind über Privatbanken oder Privatindustrie zur Verfügung zu stellen, und die begebenen Anleihen und eventuell aufgenommenen Kredite sind während der eingetretenen Hochkonjunktur zurückzuzahlen, wenn das Steueraufkommen steigt. Beziehungsweise sind im Laufe der Hochkonjunktur öffentliche Einnahmen in entsprechender Höhe still zulegen, um diese, in der Abschwungphase, antizyklisch einsetzen zu können.

In der Praxis erwies sich der sog. Keynesianismus als neuartige Finanzpolitik der jeweiligen Regierung. Auf diese wesentlichsten Bedingungen von Keynes sind die Regierungen und auch die Keynes-Kritiker nie eingegangen. Die Regierungen veranlassten die Initialzündung, nahmen Kredite auf, haben aber Überschüsse in der Phase der Hochkonjunktur, da, absichtlich oder unabsichtlich, nicht gesetzlich vorgeschrieben, nicht zur Schuldenabdeckungen verwendet, sondern wahlarithmetischen Parteikalkulationen folgend, um verteilt. (In Österreich verpflichtet zwar der § 51 der Bundesverfassung den parlamentarischen Finanzausschuss sowie die Abgeordneten zur Führung eines ausgeglichenen Haushaltes, wonach zuerst Schulden zurückzuzahlen sind, aber diese Verpflichtung wurde nie eingemahnt).

Der Gerechtigkeit halber muss festgestellt werden, dass die konservativ-orthodoxe Ökonomie, zu denen anfangs auch Keynes gehörte, schon um die Jahrhundertwende von vielen, hoch qualifizierten Ökonomen angezweifelt, ja angegriffen wurde. Insbesondere auf auf dem europäischen Kontinent u.a. durch Aftalion bezüglich Verbraucherfunktion, oder auch von Vertretern der Österreichischen Schule der Ökonomie mit ihrer komparativen Statik zu Say’schen Theorem und besonders Böhm-Bawerk, mit seiner subjektiven Wertlehre der Erwartungen und seiner, von Keynes bemerkenswert gefundenen These: Der Mensch nimmt es in Kauf später mehr zu zahlen, wenn er sofort übers Geld verfügen kann.

Diese, am Ende angeführten Sätze seien besonders denjenigen Ökonomen ins Stammbuch geschrieben, die Keynes erst nach seinem Tod Staatswirtschaft, Planwirtschaft und Sozialismus vorgeworfen haben. Als er noch lebte, kamen sie nicht einmal in seine Nähe.

Die Lehren von Keynes wurden nach dem Zweiten Weltkrieg, als Keynes schon tot war, von den Neoklassikern, insbesondere von der Chicago University, von den sog. Chicago Boys mit Friedrich Hayek und später Milton Friedman an der Spitze, angegriffen. Unverständlicherweise beschuldigten sie ihn der Einführung des Staatskapitalismus, der Planwirtschaft und der Unfreiheit der Wirtschaft und klammerten sich, ihrer konservativen Einstellung treu, an das Say’sche Theorem und verwechselten, und verwechseln noch heute, Fortschritt mit Subversion und Individualismus mit Freiheit. Sie repräsentieren den überzogenen Individualismus in der Wirtschaft. Hier sei auf die Thesen des Prologs hingewiesen.

Notabene war für sie alles, was nicht ihrem Konzept entsprach, Sozialismus, was nicht gerade ein wissenschaftliches Argument darstellt. So motiviert, behaupteten sie, dass die staatlichen Mehrausgaben (ein Irrtum in der Definition, wie darauf schon hingewiesen wurde) keinen Einfluss auf die Konjunktur genommen hätten, der Multiplikatoreffekt unwirksam sei und daher nicht existiere und dass der Wohlstand der Nachkriegsjahre allein auf die Liberalisierung des Welthandels zurückzuführen sei.

Dabei haben sie nicht berücksichtigt, dass Liberalisierung nicht gleich Liberalismus ist, und haben es „vergessen“ dass gerade Keynes es war der in Bretton Woods für den freien Welthandel und der Einzelinitiative eintrat, aber von den „Die Hards“ daran gehindert wurde.

Das Konzept der Neoklassiker, die, keiner weiß warum, irrtümlicherweise auch Neoliberale genannt werden, verabscheuen als Individualisten, richtiger weise, auch die kleinste staatliche Intervention und setzen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, die auf lange Sicht (Say’sche Theorem) stark genug seien, eine Volkswirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu setzen.

Doch Keynes reagierte schon anfangs auf die Langfristigkeit des Say’schen Selbstheilungsprozesses mit der Feststellung: Auf lange Sicht sind wir alle tot! Es taucht die Vermutung auf, dass die sog. Neoliberalen, die Keynes kritisieren und angreifen, entweder die „Allgemeine Theorie“ nicht gelesen, oder was nicht auszuschließen ist, nicht verstanden haben. „Es ist so, als würde man das Original de Kama Sutra wegen Pornographie attackieren, ohne Sanskrit lesen zu können“, vermerkte Galbraith süffisant in seinem bereits zitierten Artikel in der New York Times. Lassen Sie mich dieses Kapitel mit einem Aufruf an die fortschrittlichen und liberalen Ökonomen beenden:

„Folgen Sie bitte Keynes, dem es besonders am Herzen lag die wissenschaftliche Ökonomie dahingehend zu mobilisieren, dass sie gesamtwirtschaftlich und nicht nur auf die Konjunkturforschung beschränkt, der praktischen Politik die richtigen Mittel in die Hand legt, mit denen de Gesamtprozess der Volkswirtschaft erfolgreich gesteuert werden kann!“

(c)  1996 Lorant Rácz
COLLEGIUM LIBERALE
Österreichische Gesellschaft für Liberalismus

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