Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 04

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Der geistige Kern des einheitlichen Liberalismus wurde im 17. und 18. Jahrhundert von Philosophen und Ökonomen der schottisch, englischen und der französischen Aufklärung begründet. Von ihnen erfuhr die Welt von einer, auf das Naturrecht aufgebauten ethisch-ästhetischen Lebensauffassung, wonach der Mensch eher gut sei und dass er ein angeborenes moralisches Sinnesempfinden hat und auch bestimmte angeborene Rechte besitzt, wie das Recht auf Genuss von Leben und Freiheit sowie das Recht auf Eigentum hat. Sie verbreiteten auch die neue Wissenschaft, die Politische Ökonomie und verbanden diese mit der Tugend, wie diese zu zügeln seien. Auch die Begriffe freier Handel, Arbeitsteilung, Gewaltentrennung und parlamentarischrepräsentative Demokratie sind mit ihren Namen verbunden. Im 19./20. Jahrhundert erfuhren diese liberalen Ideen eine Erweiterung durch die Verkündung der politischen Moral1 und der Idee vom Wohlfahrtsstaat2. Alle angeführten Ideen, Lehren und Begriffe sind integrierende Bestandteile des geistigen Kerns des einheitlichen Liberalismus geworden.

Die Verbreitung und Verwirklichung der Ideen und Werke dieser Denker wurde in Mitteleuropa durch Religionskriege, Gegenreformation und Kriege der Dynastien verhindert. Ziel einer dieser dynastischen Kriege war die Zerschlagung und anschließende Aufteilung des Königreichs Polen, weil „in den Adern der polnischen König kein adeliges Blut floss“ und laut Urverfassung noch immer die freie Königswahl praktiziert wurde. Mit diesem Akt verschwand ein Land samt seines Volkes von der Landkarte Europas. Diese „revolutionäre Tat“, so Lord Acton, bewirkte die Entstehung des neuzeitlichen Nationalismus3.

Es entstand ein Mythos in dem die Gloria der Nation wichtiger wurde als das Wohl des Volkes. Damit begann der ideologische Irrweg der Liberalen östlich des Rheins und nördlich der Alpen. Weder die glorreiche englische Revolution von 1678/79 noch die Virginia Bill of Rights 1776, ja nicht einmal die, das ganze Jahrhundert politisch prägende, von den an die Macht gelangten Liberalen ausgelöste Julirevolution 1830, wurde Ziel und Vorbild der liberaler Bewegungen in Mitteleuropa. Vielmehr wurden dem gefühllosen Positivismus, dem diktatorischen Gesamtwillen Rousseaus, dem kategorischen Denken Kants, den Jakobinern, der Totalität Hegels, dem Nationalismus der Französischen Revolution 1789 gehuldigt und gefolgt. Letztere verkündete zwar ihre Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, konnte jedoch wegen der Doktrin des Gesamtwillens mit der Demokratie nichts anfangen.

Auch für die, ihre nationale Identität und Einheit anstrebenden Völker Europas, den Deutschsprachigen, den Slawen und den Ungarn diente die Revolution 1789 als Vorbild. Sie alle kämpften für die Freiheit ihrer Nation – aber für die Demokratie und die Freiheit anderer Nationen hatten sie kaum Verständnis. Die Gleichsetzung der Freiheit mit dem Nationalgefühl war und ist einer der größten Etikettenschwindel der Geschichte und verhinderte die Verwirklichung der Demokratie. Auch führt er heute noch zu verschiedenen, oft willkürlichen Auslegungen darüber was der geistige Kern des einheitlichen Liberalismus sei. Werden sowohl die geistigen als auch die politischen Strömungen die zur Entstehung des geistigen Kerns des einheitlichen Liberalismus geführt haben vorurteilslos analysiert, stellt sich heraus, dass wir es mit zwei sich liberal bezeichnenden Bewegungen zu tun haben, die nur das Ideal Freiheit verbindet: Mit einer, in deren Mittelpunkt besonders die universellen Menschenrechte und die Handelsfreiheit steht und mit einer, der die Perzeption zu diesen beiden Begriffen fehlt und die eher auf das Nationale bedacht nimmt. In diesem Auffassungsunterschied liegt die „Un-Einheit“ der kontinentalen Liberalen.

Zu Teil 5

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

1 Lord Acton: „Revolution oder Freiheit“ Braumüller Verl. 1950 (Übers. G. Coudenhove)

2 Lloyd George: „Ein besseres Leben“ 1910

3 siehe o. a. Schrift

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