Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 05

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Die anfangs zitierte, bei vielen Liberalen Kopfschütteln auslösende Behauptung Dahrendorfs „…am Ende sind wir alle Sozialdemokraten geworden“ kam nicht von ungefähr – sie hat bei den Liberalen Deutschlands Tradition. Der Kampf ums Nationwerden nahm anscheinend die geistigen Kräfte der angehenden Liberalen Mitteleuropas derart in Anspruch, dass sie die geschichtlichen Ereignisse in Frankreich, wo sich eine liberale Politphilosophie entwickelte und die Julirevolution von 1830 entflammen konnte, nicht wahrnehmen konnten.

Dieses Verhalten der Liberalen Mitteleuropas ist insofern unverständlich, als dass gerade durch diese Revolution der liberale Geist in Europa erstmals obsiegte und die wichtigsten liberalen Ziele verwirklicht werden konnten. Diese Revolution machte als einzige auf dem Kontinent mit dem „ancien regime“ endgültig Schluss und öffnete dadurch der parlamentarischen Demokratie den Weg in ganz Europa. Das allgemeine Wahlrecht und das Zweikammersystem wurde eingeführt und später die Republik ausgerufen. Obwohl diese Errungenschaften das Produkt einer liberal-demokratischen Politik war, fand sich keine liberale Kraft in Mitteleuropa die diese Institutionen im eigenen Land hätte durchsetzen können. Die Liberalen Mitteleuropas konnten mit dieser gesellschaftspolitischen Entwicklung nichts anfangen, denn der Gedanke an die Größe der Nation unterdrückte alle anderen Gefühle. Ja ganz im Gegenteil! Die herrschenden Eliten fanden nur Abscheu und Spott für derartige Neuerungen. Eklatantes Beispiel dafür ist die von vielen u.a. auch von Hegel in mehreren Artikeln geäußerte Verhöhnung der parlamentarischen Demokratie und der Reformen 1832 in Großbritannien.

Die Revolutionen 1848 waren nationale Revolutionen und ihre Protagonisten zeigten wenig Neigung zur Demokratie. In den deutschen Landen mündeten die 1848-er Revolutionen in einen, in der Paulskirche zu Frankfurt, auf Betreiben des Junghegelianers Bismarck durchgesetzten und verkündeten Verfassungsentwurf. Dieser sah vor, dass Österreich und die Nichtdeutschsprachigen aus einem zukünftigen, unter der Führung eines Hohenzollern Königs vereintem Deutschland auszuschließen seien. Obwohl dieser Entwurf von im Vergleich zu den damaligen Verhältnissen demokratisch aufgestellten Delegierten verfasst wurde, ließen sie die Demokratie im Entwurf vermissen. Die Mehrheit nahm es in Kauf, dass durch den Ausschluss der Nichtdeutschsprachigen nicht nur die Zerstörung der Habsburgermonarchie, sondern auch die Spaltung Mitteleuropas in sich barg. Der Nationalismus, eine dem Menschen nicht angeborene Eigenschaft, hat sein zerstörerisches Werk begonnen. Noch dazu viel früher als der genauso zerstörerische und Angst einflößende „Geist“ des Kommunismus. Beide Geister, der Nationalismus und der Kommunismus gingen in Europa um und verhinderten gemeinsam das Aufkommen einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung. Sie sind Parallelideologien, die sich nie kreuzen, aber gelegent-lich gefährliche Berührungspunkte aufweisen. Beispiel: Nationalsozialismus und Nationalkommunismus. Nebenbei sei vermerkt, dass Marx und Engels Großdeutsche waren.

Zu Teil 6

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

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