Karpov in Wien 2005

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Karpov gegen Fernschachweltmeister Hamarat, daneben Andrea Zechner
Im Vordergrund: "Viennawolf" Wolfgang Stadik 

Foto: Sonja Sommer 

  Doyen des Breitenschachs feiert 75. Geburtstag 

Wenn von Breitensport gesprochen wird, meint man Aktivitäten die hauptsächlich der körperlichen Ertüchtigung und der Abwechslung dienen und zumeist in der Freizeit betrieben werden. Selbstverständlich spielt dabei der Spaß am Sport eine übergeordnete Rolle. Zum Breitensport werden vor allem Sportarten gezählt, die in den Medien große Beachtung finden und in organisierter Form in Vereinen viele Mitglieder zählen. Beim königlichen Spiel lässt die Medienpräsenz hierzulande leider noch zu wünschen übrig.

„Der Schachfreund“ Ferdinand Peitl, einer der größten Kinder- und Hobbyschach-Veranstalter Österreichs, engagiert sich seit 35 Jahren mit ganzem Herzen im Breitenschach und konnte durch seinen Einsatz hunderte Menschen aller Altersklassen dauerhaft für das von ihm geliebte Spiel gewinnen. In diesem langen Zeitraum engagierte er sich für die Re-Etablierung des Schachspiels in den Wiener Kaffeehäusern, gründete Clubs und führte zahlreiche Veranstaltungen durch, darunter mehrfach ein viel beachtetes „Schach mit lebenden Figuren“ und zahlreiche Simultanvorstellungen. Am 19. April feiert dieser Schachenthusiast seinen 75. Geburtstag. Nach dem er heuer bereits eine „Schach-Akademie“ sowie eine Ausstellung im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum ins Leben gerufen hat, fand kurz vor Peitls Geburtstag noch ein Großereignis statt.  

Ein großer Meister kommt nach Wien

Insbesondere Simultanveranstaltungen, in denen ein Großmeister gegen eine zweistellige Zahl von Gegnern gleichzeitig antritt, wirken auf Laien besonders faszinierend und geheimnisvoll und sind damit bestens dafür geeignet, eine größere Öffentlichkeit in den Bann zu ziehen. Zur großen Freude aller Schachfans gelang es, den ehemaligen Schachweltmeister Karpow zu einem Wettkampf auf 31 Brettern zu gewinnen. Karpow blieb in 26 Partien siegreich, willigte 4 mal in ein Remis ein und musste sich in dem über 6 Stunden andauerndem Ringen in der „Lugner City“ vor einer stattlichen Zuschauerzahl nur dem Grazer Jetzl geschlagen geben.

Karpov gegen Hamarat
Foto: Sonja Sommer

Es kommt relativ selten vor, dass zwei Schach-Weltmeister in einem Simultanwettkampf gegeneinander antreten. Am 16. April versuchte der 16. Weltmeister in der Geschichte des Fernschachs, Tunc Hamarat, Karpow mit einer „Benoni-Verteidigung“ ein Bein zu stellen. Hamarat wurde am 1. Dezember 1946 in Istanbul geboren und lebte bis 1972 in der Türkei. 1972 kam er nach Österreich, um seine Diplomarbeit an der TU Wien zu schreiben. Seither lebt er in Österreich und ist seit 1994 österreichischer Staatsbürger. Obwohl er seit 1963 Fernschach spielt, hat er mit den weißen Steinen in diesem Bewerb noch keine Partie verloren. Zu seinem Pech spielte er gegen Karpow mit Schwarz.

Fernschach und „Over-the-board“-Schach verhalten sich wie Marathon und 800-Meter-Lauf zu einander. Als aufmerksamer Zuseher konnte ich feststellen, wie sich Hamarat im Bewusstsein in der verhältnismäßig kurzen Zeit das Stellungsproblem nicht vollkommen erfassen zu können, zu Zügen quasi zwingen musste. Er bereute es bald, eine für ihn neue Eröffnungs-Variante gewählt zu haben, denn die „Boa constrictor“ Karpow ließ sich nach kleineren Ungenauigkeiten die Butter nicht mehr vom Brot nehmen.

Partie zum NachspielenKarpov-Hamarat 

Schachlegende Karpow

Anatoli Karpow wurde am 23.Mai 1951 in Slatoust im Ural geboren. Im Alter von vier Jahren lehrte sein Vater ihm das Schachspiel. Sehr bald wurde seine außerordentliche Schachbegabung erkannt und im Tscheljabinsker “Haus der Kinder”, einem der so genannten Pionierpaläste, weiterentwickelt. Von 1964 – 1968 nahm er an einem vom Ex-Weltmeister Botwinnik geleiteten Fernschachkurs teil.

Er gewann die Jugendweltmeisterschaft 1969 und qualifizierte sich danach in mehreren Wettkämpfen als Herausforderer des Weltmeisters Bobby Fischer. Als dieser zur Titelverteidigung 1975 nicht antrat, wurde Karpow der Weltmeistertitel kampflos zugesprochen. In den folgenden Jahren spielte er sehr viele Turniere, um seinen Anspruch als bester Schachspieler der Welt zu untermauern. Seinen Titel verteidigte er zweimal (1978 und 1981) erfolgreich gegen Viktor Kortschnoj. Diese Wettkämpfe fanden in der angespannten Atmosphäre des Kalten Krieges statt, in der Karpow als linientreuer Vertreter der Sowjetunion galt, während Kortschnoj als Dissident in den Westen emigriert war.
1985 verlor Karpow seinen Titel an Garri Kasparow und konnte ihn auch in drei späteren Wettkämpfen nicht zurückerobern. Erst als Kasparow mit der Weltschachorganisation FIDE brach und als Weltmeister disqualifiziert wurde, konnte Karpow 1993 den Weltmeistertitel des Weltschachverbandes zurückerobern und behielt ihn bis 1999. Von 1985 bis Mitte der 1990er galt Karpow als zweitbester Spieler nach Kasparow. In dieser nahezu unangefochtenen Phase der Überlegenheit Kasparows gegenüber den Rest der Welt gelang Karpow ein Husarenstück. Beim Super-Turnier in Linares, eine Art Wimbledon der Schachspieler, düpierte er 1994 die gesamte Welt-Elite und erzielte mit 11 Punkten aus 13 Partien eine bis heute unerreichte Elo-Leistung von 2985. Aktuell Derzeit belegt er mit einer Elo-Zahl von 2682 den 22. Platz der Weltrangliste.

Fortsetzung folgt…

(c) Viennawolf 17.04.2005
 

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