Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 10

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Mit der industriellen Revolution des 18/19 Jahrhunderts erfuhr die europäische Gesellschaft die in ihrer Geschichte vermutlich größte ökonomische Umwälzung. Geld und Arbeit versuchten erfolgreich die feudalen Strukturen zu sprengen und das Laissez Fair bewirkte mit der Zeit, dass der Bodenzins vom Geld-, später Kapitalzins abgelöst wurde. Die europäischen Gesellschaften befanden sich einige Zeit in halbfeudalen Zustand. In dieser Epoche des Umbruchs, in der die Geldwirtschaft zu dominieren begann und die Manufakturen noch kaum zu Industriebetrieben erwuchsen, verkündeten in alter angsterregenden Prophetenmanier Marx und Engels ihr „Kommunistisches Manifest“. Die ökonomischen und politischen Verhältnisse dieser Epoche wiesen ideologisch kaum erkennbare „kapitalistische“ Züge auf. Die schrittweise Abkehr von der Natural zur Geldwirtschaft und der damit verbundene Verfall des Bodenzinses zu Gunsten des Kapitalzinses führte zur Aufhebung der Leibeigenschaft und führte zur Landflucht was wiederum zur explosionsartigen Zunahme der Land- und Besitzlosen, die alle in die Städte strömten und Arbeit gegen Bezahlung d.h. gegen Lohn suchten. Es entstand der bis dahin unbekannte Begriff der Lohnarbeit. Als die Zahl der Arbeitsuchenden immer stärker zunahm, entstand ein bis dahin ebenfalls unbekanntes Phänomen, die Arbeitslosigkeit. Diese bewirkte eine Not, die ein für unsere heutigen Vorstellungen unfassbares Elend verursachte.

David Ricardo erkannte am Anfang des 19 Jahrhunderts dieses Phänomen und entwickelte daraus die Theorie vom „ehernen Lohngesetz“, das von Lassalle und Marx akzeptiert aber unterschiedlich aufgefasst und politisch verschieden ausgenutzt wurde. Beide waren sich einig, dass dieses „Gesetz“ der Grund für die aufgetretene und stete Verelendung der Arbeitermassen verantwortlich sei. Auch herrschte darüber Einigkeit, dass diese vom Kapital durch Ausbeutung ausgelöste Verelendung nur durch eine grundlegende Veränderung der herrschenden Gesellschaftsordnung erreicht werden kann. In der Frage wie diese Veränderung herbeigeführt werden soll schieden sich die Geister. Marx meinte, dem „Gesetz“ teilweise widersprechend, dass die Reproduktionszeit der Arbeiterschaft zu lange dauere und daher verkürzt werden muss. Er und seine Jünger verwiesen auf den historischen Materialismus und bestanden auf die durch eine Revolution ausgelöste gewaltsame Veränderung und der darauf folgenden Diktatur des mehrheitlichen Proletariats.

Lassalle respektierte alle Thesen von Marx, entschied sich aber für einen politisch friedlichen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, und zwar über die Durchsetzung allgemeiner und freier Wahlen und Sozialgesetzen. Hier könnte man einen Einfluss des Liberalismus entdecken. Diese Ansicht Lassalles führte zum ersten Bruch mit Marx und dessen Ideologie. Damit begannen die immer wieder aufflammenden ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratie. Sie endeten 1959 mit dem Bad Godesberger Programm bzw. wie Dahrendorf es beschrieben hatte mit dem Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts.

Zu Teil 11

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

About the Author

has written 198 stories on this site.

One Comment on “Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 10”

Trackbacks

  1. Liberalismus und Sozialdemokratie - Teil 09

Write a Comment

Gravatars are small images that can show your personality. You can get your gravatar for free today!

Copyright © 2019 Viennawolf-MAGAZIN. All rights reserved.
Powered by WordPress.org, Custom Theme and ComFi.com Calling Card Company.