Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 13

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Nach diesem kurzen Exkurs zurück zum Thema.

Als der Geist des Kommunismus auf Europa losgelassen wurde eroberte er in erster Linie die Köpfe von so genannten Intellektuellen auf die im Einzelnen noch hingewiesen wird, waren vom Manifest begeistert und verkündeten alle die Weltrevolution. Aber noch zu Marxens Lebzeiten wurde sie von den Arbeiterbewegungen Englands, wo Marx lebte, der Schweiz und Skandinaviens abgelehnt. Die Propagierung des gewaltsamen gesellschaftlichen Umsturzes durch die Weltrevolution war der Grund, dass in allen anderen Ländern Europas die Arbeiterbewegungen verfolgt und größtenteils auch verboten wurden. Besonders in Frankreich konnten Marx und Engels nicht punkten, wo seit der liberalen Julirevolution von 1830 eine parlamentarische Demokratie entstanden ist in der Freiheitsrechte garantiert wurden. Zwar entstanden, dem „Marxismus“ huldigende Vereinigungen aber keine Parteien im Sinne des Manifestes. Diese wichen schon im Augenblick ihrer Entstehung von Marxens Thesen dadurch ab, dass sie die Verwirklichung ihrer Ziele, d.h. dem Sturz der herrschenden Gesellschaftsform und des Staates eher im anarchistischen Syndikalismus (Boykotte, Streiks, Anschläge) und in der Bildung von Gewerkschaften sahen, als in einer straff organisierten Partei, wie Marx es forderte. Was von fast allen Marxjüngern aus der Geschichte der Arbeiterbewegungen gerne verschwiegen wird ist die Tatsache, dass in Frankreich zum ersten Mal an der von Marx und Engels verkündeten Erlösungstheorie, deren Ausgangspunkt die zum Dogma erhobene These von der steten Verelendung der Arbeitermassen ist, gerüttelt wurde. Diese Geisteshaltung kam in der politischen Literatur zum Ausdruck.

Schon 1840 erschien die von Marx völlig missverstandene Schrift von Pierre-Joseph Proudhon „Was ist Eigentum“. Missverstanden deshalb, weil Proudhon das Eigentum nur bändigen, aber nicht abschaffen wollte. 1846 erschien Proudhons wissenschaftliche Schrift „Die Widersprüche der Ökonomie oder die Philosophie des Elends“ Der in seiner fast blinden Obsession verhaftete Marx interpretierte auch hier den Ausdruck „Eigentum ist Diebstahl“ falsch und wie zu meist polemisch unwissenschaftlich. (Anmerkung: Seine weniger belesenen Jünger verwenden diesen Spruch als ideologisches Argument, denn sie wissen nicht von wem er stammt). Proudhon äußert in seiner Arbeit Zweifel an der Verelendungstheorie von Marx und Engels. Außerdem lehnte er die Gewalt generell und die revolutionäre Gewalt im Besonderen ab und warnte fast prophetisch vor dem autoritären Sozialismus in welchem sich intolerante Führer zu Aposteln einer neuen Religion machen. Man mag zu Proudhons Gerechtigkeitstheorie stehen wie man will, jedenfalls fühlten sich Marx und Engels auf die Zehen getreten. Marx verfasste als Replik 1847 ein Gegenpamphlet mit dem Titel „Das Elend der Philosophie“. Anscheinend vom Wortspiel der Titel begeistert, wird Marx, wie üblich, in seinem Ton ausfällig, unflätig und beleidigend. Er überhäuft Proudhon mit unbewiesenen Vorwürfen, er nannte Proudhons Gedankengang die „Ausgeburt“ eines „Bourgeoisozialismus“ und nannte ihn verächtlich einen Harmoniedenker und Kleinbürger. Mit diesen vulgären Ausdrücken entlarvte Marx sich selbst und seine Ideologie. Harmonie war für ihn abstoßend, denn er dachte materialikstisch-apokalyptisch. Notabene war Marx in seinem Privatleben mit seinen größenwahnsinnigen Allüren der Kleinbürger per Exempel. Vielleicht gerade deswegen verstanden und folgten ihm zumeist Kleinbürger? Oder die die solche werden wollten?

Der beschriebene philosophische Schlagabtausch erfolgte unmittelbar vor dem Erscheinen des “Kommunistischen Manifests“ in französischer Sprache und machte den ideologischen Bruch zwischen zwei Auffassungen ein und derselben Ideologie perfekt. Seither zieht sich dieser Anschauungsunterschied wie ein roter Fadem durch die Geschichte der Sozialdemokratie. Auffallend eigenartig ist, dass die zuvor erwähnten philosophischen Schriften erst 1885, nach dem Tod von Karl Marx in einer deutschen Übersetzung von Bernstein und Kautsky erschienen sind, doch nur die Schrift „Das Elend der Philosophie“von Marx und das Plagiat-Schlagwortes „Eigentum ist Diebstahl“, ohne Bezug auf Proudhon, von den Marxjüngern bekannt gemacht wurden. Wieso erst so spät? War das Absicht? War es diesen Marxjüngern bzw. Engels peinlich, dass sich das Grundmotiv ihrer Ideologie, die Verelendung der Massen als unhaltbar erwiesen hat?

Zu Teil 14

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

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