Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 11

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

In einem durch Ausbeutung und Elend gekennzeichneten Umfeld formierten sich Arbeitervereine, die anfangs zur geistigen Fortbildung ihrer Mitglieder dienten. Der überwiegende Teil der Arbeitervereine huldigte den Lehren von Marx und Engels. Ein kleinerer, aber nicht unwesentlicher Teil dieser Vereine lehnte Marx und so die revolutionäre Gewalt ab und folgten der sich stark verbreitenden christlichen Soziallehre, deren wesentlichste Aufgabe in der Verwirklichung der „sozialen Gerechtigkeit“ gesehen wurde. So entstand eine weitere ideologische Spaltung innerhalb der Arbeiterbewegung. In diesem Zusammenhang ist es unvermeidlich auf die widersprüchlichen ideologischen Auseinandersetzungen aufmerksam zu machen, die sowohl unter den Liberalen und in der Sozialdemokratie stattgefunden haben. Denn diese bewirkten einschneidenden inhaltlichen Veränderungen in beider politischen Bewegungen. Um diese ideologischen Vorgänge verständlicher zu machen sei ein kurzer ideengeschichtlicher Exkurs erlaubt.

Die so genannte Arbeiterkasse entstand nicht nach dem Strickmuster des von Marx sakrosankt vertretenen historischen Materialismus, sondern war ein Erfolg der liberalen Bewegung, die durch die Lockerung und der späteren Aufhebung der Leibeigenschaft eine industrielle Revolution im 18/19 Jahrhunderts überhaupt ermöglichte. Sie bewirkte eine explosionsartige Zunahme der Geburtenrate in ganz Europa und es entstand ein millionenfaches Heer von Land- und Besitzlosen, die vor dem Nichts standen. Sie strömten in der Hoffnung in die Städte um dort eine neue Existenz aufbauen zu können.

Die industrielle Entwicklung konnte diese massenhaft frei gewordener Arbeitskräfte nicht so schnell aufnehmen. In den überfüllten Städten kam es zu Not und Elend und es entstand ein Städteproletariat. Ihr recht- und hilfloser Zustand rief bei den Massen das berechtigte Gefühl der Ungerechtigkeit hervor. Der bis dahin hoffnungsvolle Begriff „liberal“ fürs Freisein wurde durch das mehr versprechende, vom Begründer des Positivismus und der „Sozialwissenschaften“ August Comte kreierte „sozial“ (fr. social) verdrängt und entwickelte sich in kürzester Zeit zum Synonym eines alle wirtschaftliche und politische Probleme lösenden Heilrufes. Um 1820 taucht überhaupt der Begriff „Sozialismus“ auf. Um den Nachweis zu erbringen, dass der Sozialismus eine Notwendigkeit und Voraussetzung des Kommunismus sei formulierte Marx mit Hegels historisch-dialektischen Materialismus den jeder Vernunft widersprechenden Begriff des „wissenschaftlichen Sozialismus“, um die höchsten Stufe der menschlichen Entwicklung zu erreichen. Dabei zog er nicht in Betracht, dass er es im 19. Jahrhundert bereits mit einer komplexen, arbeitsteiligen Groß und nicht mit einer Stammes bzw. einer Städte- Kleingesellschaft zu tun hatte. Ebenso verschwieg er diskret, dass Silber und Gold, naturbelassen oder als Münzen verarbeitet, schon seit Menschengedenken vorhanden waren und als Zahlungsmittel dienten und durch Zinseszinsen akkumuliert, jede Gesellschaftsform bestimmte und überlebte. Durch die Marx´sche Ideologie wurde „sozial“ nicht nur umgangssprachlich mit Sozialismus identifiziert sondern wurde auch als Synonym dessen gedacht und gehandelt. Der Umstand, dass der Begriff „Sozial“ in die Wörter Sozialismus und so auch in Sozialdemokratie eingebettet wurde, verursacht heute noch begriffliche Irritationen.

Zu Teil 12

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

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