Karpov in Wien III

Einleitung

Wien war einst eine Metropole im Schach. Es wurde nicht nur in Kaffeehäusern Schach gespielt, gab Spieler von herausragender Stärke und auch beutende Turniere, wie beispielsweise das Kaiserjubiläums-Turnier im Jahre 1898. Nicht zu vergessen ist, dass Aaron Nimzowitschs revolutionäres Werk der Schachliteratur „Mein System“, in der Wiener Schachzeitung erstveröffentlicht wurde; und im Jahre 2005 gibt es hier keinen Gegner für Karpow.

Machen wir deshalb einen Sprung in das Jahr 2105. Edward Winter III hat soeben in seiner Kolumne von einer sensationellen Neuigkeit zu berichten: Soeben tauchte ein verschollenes Dokument von Anfang des 21. Jahrhunderts wieder auf. Jene berühmte Partie, in welcher der 11. Weltmeister der Schachgeschichte einen Internationalen Meister in einer gewöhnlichen Simultanpartie (kein Uhrenhandicap) bezwingen konnte. Meister Ganaus hätte berühmt werden können, und so rankten sich über die Jahrzehnte hinweg die wildesten Gerüchte um diesen gnadenlosen Fight. An jenem späten Abend des 16. April 2005 schien es so, als sollte der Ruhm nicht dem Berühmten zukommen. Ganaus sah, in einer Partie die hin- und herwogte, schon wie der sichere Sieger aus und musste sich dann doch noch, im Kampfe Mann gegen Mann, aufzeigen lassen, wie man sich selbst in schier ausweglosen Positionen noch Chancen kreieren kann; dann eine Falle, und der Punkt war im Sack:

Karpov – Ganaus

Wenn Weltmeister nicht mehr wollen

„Er ist noch immer sehr gut“ – Mit diesem Ausspruch ist nicht Karpow gemeint, der muss nichts mehr beweisen, aber wenn jemand mit 41 Jahren in die Schachpension eintritt, dann wird man schon nachfragen dürfen, und Karpow gibt bereitwillig Auskunft, über seinen Erzrivalen. Ich wurde beim Eintreffen des 11. Schachweltmeisters zum „Kuchen mit Karpow“ das Gefühl nicht los, als kämen noch ein paar andere, nicht sichtbare Personen mit. Sehr bald hat sich mein Verdacht erhärtet, und Kasparow wird, rein rhetorisch, aus dem Hut gezogen.

Karpow wird es wenig kümmern, dass seines Nachfolgers Spiel zu kräfteraubend sei, wie er sich selbst in Moskau bei der letztjährigen russischen Meisterschaft, die Kasparow im überlegenen Stil gewann, wieder einmal überzeugen konnte. Die Schachwelt, nicht nur in Österreich, will es noch nicht ganz glauben, dass jemand sein Schachbrett an den Nagel hängt. Wir Österreicher haben ja genug Erfahrung auf anderen gesellschaftlichen Bühnen, auf denen die Hauptdarsteller „bin schon weg, …und bin schon wieder da“ spielen. So ganz verwunden scheint der große Garri die davongeschwommenen Felle des Herbst 2000, namentlich den verlorenen Wettkampf mit Kramnik, noch nicht zu haben. Unlängst ätzte er in einem Interview auf Chessbase, dies wäre ja kein WM-Kampf gewesen. Er sei, so kann man in aller Bescheidenheit zwischen den Zeilen lesen, als bester Spieler aller Zeiten, während den 20 Jahren seiner Herrschaft stets Kapitän auf dem Schiff der Schachspieler gewesen, und bei Kramnik vermisse er diesen Anspruch, weshalb er auch kein Weltmeister sein könne (wenn man den Gedanken weiter spinnt).

Für Karpow sieht sich das alles ganz anders an. Kasparow werde wohl erkannt haben, dass er seinen alleinigen Führungsanspruch nicht mehr lange aufrechterhalten werden können. Bei Kramnik sieht er eine psychologischer Krise, da er seinen Erfolg im Jahr 2000 anscheinend nicht verkraftet habe, und, was noch mehr aufhorchen lässt, gesundheitliche Probleme. Da fährt einem der Schreck in die Glieder, wenn man bedenkt, wie diplomatisch sich der Herr der 64 Felder auszudrücken weiß. Einfach so daher gesagt ist das von einem Karpow nicht – man fängt an zu Kombinieren, Fakten an Fakten zu reihen, es fällt einem nur noch mehr auf, wie rar sich der neue Weltmeister im klassischen Schach in den letzten 5 Jahren gemacht hat. Wenn da nun einmal nichts dran ist… Wollen wir es hoffen!

Chaos in der Schachwelt

„Kasparow soll sich selbst bei der Nase nehmen!“, hätte Karpow sagen können, tat er aber nicht. Niemand geringerer als der Autor von dem mittlerweile auf 10 Bände geplanten Werk „My great predecessors“ hatte 1993 ein Schisma in der Schachwelt herbeigeführt, indem er sich mit seinem Herausforderer, dem Briten Nigel Short, vom Weltschachverband FIDE lossagte, und fortan seine eigene Weltmeisterschaft spielte.

Karpows Schaden war es nicht: Er konnte sich wieder zum FIDE-Weltmeister krönen, seine Zahl der WM-Kämpfe auf 11 schrauben (von denen nach Ex-WM Boris Spassky jeder 3 Jahres des Lebens kostet), und sich für Höchstleistungen in Linares 1994 (beste Turnierperformence aller Zeiten) und Monaco 1995 (Eloleistung über 3000!) motivieren. Doch die derart geschwächte Schachwelt zerbröselte zunehmend. Heute herrscht, mit dem Rücktritt von Kasparow vom Spitzensport, endgültig eine Art Anarchie. Karpow sieht Anand, Kramnik und Leko um die Vorherrschaft kämpfen, Kasparow sieht Anand vorerst als Nummer 1 und will sehen, wer von der jüngeren Generation um Karjakin, Nakamura und Carlssen zum Schach-Olymp empor klettern wird.

Kasparow hat das Vertrauen, nach mehreren Absagen seiner Wettkämpfe, in die FIDE endgültig verloren, und Karpow sieht auch keinen Lösungsansatz mit dieser Organisation. Nur eine Neugründung brächte die Wende, aber ist uns diese Orientierungslosigkeit in der Schachwelt nicht irgendwie allen vertraut. Ist es nicht in vielen Institutionen so, dass Autoritäten an Ansehen verlieren?

In Pension

Kasparow muss noch lernen, mit seiner Schach-Pension umzugehen. Diverse Meldungen aus der Rubrik Politik, seiner neuen Domäne in Russland, verheißen noch nichts Gutes. Da läuft es bei Karpow doch viel runder. Der genießt seine „Teil-Pension“ und widmet sich verstärkt anderen Projekten, etwa den Karpow-Schachschulen in 15 Ländern. Vielleicht gibt er ja seinem Erzrivalen auch ein paar Tipps für dessen neues Buch „How life imitates chess“.

Zu der zunehmenden Anzahl von Menschen, die Probleme haben, weil sich ihr Lebensrhythmus geändert hat, werden beiden Ks doch nicht zählen. Mit Schach als Herausforderung, wenn auch nicht wettkampfmäßig, kann man sein Leben gut fortsetzen. Karpow sieht im königlichen Spiel ein Mittel seinen Geist zu schärfen und zu entwickeln, und man lerne sich selbst besser zu verstehen, seine Entscheidungen zu überdenken.

Da muss ich jetzt allerdings von meiner Seite ein Gegenargument bringen. Wie kann es dann sein, dass der 10. Weltmeister der Schachgeschichte jetzt in Island seinen Lebensabend mehr oder weniger verbringen muss? Na ja, vielleicht eröffnet er ja wenigsten heuer im Sommer die Computer-Weltmeisterschaft?

Und was ist mit Wien, AD 2005, wird der werte Leser, oder die werte Leserin fragen? Nicht viel, aber immerhin ist da ein (ungleicher) Wettkampf an dem 32 Personen beteiligt sind, von dem die SCHACHFREUNDE in 100 Jahren noch reden werden.

(c) Viennawolf 03.05.2005

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