Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 07

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Es blieb keine Zeit sich zwischen National, Links-Rechts- oder Wirtschaftsliberalismus zu entscheiden, denn der Erste Weltkrieg war ausgebrochen. Nach dem Krieg wurde ganz Europa, mit Ausnahme einiger Länder, wenn nicht totalitär faschistisch, so zumindest stark autoritär. Für Liberale gab es kaum Bewegungsmöglichkeiten. In der kurzlebigen Weimarer Republik drifteten die Ansichten der Liberalen genauso auseinander, wie vorher. Naumann und auch der erfolgreiche Außenminister und Kanzler der Weimarer Republik, der liberal gesinnte Stresemann waren tot und der Nationalsozialismus sorgte dafür, dass Freiheit und Demokratie verschwinden.

Auch nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges fanden die Liberalen des Kontinents nicht zu den Menschenrechten, dem von Naumann vermissten, weil auch nicht gesuchten geistigen Kern des einheitlichen Liberalismus. Da nutzte auch die in der französischen Verfassung verankerte Deklaration der Menschenrechte von 1789 nichts. Die noch immer national angehauchten Liberalen konnten oder wollten es nicht wahrhaben, dass der gesuchte geistige Kern gerade in diesen universellen Menschenrechten steckt. So wie sie ursprünglich in der von Jellinek zitierten Virginia Bill of Rights 1776 enthalten sind?. Die zersplitterten Liberalen waren nicht bestrebt diese zu verwirklichen und damit liberale Politik zu machen. Einer willensstarken Frau, Eleonore Roosevelt gelang es nach drei Jahren zähen Ringens die Vollversammlung der Vereinten Nationen 1948 zu überzeugen, die universellen Menschenrechte anzuerkennen und als Resolution für alle Staaten verpflichtend zu verkünden. Die Liberalen Europas versäumten die Gelegenheit Europa darauf aufmerksam zu machen, dass diese verkündeten Menschenrechte ihre ureigene Ideologie dar-stellt und, das das Ziel ihrer politischen Aktivität die konsequente Verwirklichung dieser Rechte ist. Mit größtem Bedauern ist anzunehmen, dass sie an diese Möglichkeit gar nicht dachten, so wie sie das bis heute nicht tun.

Europas Wiederaufbau erfolgte im Rahmen eines von Keynes empfohlenen Wirtschaftssystems (Mäßige Kriegsreparation, Bretton-Woods, IMF, IBRD, Marshallplan etc.) für welches sich zumeist die Konservativen einsetzten um sich damit zu schmückten. An dieser Stelle ist auf das sträfliche Versäumnis der deutschen Liberalen jener Zeit hinzuweisen. Sie kümmerten sich so intensiv um ihre Kriegshelden, um ihr rot-weiß-schwarzes Image und um die Freilassung der verurteilten Kriegsverbrecher, dass sie das von der, noch während der Nazizeit von Walter Eucken und dessen Mitstreitern, im Auftrag des Widerstandes entwickelte Konzept der neoliberalen Marktwirtschaft (Freiburger Schule), nicht wahrnamhen und es nicht als ihr politisch-ökonomisches Programm verkündet haben. Statt dessen überließen sie in ihrem Ritterkreuzträgerwahn dem ökonomisch äußerst kompetenten, jedoch zu den Konservativen gewechselten Ludwig Erhart den Ruhm die im Geiste liberale und soziale Marktwirtschaft erfolgreich anzuwenden.

In der Phase zwischen 1955 und 1985 in der die Sozialdemokratie Europas sich immer mehr von Marx distanzierte und in der deutschen Sozialdemokratie der schicksalsschwerste Paradigmenwechsel ihrer Geschichte stattgefunden hat dessen Höhepunkt sich 1959 im Bad Godesberger Programm manifestierte, wollten die deutschen Liberalen wieder Sozialdemokraten werden. Und schon hat sich ihr bekannter Ideologe Karl-Hermann Flach zu Wort gemeldet. Er schrieb 1971, als Dahrendorf noch den Marx-Experten abgab, in seinem Aufsatz “Noch eine Chance für den Liberalismus“ unter dem, nicht nur Liberale stutzig machenden Untertitel „Kleiner liberaler Katechismus“, sich selbst widersprechend, folgende konfuse Sätze, die auch als Requiem des deutschen Liberalismus aufgefasst werden kann:

Die Befreiung des Liberalismus aus seiner Klassengebundenheit und damit vom Kapitalismus, ist daher eine Voraussetzung seiner Zukunft. Der Liberalismus wird zum Sozialliberalismus“.

Anscheinend hatte Flach die ökonomisch und sozial motivierten Bewegungen, die zur Entstehung und Entwicklung des nach Freiheit und Demokratie strebenden Liberalismus, von der Antike bis in die Moderne nicht verfolgt oder missverstanden. Die im 18. und 19. Jahrhundert, vom Geiste des Liberalismus durchdrungenen Errungenschaften in England, der Schweiz, Italien, Russland, USA, sogar in Asien und Südamerika, wurden bis heute weder anerkannt, geschweige denn gewürdigt.

Zu Teil 8

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

? Siehe dazu Lorant Rácz: „Liberalismus – das europäische Missverständnis“ Wien 2008

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