Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 03

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Gehen wir davon aus, dass nur geschichtlich gewachsene Ideen, Bewegungen und Ideologien Gegenstand ideengeschichtlicher Untersuchungen sein sollten, kann festgestellt werden , dass beide gegenständlichen Bewegungen, der Liberalismus bzw. die den Sozialismus verwirklichen wollende Sozialdemokratie, solche geschichtlich gewa-chsene Ideen sind, wobei beide, der gesellschaftlichen Entwicklung folgend, zu politische Parteien wurden. Ihre Entwicklung widerspiegelt gleichermaßen auch einen Abschnitt der europäischen Kulturgeschichte.

Auf dem europäischen Kontinent entwickelten sich aus dem Wirrwarr von Ideologien rund um den Freiheitsbegriff verschiedene gesellschaftspolitische Anschauungen, welche mit der Zeit sukzessive zu Bewegungen wurden. So entstanden in der Moderne, z.B. während des Pariser Konvents 1789, die politischen Begriffe Rechts und Links. Daraus Konservativismus, Nationalismus, Kommunismus, Sozialismus. All diese hatten ein mehr oder weniger differenziertes Verhältnis zur Freiheit. Auf die Demokratie wurde bis nach 1945 vergessen. Nicht so in Großbritannien und den USA wo erkannt wurde, dass Freiheit ohne Demokratie keine Freiheit ist, denn das im Menschen innewohnende moralische Gefühl für Freiheit kann sich nur in einer Demokratie artikulieren. Das war ein Denkvorgang der zur Erkenntnis führte: Die Demokratie entstand aus der Verschmelzung der in der menschlichen Seele innewohnenden unendlichen Sehnsucht nach Freiheit, mit den moralischen Anforderungen der, aus der Menschenwürde ableitbaren Gleichheit. Das heißt, dass der unaufhörliche Freiheitsdrang des Menschen die Demokratie entstehen ließ. Die Idee des Liberalismus war damit geboren: Der Liberalismus ist die aus dieser Verschmelzung entstandene Symbiose aus Freiheit und Demokratie und bildet so, Kraft der Menschenwürde, von Anfang an die Grundlage der Menschenrechte. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden wurde aus der Idee des Liberalismus eine Verhaltensweise, welche die Menschenrechte vor Augen, immer im Dienste einer gegenwärtigen Zivilisation steht und bestrebt ist deren Probleme in der Gegenwart zu lösen. Pragmatismus.

Im Gegensatz zum Liberalismus versucht die Idee des Sozialismus, besonders die von Marx geprägte, mit Hilfe eines Konstrukts, genannt „Historischer Materialismus“, aus der Vergangenheit schöpfend, Probleme der Gegenwart in einer zukünftigen Zivilisation zu lösen. Ein Vorgang der sich in der Praxis als mörderisches und verachten-wertes Experiment mit Menschen erwies.

Schwer verständlich ist auch die Einstellung der häufig ultramontanen Konservativen des Kontinents, die alle darauf ausgerichtet sind den Lauf der Geschichte bremsend, Gegenwart und Zukunft für die hierarchische Weltanschauung einer vergangenen Zivilisation zu vereinnahmen. Da im Gegensatz zu den individualistischen Liberalen, sowohl die Sozialisten als auch die Konservative grundsätzlich Kollektivisten sind, reichen sie sich oft die Hände mit den ebenfalls kollektivistischen Nationalisten, die zusätzlich mit dem Rassen und Führersyndrom behaftet sind. Alle drei zählen seit jeher zu den Gegnern des individualistischen Liberalismus.

Volle Aufmerksam verdient die von James Madison verfasste, der Geschichtsautomatik von Platon, Hegel und Marx widersprechende Definition der Demokratie: „Die Demokratie ist frei von Tyrannei. Die Demokratie ist keine Tyrannei. Daraus ist zu schließen, dass die Demokratie nicht die Tyrannei eines Einzelnen, auch nicht die Tyrannei der Wenigen ist. Sie ist auch nicht die Tyrannei einer Mehrheitsherrschaft, weil die Gefahr besteht, dass diese keine Demokratie mehr ist und die Vorstufe einer Diktatur als Antithese zur Demokratie in sich birgt. Hier setzen die universellen Menschenrechte als Korrektiv Grenzen dieser Mehrheitsherrschaft“.

Im Alltagsleben jedes Geschichtsabschnittes hat sich der Geist des Liberalismus, d.h. Freiheit und Demokratie, dadurch manifestiert, dass er unaufhaltsam in alle ökonomischen, sozialen und kulturellen Institutionen, ja selbst in alle politischen Parteien mit mehr oder weniger Erfolg einsickernd, immer darauf achtete, dass das liberale Gedankengut aus der Alltagspolitik nicht verdrängt wird. Denn wenn das liberale Gedankengut aus der Alltagspolitik verdrängt wird, würde auch die Demokratie schrittweise verdrängt werden, bis sie gänzlich verschwinden würde.

Zu Teil 4

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

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