Ein lebensfreundliches Europa?

Umfragen zufolge wissen viele Europäer nur wenig über die EU. „Brüssel“ scheint weit entfernt vom Alltag der Menschen. Die Kluft zwischen der Bevölkerung und den politischen Eliten schadet der Demokratie und untergräbt die Legitimität der EU.

Die Entwicklung der Union stand bisher unter dem Zeichen der wirtschaftlichen Integration. Die Einführung des Euro als gemeinsame Währung, die von der großen Mehrheit der augenblicklichen Mitgliedsstaaten angenommen wurde, symbolisiert dabei den krönenden Abschluss. Diese Entwicklung ist hauptsächlich das Ergebnis technokratisch-administrativen Wirkens und von Entscheidungen, die auch sehr oft Kompromisse zwischen nationalstaatlichen Interessen waren und noch immer sind. Die Bürger haben diesen Zustand angenommen, haben daran jedoch praktisch nicht teilgenommen. Doch das aufgeklärte technokratische Regieren in einer auf 25 Staaten angewachsenen Union ist heute sicher nicht mehr zeitgemäß. Die Trennung zwischen Bürgern und Institutionen tritt heute offen zutage. Auch wenn sich die europäischen Institutionen darüber beunruhigen, Konsequenzen haben sie daraus bisher kaum gezogen.

Wir leben in einer kapitalistischen Wirtschaftsgesellschaft, die sich schleichend ihrer demokratischen Kontrolle entzieht. Der gesellschaftliche Wandel verläuft immer stärker nach kapitalistischen Mustern. Er wird zunehmend von Kräften und Entscheidungsträgern der Wirtschaft gesteuert, die sich ausschließlich am Gewinn und an eigenen Wettbewerbsvorteilen orientieren und danach streben, ihre gesamten Mitbewerber zu verdrängen. Wir empfinden diese Entwicklung als so massiv, dass wir vom Niedergang des traditionellen europäischen Modells wohlfahrtsstaatlicher Prägung sprechen.

Der Triumph des Kapitalismus, wie er in Fukuyamas populären Buch „Das Ende der Geschichte“ verkündet wurde, war voreilig. Fukuyama selbst äußerte sich später in seinem Folgebuch „Vertrauen“ besorgt darüber, dass der Kapitalismus dazu beitrage, das soziale Kapital der Gesellschaft nachhaltig zu untergraben. Ohne Vertrauen werde aber das soziale Kapital geschwächt und darunter leide wiederum die wirtschaftliche Produktivität.

Die Wirtschaft ist nicht produktiv, effizient und wirklich ausreichend für menschliche Bedürfnisse da, wenn ihre Aktivitäten die Kultur beherrschen. So schrieb selbst der Vordenker der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith. Sein Buch „Theorie der Gefühle“, das bereits seit 10 Jahren ein Bestseller war, bevor er „Der Wohlstand der Nationen“ schrieb, zeigt die Bedeutung moralischer Überlegungen für die Sicherung von Frieden, Ordnung und Fortschritt einer Gesellschaft. Aus beiden Bücher zusammen betrachtet, können wir folgendes ableiten: Wenn die moralischen Grundsätze einer Gesellschaft durch Laisser-faire oder neo-liberalen Kapitalismus zerstört werden, dann werden auch die Langzeit-Voraussetzungen für die Effizienz der Märkte untergraben.

Wenn der Staat seinen Einfluss im Wesentlichen auf nationaler Ebene ausübt, der Markt aber international operiert, dann besteht die akute Gefahr, dass sich die Marktkräfte gegen die Demokratie, gegen die Umwelt, gegen die soziale Gerechtigkeit durchsetzen. Das ist das Dilemma der Globalisierung.

Man spricht von „elitärer Globalisierung“, wenn die damit gemeinten Auswirkungen des weltweit vernetzten Wettbewerbs das Wohl weniger auf Kosten vieler herbeiführen. Sie wird von einigen wenigen, reichen und mächtigen Menschen befürwortet, die wichtige globale Institutionen wie die WTO, den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und die OECD lenken. Sie fördert die einseitige wirtschaftliche Integration, die wirtschaftliche Interessen über die Bedürfnisse der Natur, der Menschen und der Gesellschaft als Ganzes stellt. Deshalb bringt sie viele unerwünschte Formen des Wachstums hervor und schließt massive Armut für Milliarden von Menschen, weiträumige Umweltzerstörung und wachsende Unruhe in der Gesellschaft mit ein.

Während die Staaten dies offenbar als unvermeidbares Schicksal hinnehmen, hat sich innerhalb der Zivilgesellschaft Widestand formiert. Ich nehme für diesen Artikel Nicanor Perlas, der als Wortführer philipinnischer Bürgerbewegungen zu dieser Entwicklung beigetragen hat, als personifiziertes Beispiel, weil seine Thesen sehr gut zu den Ideen des „KünstlerInnen- und BürgerInnenkollektivs joyfuleurope“ passen.

Nicanor Perlas formuliert in seinem Buch „Die Globalisierung gestalten – Zivilgesellschaft, Kulturkraft und Dreigliederung“ eine Gliederung für das Sozialgefüge: Staat, Kultur und Wirtschaft. Er misst der Kultur eine besondere Bedeutung bei. Die kulturell Kreativen, jene, die die Vielfalt kennen, schätzen und gegen die ökonomisierte Monotonie verteidigen, stehen den Materialisten, Modernisten und ökonomischen elitären Globalisierern gegenüber.

Ein gesundes kulturelles Leben, das auf der Entwicklung aller menschlichen Fähigkeiten aufbaut, schaffe nach Perlas starke Barrieren gegen die drohenden Auswirkungen einseitigen Wirtschaftswachstums oder die Überbetonung politischer Macht. Auf diese Weise können die besten Eigenschaften aus Kultur, Politik und Wirtschaft zusammengebracht werden, um eine freie, gerechte, gedeihende und nachhaltige Gesellschaft hervorzubringen. Erst wenn eine Gesellschaft erkennt, dass Kultur eine unabdingbare Quelle politischer Gerechtigkeit und eine wesentliche Voraussetzung für die Schaffung einer dynamischen, produktiven und umweltfreundlichen Wirtschaft ist, kann Materialismus und elitäre Globalisierung überwunden werden.

Hier schlagen wir die Brücke zu unserem Projekt. „joyfuleurope“ entspringt der Idee, das Einfordern einer lebensfreundlichen EU visuell und musikalisch umzusetzen und nicht so lange zu warten, bis die Europäische Union rundum eine lebensfreundliche geworden ist. Sondern eine ideelle Gemeinschaft zu schaffen, die von einer beflügelnden Perspektive zusammengehalten wird. Der Vorstellung von einer Welt, die sich durch Lebensfreude und Lebensfreundlichkeit auszeichnet.

„joyfuleurope“ ist die mentale Umsetzung des Lebensfreundlichkeitprinzips. Das Hymnenkonzept die emotionale. Sein Wesen ist Vielfalt in der Einheit und Einheit in der Vielfalt. Durch textliche Adaptionen verbinden verschiedene stilistische Versionen europäische und nationalstaatliche Aspekte.

Kultur befasst sich mit dem Bereich von Ideen in ihren unterschiedlichen, vielfältigen Formen wie Weltanschauungen, Wissen, Bedeutungen, Symbolen, Identität, Ethik, Kunst, Spiritualität und vieles mehr. Sie ist der soziale Raum, in dem Identität und Sinn entstehen, untrennbar miteinander verbunden sind und den Menschen Orientierung gibt. Verlust von Sinn und Bedeutung führt zu einer Häufung von destruktivem Verhalten. In diesem Sinn ist „joyfuleurope“ der Versuch einer Umgestaltung der elitären Globalisierung in Europa, um auf der Grundlage von Nicanor Perlas beschriebenen Dreigliederungprozessen nachhaltige Entwicklung zu erreichen, welche die Zivilgesellschaft in alle relevanten Bereiche des sozialen Lebens einführen soll.

Dieser Artikel erschien zuerst in “GLOCALIST Review Nr.115″

(c) Viennawolf 2006

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