Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 17

Motto:
Lechts und Rinks welden
sehl reicht velwechsert
(Ernst Jandl)

Auch in Frankreich und den skandinavischen Ländern waren die Sozialdemokraten erfolgreich und während die von Napoleon seither enttäuschten, orientierungslosen Liberalen Europas wiederum nicht wussten was zu tun sei, machten Faschismus und Nationalsozialismus der Demokratie in den meisten Ländern Europas den Garaus.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs versuchten die europäischen Sozialdemokraten ihre „doppelzüngige“ Politik fortzusetzen, sie wurden aber von den, von der Sowjetunion finanzierten Kommunistischen Parteien und zum Teil von den Konservativen überholt. Da nutzten auch die europaweit einsetzenden Verstaatlichungen nichts. Der Eiserne Vorhang fiel, womit auch das Schicksal der östlichen Sozialdemokratien besiegelt wurde. Die schriftlichen und mündlichen Äußerungen und Handlungen bekannter Sozialdemokraten, hatten nicht nur anekdotischen Wert, sondern formten auch das Gedankengebäude der modernen sozialen Demokratie.

Bereits 1946 definierte Schumacher den Sozialismus als „eine tägliche Aufgabe“. Womit er sich von jeglicher Endzielfixierung abgeschworen hatte und damit zu verstehen gab, dass sich die Sozialdemokratie eher bemühen solle Probleme der gegenwärtigen Zivilisation zu lösen, was nichts anders hieß, als einem liberalen Grundsatz zu entsprechen. Der aus dem zuerst sowjetischen, dann türkischem Exil zurückgekehrte Sozialist Reuter, rief als Oberbürgermeister von Berlin, während der Blockade 1948, zum Widerstand auf, um die Unfreiheit von Westberlin fern zu halten. Und Carlo Schmid bestätigte 1950: Bernstein hatte auf der ganzen Linie gesiegt. 1953 rüttelte Karl Schiller am sozialistischen Tabu des Wettbewerbs und machte sich für die Marktwirtschaft breit. Mitten im kalten Krieg stand die europäische Sozialdemokratie ratlos da, denn die objektiven Umstände verlangten nach anderen, neuen ideologischen Inhalten, als die bisherige Politik der hinhaltenden „Doppelzüngigkeit“: Die Sozialdemokratie musste sich von Marx zur Gänze abkoppeln. Besonders nachdem der gelernte Ökonom Ludwig Erhart seine Idee der „Sozialen Marktwirtschaft“ den Konservativen zur Verfügung stellte, wodurch diese, Keynes sei Dank, von Erfolg zu Erfolg eilten. Den Tiefschlag erlitt der Marxismus durch mehrere, den Sozialismus bis in seine Substanz erschütternden Ereignisse.

Am 17. Juni 1953 kam es zum Arbeiteraufstand in Ostberlin und fast gleichzeitig zum ideologischen Tiefschlag durch das „Juniprogramm“ von Imre Nagy in Ungarn, dem die Revolution von 1956 folgte. Die blutige Niederschlagung dieser von den arbeitenden Massen initiierten und geführten revolutionären Freiheitsbewegungen war der moralische Anlass für die europäische Sozialdemokratie sich von Marx endgültig zu verabschieden. Auch der Absturz der Kommunistischen Parteien nahm seinen Anfang, nachdem der italienische Chefideologe Palmiro Togliatti in einer 1955 erschienenen Abhandlung feststellte:

Die Erscheinungen der Diktatur des Proletariates (Personenkult, Verfolgungen, Missbrauch der Justiz etc.) sind unvermeidlich, da der Sozialismus gewaltimmanent ist. Sagte das nicht schon Proudhon vor mehr als hundert Jahre?

Zu Teil 18

(c) Collegium Liberale 2012
www.collegium-liberale.at

Der Autor, Dr. Lorant Racz war u.a. Leiter der AG zur Ausarbeitung des Grundsatzprogrames der FDP,
der ersten liberalen Partei Österreichs

About the Author

has written 198 stories on this site.

One Comment on “Liberalismus und Sozialdemokratie – Teil 17”

Trackbacks

  1. Liberalismus und Sozialdemokratie - Teil 16

Write a Comment

Gravatars are small images that can show your personality. You can get your gravatar for free today!

Copyright © 2019 Viennawolf-MAGAZIN. All rights reserved.
Powered by WordPress.org, Custom Theme and ComFi.com Calling Card Company.